Donald Trump ist der 45. US-Präsident Die Un­­an­stän­dig­keitserklärung

"America first": Wer bei der Amtseinführung auf einen gemäßigten Trump gehofft hatte, ist enttäuscht worden. Seine Rede beschrieb eine düstere, kompromisslose Nation. Die Blitzanalyse.

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1. Die Rede

Trumps Auftritt beerdigte gleich mit den ersten Sätzen die Hoffnungen all jener, die noch immer darauf warten, dass er präsidialer, würdevoller, womöglich sogar versöhnlicher werden würde, wenn er erst im Amt ist. Jetzt ist er im Amt, aber: kein Wort an seine Gegner, an die Demokraten, an jenen Teil der amerikanischen Gesellschaft, der mindestens so groß ist wie der seiner Anhänger, wenn nicht größer. Trump grenzte sich stattdessen gleich zu Beginn von der Washingtoner "Elite" ab, die sich um ihn herum versammelt hatte, er beschimpfte sie und nutzte seine Rede für eine erneute Kampfansage: "Heute und hier" werde es ein Ende finden, dass Politik nur dem Establishment helfe, nicht aber dem Volk. Er blieb sich treu - so wie auch seine Anhänger, die den demokratischen Senator Charles Schumer, der vor Trump redete, mit Buhrufen und Trump-Sprechchören störten.

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Heft 4/2017
Die neue Weltordnung

Trump adressierte seine Worte an seine Fans, er sprach vom Volk, aber es war klar, dass er nur das Trump-Volk meinte. Er kündigte an, Brücken zu bauen, aber keine versöhnlichen, sondern echte, über die amerikanische Autos fahren sollen. Seine Agenda bestand aus dem üblichen Sammelsurium, das er so oder ähnlich immer wieder vorgetragen hat: die Grenze sichern, Jobs schaffen, Fabriken "zurückholen", den islamistischen Terrorismus "ausrotten, bis er von der Welt verschwunden ist".

Es kann nicht lange gedauert haben, diese Rede zu schreiben, er musste ja nur Absätze aus seinen Wahlkampfauftritten zusammenkopieren. Es war die gleiche aggressive, verachtende Rhetorik, der gleiche Nationalismus, von nun an werde das wahre Volk herrschen. In die Außenpolitik unternahm er nur einen kurzen Schlenker, aber einen, der in den Hauptstädten der Welt mit Grausen vernommen worden sein muss: Amerikas Außenpolitik werde nur noch nach dem Motto "America first" ausgerichtet sein. Die Zeiten, in denen die USA andere Länder schützen werde, ohne dass diese dafür zahlten, seien ein für alle mal vorbei.

Trumps Auftritt war nicht der eines Staatschefs, der eine Nation nach einem langen, harten und oftmals dreckigen Wahlkampf zusammenführen und Wunden heilen möchte. Es war der eines Revolutionsführers, der sich an seine Bewegung wendet. Der Revolutionsführer hat gesprochen, nun muss die Revolution folgen.

2. Die Stimmung

Seine Anhänger dagegen freuten sich natürlich. Tausende Trump-Fans versammelten sich vor dem Kapitol und auf der National Mall, und ein wenig wirkte auch schon das Vorprogramm zur Vereidigung wie eine Wahlkampfveranstaltung: Viele rote Trump-Mützen, viele Anti-Clinton-Buttons. Die Kapelle spielte, und hin und wieder gab es "Trump! Trump!"-Sprechchöre.

Die Rede dürfte Trump jedoch kaum helfen, Vertrauen bei seinen vielen Skeptikern zurückzugewinnen. Mit nur 37 Prozent Unterstützung in der Bevölkerung startet Trump unbeliebt wie kein anderer Präsident vor ihm ins Amt. Mit seiner Ansprache - der traditionell wichtigsten eines US-Präsidenten - verpasste er erneut eine Chance, mit versöhnlichen Worten klarzumachen, dass er sich als Präsident aller Amerikaner sieht und auch so handeln wird. Stattdessen nahm er sich mal wieder seine Gegner vor: die "Eliten", die politische Klasse, "Washington". Mit genau denen wird allerdings auch Trump arbeiten müssen, ob er will oder nicht. Doch das scheint ihm egal zu sein. Wer auf einen neuen, gemäßigten Trump gehofft hat, ist mal wieder bitter enttäuscht worden.

