Tabubrüche des künftigen US-Präsidenten Trumps Anarcho-Strategie

Mit atemraubender Geschwindigkeit zerstört Donald Trump alte Gewissheiten und greift die westliche Ordnung an. Wer glaubt, der Republikaner fahre damit an die Wand, hat aus dem Wahlkampf nichts gelernt.

Donald Trump
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Ein Kommentar von , Washington


Der Wahlkampf war ja schon außerordentlich, aber was Donald Trump seit seinem Sieg sagt und tut, lässt einen mitunter noch fassungsloser zurück. Die Hoffnung, der Milliardär würde sich als gewählter Präsident zumindest ansatzweise gewissen Konventionen unterwerfen, ist schon nach fünf Wochen verflogen.

Ein kurzes Best-of seit dem 8. November: Trump platziert einen rechtsextremen Meinungsmacher im Weißen Haus. Er lässt mit Tweets Aktienkurse von Unternehmen abstürzen, deren Geschäftssinn ihm nicht passt. Er sät Zweifel am Wahlergebnis von Hillary Clinton. Er installiert einen Leugner des Klimawandels als obersten Umweltpolitiker. Er verprellt China und missbraucht Taiwan als Verhandlungsmasse. Er umgarnt die Präsidenten von Pakistan und Kasachstan. Ach ja, und: Er nimmt Wladimir Putin gegen seine eigenen Geheimdienste in Schutz und nominiert als Außenminister jemanden, der im Kreml herzlich willkommen ist.

Wäre Trumps Übergangsphase eine Fernsehserie, würde man sagen: Jetzt wird's aber unrealistisch.

Gegner verlieren den Überblick

Natürlich ist nicht alles falsch, nur weil es gegen einen vermeintlichen Konsens verstößt. Es gibt Gründe, den Kurs der USA zu verändern. Amerikas Außenpolitik etwa war in den vergangenen Jahren kein Paradebeispiel für gutes Regieren, und ein paar neue Straßen kann das Land auch gebrauchen. Aber der Anarcho-Ansatz, mit dem der Milliardär durch die heimische Politik und die westliche Ordnung pflügt, ist verstörend. Noch verstörender ist, dass der Kurs ihm politisch nutzen könnte.

Wer glaubt, Trump werde mit seinem Kurs ganz sicher irgendwann gegen die Wand fahren, hat jedenfalls nichts aus dem Wahlkampf gelernt. Trump zerstört so schnell so viele innen- und außenpolitische Gewissheiten, dass seine Gegner schlicht den Überblick verlieren und nicht mehr wissen, wo sie eigentlich angreifen sollen. Die alten Regeln lassen sich auf ihn nicht anwenden. Trump machte gegen Hillary Clinton alles falsch - und gewann. Auch als Sieger bricht er nun ein Tabu nach dem anderen - und löst damit aus Sicht seiner Anhänger schon einmal das Versprechen ein, für fundamentalen Wandel zu sorgen.

Wer ihn unterstützte, muss in Feierstimmung sein: Es kommt alles noch besser als erwartet. Die Popularität des Wahlsiegers erreichte unlängst erstmals die 50-Prozent-Marke.

Sehnsucht nach starkem Mann

Für seine Präsidentschaft verheißt das nichts Gutes. Trump hat erkannt, wie sehr die Sehnsucht nach einem starken Mann den Blick für das Detail verstellt. Milliardäre im Kabinett? Er nimmt nur die Besten! Weg mit den alten Allianzen? Na klar, America First! Fahnenverbrenner ins Gefängnis? Aber hallo! Seine Interessenkonflikte? Er ist halt ein Unternehmer! Aus Sicht seiner Fans passt alles, was er macht, ins Bild des mutigen Herrschers, der es mit dem System aufnimmt. Er wird das auszunutzen wissen.

Natürlich: Es gibt Themen, aus denen sich Trump nicht so einfach befreit. Die nun schon seit einigen Tagen schwelende Diskussion um die mögliche Wahlkampfhilfe aus Russland zeigt das. Und auch seine Wahlkampfversprechen am Arbeitsmarkt könnten ihn angreifbar machen. Nichts hat das Band zu seinen Anhängern so gestärkt wie sein nationalistisches Mantra, amerikanische Arbeitsplätze vor den Gefahren der Globalisierung zu schützen. Am Ende, so würde man doch wohl meinen, werden ihn die Amerikaner daran messen, ob er dieses Kernversprechen eingelöst hat. Versagt er, wird er abgewählt.

Aber man sollte sich nichts vormachen: Sicher ist nicht einmal das.

insgesamt 159 Beiträge
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Phil2302 14.12.2016
1. Interessante Argumentation
"Trump machte gegen Hillary Clinton alles falsch - und gewann." Wie genau ist eigentlich die Definition von alles falsch machen? Fehlt nur noch: Clinton hat alles richtig gemacht - und verlor.
stefan.martens.75 14.12.2016
2. waren es die Arbeitsplätze?
Glaube ich nicht einmal! Vielmehr war es das Bedürfnis diesem undurchschaubaren Geflecht politischer NOGOs und komplexer internationaler Verpflechtungen sowie politischem Stillstand und Totalverweigerung eine passende Antwort zu schicken. Einfache Antworten, nationale Rückbesinnung und klare und einfache Prinzipien! Die Aussenpolitik Trumps passt auf einen Bierdeckel und benötigt keine 18.000 Seiten die nur 15 Leute komplett gelesen haben und 3 Leute verstehen.....
globaluser 14.12.2016
3. Vollkommene Unkenntnis des Autors,
er kann nicht abgewählt werden. Maximal in einem impeachment seines Amtes enthoben werden oder nicht wieder gewählt werden.
p-touch 14.12.2016
4. Clinton hat trotz Trump
verloren, so muß man es sehen. Trump hat bei seinen Wählern Narrenfreiheit, was im Aussland geschieht interessiert nicht weiter. Wenn aber die Wirtschaft massiv einbricht und die Arbeitslosenzahlen nach oben schnellen erlebt er keine zweite Amtszeit.
Atheist_Crusader 14.12.2016
5.
"Wer glaubt, der Republikaner fahre damit an die Wand, hat aus dem Wahlkampf nichts gelernt." Ist das so? Im Wahlkampf ging es um Show und Versprechen. Leistungen spielten da keine große Rolle. In seiner Präsidentschaft wird das anders aussehen. Da werden seine Leistungen sehr direkten Einfluss haben.
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