Donald Trumps Paranoia Der Mann in der Blase

Donald Trumps liberalen Gegnern wird oft vorgeworfen, in einer Blase zu leben. Dabei befindet sich der US-Präsident selbst in einer gedanklich abgeschlossenen Welt.

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Zu den vielen interessanten Debatten, die Donald Trumps Sieg angestoßen hat, gehört die Frage, wie sehr sich die Eliten von den sogenannten Globalisierungsverlierern entfremdet haben. Die Blase ist zur Chiffre für all jene kosmopolitischen Schichten geworden, die nur in einem selbstreferenziellen System unterwegs sind und die Lebenswirklichkeiten von Trumps Anhängern bewusst oder unbewusst ausblenden.

Es gibt diese Tendenz, keine Frage. Aber vergessen wird in der Diskussion häufig, dass der Präsident selbst in einer besonders dicht verschlossenen Blase zu Hause ist.

Sechs Wochen ist Donald Trump jetzt im Amt, und in dieser Zeit hat sich gezeigt, dass er sowohl physisch ein begrenztes Interesse am Kontakt zur Außenwelt hat, als auch intellektuell nicht in der Lage zu sein scheint, seine Komfortzone zu verlassen.

Trump scheint unfähig zum Perspektivwechsel. Die Vorgänge rund um den Abhörvorwurf, den Trump am Wochenende gegen Barack Obama erhob, haben das exemplarisch veranschaulicht. Weil das Chaos seiner Amtsführung in der etablierten Presse kritisiert wird, sucht er sich Selbstbestätigung in seinen Lieblingsmedien. Gleichzeitig verstärken diese aber mit der Paranoia, die sie verbreiten, sein Gefühl, ein Verfolgter zu sein.

Freude über die Aufregung, die er erzeugt

Trump nimmt ein von rechten Kanälen gefiltertes Gerücht über Überwachungsmaßnahmen gegen ihn auf und spielt es über die sozialen Netzwerke an seine Anhängerschaft. Dann erfreut er sich einerseits an der Aufregung, die er erzeugt hat, und leidet andererseits noch stärker unter dem Gefühl, Opfer einer Intrige zu sein. Es ist ein Kreislauf des Schreckens.

Aus dieser Selbstbezogenheit kann Trump auch deshalb schwer ausbrechen, weil er sich im Weißen Haus fast ausschließlich mit Menschen umgeben hat, die ihn in seinen Haltungen bestärken. Wenn es schlecht läuft, flüstern seine Helfer ihm ein, auf welch erfolgreichem Weg er doch eigentlich gerade ist. Und weil alle wissen, wie wichtig es für Trump ist, sich der eigenen Bedeutung zu vergewissern, denken sie lieber zweimal nach, bevor sie dem Präsidenten eine schlechte Nachricht überbringen.

Auf diese Weise entsteht eine Parallelwelt, in der sein Wahlsieg so groß ist wie keiner seit Ronald Reagan und sein Start ins Amt so erfolgreich wie selten einer in der Geschichte Amerikas.

Trump hält sich für unfehlbar

Sein Unvermögen, aus der Blase herauszutreten, zeigt kaum etwas besser als sein Umgang mit Gegnern und Andersdenkenden. In den sechs Wochen seiner Amtszeit hat Trump nicht ansatzweise versucht, der Präsident aller Amerikaner zu sein. Statt all jenen, die ihn nicht gewählt haben, zumindest symbolisch ein paar Brücken zu bauen, beschimpft er Demonstranten, arbeitet sich an Richtern ab und legt sich mit dem Apparat an, um ja nicht den Kontakt zu seinen Anhängern zu verlieren.

Anders als Barack Obama fehlt Trump die Gabe, sich in die Empfindungen seiner Kritiker hineinzuversetzen. Ja, er unternimmt nicht einmal den Versuch, sein eigenes Agieren zu hinterfragen. Je mächtiger er wird, desto unfehlbarer scheint er sich zu wähnen, und desto tiefer verachtet er seine Gegner. Das macht ihn zu einem kleinen, zu einem kleingeistigen Präsidenten.

Das heißt nicht, dass Trump mit diesem Ansatz schnell scheitern muss. Es mag sein, dass er damit sogar Erfolg hat; jedenfalls hat der Wahlkampf gezeigt, mit wie viel Leben er seine Blase füllen kann. Aber in den Debatten über die vermeintliche Ignoranz und Entrücktheit seiner Gegner kann es helfen, hin und wieder auf den Präsidenten selbst zu verweisen.

