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Trumps Strategie im US-Vorwahlkampf: Die Saat des Bösen

Ein Kommentar von , New York

Trump auf Wahlkampftour in Iowa: Seine Worte werden bleiben Zur Großansicht
REUTERS

Trump auf Wahlkampftour in Iowa: Seine Worte werden bleiben

Donald Trumps Tiraden sind nicht mehr lustig. Die Hetze des US-Republikaners gegen Muslime gibt dem radikal-rassistischen Rand Amerikas Aufwind. Eine kalkulierte Eskalation, die Folgen haben wird - egal was aus Trump wird.

Es wäre so schön, wenn sich Donald Trump ignorieren ließe. Als Clown, Entertainer, Narzisst. Als einer, der sich mit kalkulierter Kontroverse Gratiswerbung auf allen Kanälen erschleicht, doch spätestens dann verschwinden wird, wenn es ernst wird im Präsidentschaftswahlkampf.

Doch es ist ja längst ernst. Und der Spitzenreiter im Kandidatenzirkus der US-Republikaner ist weit davon entfernt zu verschwinden. Obwohl seine Auslassungen immer extremer werden. Und immer gefährlicher.

Trumps jüngste Hassgeburt - die Forderung nach "totaler Abschottung" der USA gegen alle Muslime, also 1,6 Milliarden Mitglieder der zweitgrößten Weltreligion - ist keine Entgleisung mehr. Sondern eine bewusste, einzigartige Eskalation seiner Dauerhetze gegen Einwanderer, Afroamerikaner, Behinderte - und nun Muslime.

Diese Eskalation offenbart, wovor einige schon länger warnen: Trump bedient sich der Mechanismen des Faschismus. Man kann, man muss es endlich aussprechen.

"Wir haben die Anerkennung der Religionsfreiheit in unserer Verfassung."

Ben Rhodes (stellvertretender nationaler Sicherheitsberater des Präsidenten)

"Das ist nicht meine Politik."

Ted Cruz (republikanischer Senator, Texas)

"Ich stimme Donald Trumps Vorschlag nicht zu. Seine Art, haarsträubende und beleidigende Statements abzugeben, wird die Amerikaner nicht zusammenbringen."

Marco Rubio (republikanischer Senator, Florida)

"Trump ist komplett verwirrt. Seine 'politischen' Versprechen sind unglaubwürdig."

Jeb Bush (republikanischer Ex-Gouverneur und Präsidentschaftskandidat, Florida)

"Eine gefährliche Überreaktion. Trump spielt immer mit den schlimmsten Instinkten und Ängsten."

Carly Fiorina (Republikanerin, frühere CEO Hewlett Packard)

"Jeder republikanische Bewerber muss das einzig Richtige tun und Trumps Statement verdammen."

Lindsey Graham (republikanischer Senator, South Carolina)

"Das offenbart einmal mehr die skandalöse Spaltung, die jeden seiner Atemzüge kennzeichnet."

John Kasich (republikanischer Gouverneur, Ohio)

"Skandalös, verwerflich, spalterisch. Trump, du begreifst es nicht."

Hillary Clinton (demokratische Präsidentschaftskandidatin)

"Die USA sind ein starkes Land, in dem wir zusammenstehen. Wir sind schwach, wenn wir Rassismus und Fremdenfeindlichkeit erlauben, uns zu teilen."

Bernie Sanders (demokratischer Präsidentschaftskandidat)

"Donald Trump beseitigt alle Zweifel - er kandidiert als ein faschistischer Demagoge."

Martin O'Malley (demokratischer Präsidentschaftskandidat)

"Trumps Kampagne gehört schon lange auf den Müllhaufen der Geschichte. Er riskiert nun, die gesamte Republikanische Partei mit sich auf den Müllhaufen der Geschichte zu reißen."

Josh Earnest (Sprecher des US-Präsidenten)

"Donald Trump gleicht eher dem Anführer einer zur Lynchjustiz bereiten Menge als dem eines großen Landes wie unserem."

Nihad Awad (Vorsitzender des Rats für Amerikanisch-Islamische Beziehungen)

"Wie abscheulich. Voldemort war nicht mal annähernd so schlimm."

J.K. Rowling (Schriftstellerin, Schöpferin von "Harry Potter")

"Wir sind besorgt, dass solche Wahlkampf-Rhetorik ein wichtiges Programm zur Aufnahme syrischer Kriegsflüchtlinge in den USA gefährdet."

Melissa Fleming (Sprecherin des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen)

Viele Merkmale sind erfüllt: Personenkult, Opfermentalität einer frustrierten Mittelklasse, Verschwörungswahn, Anti-Intellektualismus, plumpe Sprache ("Newspeak", so George Orwell), paramilitärisches Gehabe, Nationalismus, Rassismus, Entmenschlichung einer ganzen angeblichen "Täter"-Gruppe samt Gewaltappellen gegen diese Gruppe.

Es geht nicht mehr um den Wahlsieg 2016

Dabei geht es gar nicht mehr darum, ob Trump überhaupt Aussichten auf die Nominierung hat, geschweige denn auf einen Wahlsieg in 2016. Nein, die Gefahr liegt tiefer. Sie lauert in den Folgen seiner Zündelei. Trump hat etwas begonnen, das nicht so leicht aus der Welt zu schaffen sein dürfte, auch wenn er selbst scheitert oder die Lust verliert.