Wie polarisiert das Land ist, zeigte sich spätestens auch an diesem, eigentlich auf die nationale Einheit zielenden Moment. Als Hillary Clinton mit ihrem Mann Bill auf dem Balkon des Kapitols eintraf und auf den großen Bildschirmen zu sehen war, lachten manche im Publikum. Der Hohn und Hass des Wahlkampfes ist offenbar immer noch nicht verflogen, zumindest nicht bei den Trump-Leuten. Andere stöhnten oder pfiffen, und es gab deutlich weniger Beifall als für die anderen Gäste. Für die Demokratin muss es ein harter Termin gewesen sein. Hin und wieder war sie artig klatschend auf dem Balkon zu sehen, wirkte dabei aber wahrlich nicht so, als würde sie diese Zeremonie wirklich genießen. Kein Wunder: Um ein Haar hätte ja sie selbst dort gestanden, wo Trump nun seinen Eid ablegte.

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Präsident Donald Trump: Amtseid vor dem Kapitol

3. Die Proteste

Trumps Amtseinführung bewirkte zumindest eines, was Clinton lange misslungen war: Sie brachte die verschiedensten, im Wahlkampf zerstrittenen Strömungen der Linken zusammen und vereinte sie zu einer aufkeimenden nationalen Widerstandsbewegung. Tausende Gegendemonstranten waren nach Washington geströmt, eine Stadt, deren Bevölkerung bei der Präsidentschaftswahl sowieso mit 90 Prozent für Clinton gestimmt hatte. Es war ein krasser, in den Straßen spürbarer Kontrast zu den letzten beiden protestfreien Vereidigungen Obamas.

Obwohl das Kapitol, das Weiße Haus und die Paraderoute an der Pennsylvania Avenue weiträumig abgesperrt waren, gab es mehrere Anti-Trump-Märsche, die später an einem Platz in der Innenstadt zu einer Kundgebung verschmolzen. Mancherorts schien die Zahl der Trump-Gegner größer als die der Trump-Fans.

Tausende Polizisten in Kampfausrüstung und Nationalgardisten in Tarnuniformen sowie Beamte des FBI und des Secret Service versetzten die Stadt in eine Art Belagerungszustand. Es kam zu vereinzelten Zwischenfällen, die jedoch meist nur Rangeleien waren. Am Franklin Square gingen Scheiben zu Bruch, betroffen waren unter anderem eine Bank und eine Starbucks-Filiale. Die Cops rückten sofort an und setzten auch Tränengas ein - wie schon am Vorabend, als eine Gruppe gegen einen Ball von konservativen Trump-Anhängern im National Press Club protestierte, nur wenige Blocks vom Weißen Haus entfernt.

Der größte Protestmarsch jedoch ist für Samstag geplant: Zu dem haben sich mehr als 200.000 Menschen angesagt. Sollten die alle kommen, wäre es eine der größten Demonstrationen in der US-Hauptstadt, seit der Vietnamkrieg die Nation entzweite - und die größte überhaupt bei einer präsidialen Amtseinführung.

4. Und nun?

Bis zum späten Nachmittag war Trumps Programm voll. Er nahm ein festliches Mittagessen in der Rotunda des Kapitols ein, mit den Kongressmitgliedern, die seine Amtseinführung nicht boykottiert haben. Anschließend sollte er sich mit seinem Vizepräsidenten Mike Pence bei der offiziellen Parade vor dem Weißen Haus zeigen.

Trump machte sich am Freitag auch schon demonstrativ an die Arbeit, um Obama inhaltlich vergessen zu machen und zu signalisieren, dass er von nun an den Kurs des Landes bestimmt. An einem Schreibtisch im Kongressgebäude erließ und unterzeichnete er sogleich seine ersten Dekrete.

Im Kern ging es ihm dabei darum, möglichst rasch als Macher und Agent des Wandels zu erscheinen. Ein bisschen Entspannung sollte es aber auch noch geben: Am Abend werden die Trumps auf einem offiziellen Ball in ihre eigene Ära hineintanzen.

Sein Vorgänger Obama wird da schon längst auf dem Weg in den Urlaub nach Kalifornien sein.

IM VIDEO: Der Partyabend der Trumps

REUTERS


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