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ackergold 08.03.2017
1. Trumps Erfolg ist nicht gleichzeitig ein Erfolg der Amerikaner
Im Gegenteil: Trump betet allein den Gott Mammon an, sein Bibelschwur war eine Farce. Aber egal: Entscheidend sind seine Taten und da kann ich bisher nicht den geringsten Nutzen für seine Wählerklientel erkennen. Demnach hat der Artikel Recht: Trump lebt in einer Blase - und zwar in einer, in der nur sein eigener Reichtum überhaupt eine Rolle spielt. Vielleicht kann mir jemand einen solchen Nutzen mal schlüssig erläutern.
Roland Bender 08.03.2017
2. ... er wird scheitern ... Aber es ist unklar, wer welchen Preis dafür zu zahlen hat.
Das Problem ist, daß er ein autokratischer Führer in eine demokratisierten Umwelt ist. Man sieht es an der Gesundheitsreform. Er will Obamacare abschaffen. Wahrscheinlich, weil er sich am Wort Obama stört. Gestern hat er den Kongress bedroht, weil er es überhaupt nicht einsieht für Mehrheiten zu werben. Möglich, daß die Republikaner im noch ein wenig folgen aber irgendwann werden die Wahlchancen sinken und spätestens dann wird es sehr schwierig für Trump. Er kann dann nur noch mit exekutiven Anordnungen regieren und das wird dann ziemlich mühsam.
t.h.wolff 08.03.2017
3.
Geht es nicht eine Nummer kleiner als "Eliten" oder "kosmopolitische Führungsschichten"? Kann man nicht einfach sagen: Das international agierende Kapital und seine derzeit noch nicht gekündigten Hofnarren? Der noch immer anhaltende postelektorale Kater des pseudolinken globalistischen Lagers deutet eindrucksvoll an, wie gewaltig und prall gefüllt die Kopfblase derer war, die bis zur letzten Minute an einen Sieg der Gesalbten (wie war noch gleich ihr Name?) geglaubt haben. Von nun an gilt doch für die Opposition die Devise: den eigenen Verrat an den originär linken Standpunkten aufarbeiten, um eines fernen Tages geläutert und programmatisch erneuert in die Regierungsverantwortung zurückkehren. Mit einem glaubwürdigen Kandidaten, nicht mit einem kränkelnd-blassen Polit-Placebo und gesellschaftlichen Scheindebatten. Klassenkampf ist die Agenda für die Zukunft, nicht Genderallala.
allessuper 08.03.2017
4. Bibelschwur ist keine Farce.
Ein narzisstischer Mensch steht Auge in Auge mit Gott. Das, was er da hört, ist sein eigenes Echo. Aber zum Titel: "Donald Trumps liberalen Gegnern wird oft vorgeworfen, in einer Blase zu leben. Dabei befindet sich der US-Präsident selbst in einer gedanklich abgeschlossenen Welt." Ich halte es für überholt und inzwischen für gefährlich, dieses entweder-oder Schema weiterhin zu benutzen. Es ist nicht entweder-oder, denn dort sind keine neuen Ansätze, gar Lösungen. Es ist erst einmal immer UND. Diese Antagonismen sind passé. Sowohl als auch ist der Paradigmenwechsel. Sowohl die liberalen Gegner von Trump leben in einer gefährlichen Blase als auch Trump selbst. Es ist die Blase derjenigen, die sich durch materiellen Wohlstand das Recht gesichert haben Recht zu haben. Diese Menschen müssen sich nicht mehr in Frage stellen, denn ihr Geld gibt ihr Recht. Deswegen sitzen sie alle im selben Boot des Unrechts, das ja. Ich muss, obwohl ich kein "Christ" bin, oft genug an das Gleichnis mit dem Kamel in der Bibel denken "Es ist leichter für ein Kamel, durch ein Nadelöhr zu gehen, als für einen Reichen, in das Königreich Gottes einzugehen. " (Matthäus 19:24). Ich habe inzwischen begriffen, dass genau ein Trump und/oder eine Clinton und ihresgleichen damit gemeint sind. -
hessejames 08.03.2017
5.
Erich Honecker Reloaded. Dieser hatte um sich herum auch nichts mehr von der Wirklichkeit mitbekommen. Trotzdem: es ist besser er bleibt noch so lange an der Machz bis die negativen Auswirkungen seiner Politik für seine Anhänger persönlich spürbar werden. Sonst gibt's nur neue Dolchstoßlegenden.
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