Trump gibt dem radikalen Rand eine Stimme und macht dessen Gedankengut salonfähig. Dabei ist seine breitere Zielgruppe eigentlich harmlos - und arglos: weiße, ärmere, ältere, weniger gebildete Amerikaner, die zusehends in Angst leben. Angst vor dem Terror, vor finanzieller Not, vor dem demografischen Umbruch der USA, der die nächste Generation von der Mehrheit zur Minderheit degradieren wird.

14 Jahre nach 9/11 und demoralisiert von zwei sinnlosen Kriegen fühlen sich viele Amerikaner bedroht, überfordert und vergessen: vom Aufschwung, von Washington, von der Mitsprache über ihr Schicksal.

"USA! USA! USA!"

Für diese US-Wutbürger kam es Schlag auf Schlag. Die Wahl und Wiederwahl des ersten schwarzen Präsidenten, den die Hälfte der Republikaner bis heute für einen Muslim hält. Der progressive Fortschritt (Gesundheitsreform, Homo-Ehe, Schwule im Militär). Die Proteste gegen Polizeigewalt, bei denen sie sich als die wahren Opfer sehen. Und nun der Terror, real und eingebildet, von außen wie innen.

Die Terrorserie in Paris (noch fern) und der Anschlag in San Bernardino (plötzlich ganz nah) nahm Trump zum Anlass, noch weiter zu gehen als bisher - und er kommt an. Das zeigte sich zum Beispiel am Montag in South Carolina, wo Hunderte Trump-Fans seine Anti-Muslim-Tiraden bejubelten, mit gereckten Fäusten: "USA! USA! USA!"

Was Trump in der derzeitigen Stimmung anrichtet, zeigt sich im Gewaltpotenzial all seiner Auftritte. Bei einer Trump-Rede in Alabama wurde ein schwarzer Demonstrant von einem weißen Mob verprügelt. Offenbar mit Billigung Trumps, der außerdem anregte, sich als Nächstes die Familien der Täter von San Bernardino "vorzuknöpfen" - sowie kritische Reporter, die er als "Lügner" und "Abschaum" tituliert.

Es zeigt sich auch in den wachsenden Übergriffen auf Muslime landesweit: Die größte US-Lobbygruppe Council on American-Islamic Relations (CAIR) meldet mehr "Diskriminierung, Einschüchterung, Bedrohung und Gewalt gegen amerikanische Muslime" als je zuvor seit 9/11.

Worte haben Konsequenzen

Vor allem gefährdet Trump die nationale Sicherheit Amerikas: Seine verantwortungslose Rhetorik spielt dem "Islamischen Staat" (IS) in die Hände, indem sie dessen apokalyptisch verzerrtes Feindbild bestätigt und Muslimen immer neue Rechtfertigung gibt, sich von den USA abzuwenden.

Selbst George W. Bush, der die Nation in den Irakkrieg trickste, stellte nach 9/11 noch klar: "Der Islam ist Friede." Heute halten 56 Prozent der Amerikaner den Islam für "mit amerikanischen Werten unvereinbar". Worte haben Konsequenzen: Ihr Urheber mag irgendwann verschwinden, doch sie werden noch lange nachhallen.

Im Video: Trump fordert Einreiseverbot für Muslime

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Lane Hartwell
Marc Pitzke ist US-Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in New York.

E-Mail: Marc_Pitzke@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 278 Beiträge
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1.
wortmacht 09.12.2015
Der Autor hat die USA in Teilen beschrieben und dabei Pegida auf den Punkt getroffen.
2.
stemaschuh 09.12.2015
Würde mich nicht wundern, wenn Herr Trump auch auf der Gehaltsliste des IS stehen würde
3.
j1958 09.12.2015
Solange die ueberwiegende Zahl der Moslems weltweit sich nicht ablehnend gegen ISIS und Gewalt aussprechen, solange es so gut wie kein islamisches Land gibt, das sich dem Kampf gegen ISIS anschliesst ist der Islam genausowenig Friede wie die Nordsee eine Wueste. Trump schuert in unverantwortlicher Weise die Aengste, die auch viele Buerger bei uns haben. Solange aber das politische Establishment eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Sponsoren von ISIS scheut und die Situation harmlosredet wird er weitermachen.
4. Da passiert noch ganz was anderes...
HansGnodtke 09.12.2015
Trump zeigt nämlich die Grenzen der Beeinflussbarkeit der Massen durch das intellektuelle Kasperletheater der political correctness auf und hat Erfolg. Wie haarsträubend auch immer seine Aussagen sein mögen, die reflexartige Anklage des Tabubruchs zeigt keine Wirkung mehr. Das ist natürlich ein Alarmsignal für die Unwortpresse und die Empörungsindustrie, die ohne den mühseligen Umweg demokratischer Verfahren wie Mehrheitssuche allein mit Deutungshohheit glaubt, die Richtlinien der Politik bestimmen zu können. Jetzt wird man sich wohl wieder um die Nöte der Mittelklasse kümmern müssen, denn Trump hat es - wie geschmacklos auch immer - geschafft, Sprechblasen mit Sprechblasen zu neutralisieren.
5. Trompeter
pumatattoo 09.12.2015
Ich hab so ein Gefühl,dass diese Sache für den Herrn nicht gut ausgehen wird. Den Artikel finde ich sehr genau getroffen,Bravo Herr Pitzke.
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