Trumps brutale Einwanderungspolitik "Ein bewährtes Instrument totalitären Terrors"

US-Präsident Donald Trump setzt seine knallharte Einwanderungspolitik durch: Seine Grenzer reißen sogar Familien auseinander - offenbar ganz gezielt. Betroffene und eine Historikerin ziehen Vergleiche zur deutschen NS-Zeit.

Mexikanische Migranten an der Grenze in die USA
AP

Mexikanische Migranten an der Grenze in die USA

Von , New York


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Esteban Pastor kam aus Guatemala, in den USA wollte er Geld verdienen für die Behandlung seines kranken Sohnes. Doch er wurde geschnappt. US-Grenzschützer trennten Pastor von seinen eineinhalbjährigen Jungen, sperrten ihn selbst drei Monate lang in Abschiebehaft und deportierten ihn dann wieder - ohne sein Kind.

"Ich habe geweint, ich habe gebettelt", sagte Pastor, 28, der Zeitung "Houston Chronicle" verzweifelt. "Keiner konnte mir etwas sagen." Die einzige Auskunft, die er erhalten habe: Sein Sohn befinde sich "irgendwo in Texas".

Dass die USA die Familien illegaler Einwanderer auseinanderreißen und manchmal selbst Babys von ihren Eltern trennen, ist nicht neu. Doch US-Präsident Donald Trump hat dieses brutale Vorgehen nun noch verschärft, indem er den Grenzbeamten freie Hand gibt.

Mit verheerenden Folgen: Bürgerrechtler berichten, dass Asylsuchende, Flüchtlinge und Migranten, die in die USA wollten, inzwischen systematisch ihrer Kinder beraubt würden. Nach Recherchen der "New York Times" wurden auf diese Weise seit Oktober mehr als 700 Kinder von ihren Eltern getrennt, davon waren mehr als hundert jünger als vier Jahre. Allein in Arizona hätten die Grenzschützer seit Januar rund 200 Minderjährige von ihren Eltern isoliert, sagte die Aktivistin Laura St. John im TV-Nachrichtensender MSNBC.

Trumps Stabschef John Kelly rechtfertigt das als "harte Abschreckungsmaßnahme" gegen illegale Einwanderung und wiegelt jede Kritik ab: Die Kinder kämen dann ja "in Pflegefamilien oder was auch immer", sagte er in einem Interview lakonisch. Doch Juristen zufolge landen viele Kinder am anderen Ende der USA, in Privatgefängnissen oder etwa einer Verwahranstalt in Chicago, wo sie in Zellen und sogar Käfigen gehalten würden.

Im Video: Trump wettert erneut gegen Mexiko und Einwanderer

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"Wir erleben, wie selbst Säuglinge ohne ihre Eltern deportiert werden"

Viele Eltern würden ihre Kinder "nie wiederfinden", sagte die Flüchtlingshelferin Michelle Brané dem "Houston Chronicle" - eine Vermutung, die die Bürgerrechtsorganisation ACLU bestätigt. "Wir erleben, wie selbst Säuglinge ohne ihre Eltern deportiert werden und, was noch üblicher ist, Eltern ohne ihre Kinder."

Schon unter Barack Obama und George W. Bush gingen die Grenztruppen hart gegen illegale Einwanderer vor. Nach einem ACLU-Bericht wurden von 2009 bis 2014 Tausende Migrantenkinder physisch, psychologisch und sexuell misshandelt - "lange bevor Präsident Trump die Behörde ermutigte und ihre Beamten entfesselte, um seine drakonische Einwanderungspolitik durchzusetzen".

Nun ist die Unmenschlichkeit offiziell sanktioniert. Anfang Mai kündigte Justizminister Jeff Sessions eine "Nulltoleranz-Politik" an: "Wenn du ein Kind über die Grenze schmuggelst, werden wir dich strafrechtlich verfolgen, und dieses Kind wird wahrscheinlich von dir getrennt werden, wie es das Gesetz vorschreibt." Dass es ein solches Gesetz aber gar nicht gibt, verschwieg Sessions.

Manche vergleichen die Zustände mit den Familientrennungen der amerikanischen Sklaverei oder des "Dritten Reiches". "Eltern gewaltsam von ihren Kindern zu lösen, das hat Geschichte", warnt die Historikerin Martha Jones. Die aus Russland stammende US-Bürgerrechtlerin und Autorin Masha Gessen beschreibt die "Geiselnahme" von Kindern im "New Yorker" als "ein altbewährtes Instrument totalitären Terrors".

Nach Angaben der Radiomoderatorin Maria Hinojosa, die selbst eine Immigrantin ist, haben Einwanderer einen Namen für die Grenzbehörden: "Gestapo."

Trump dogmatisiert, verzerrt Sachverhalte und erfindet Statistiken

Hinzu kommt fahrlässige Schlamperei: Den US-Behörden seien bis Ende vergangenen Jahres mindestens 1475 Flüchtlingskinder aus Honduras, El Salvador und Guatemala, die bei US-Pflegefamilien ("Sponsoren") untergebracht worden waren, "verloren" gegangen, sagte der zuständige Ministerialleiter Steve Wagner Ende April vor dem Senat: Man sei "nicht mehr in der Lage, ihren Verbleib mit Sicherheit zu bestimmen".

Dass diese verschollenen Kinder bereits unbegleitet und ohne Eltern an der Grenze erschienen sein sollen, macht die Sache kaum besser. Ähnliche Berichte gab es schon 2016: Damals landeten nach Angaben des Kongresses acht Kinder sogar bei Menschenhändlern, die sie zur Zwangsarbeit auf US-Farmen verkauft hätten.

Die Hetze gegen Einwanderer aus Südamerika ist für Trump ein wichtiges Propagandathema. Schon sein Präsidentschaftswahlkampf begann mit einer Tirade gegen Mexikaner. Er übertreibt die Zahl der illegalen Einwanderer und ihrer Vergehen - obwohl sie tatsächlich im Schnitt weniger Straftaten begehen als US-Bürger. Selbst die Kinder, poltert Trump gern, seien "nicht unschuldig".

Vor dem Hintergrund der erschütternden Berichte über verschwundene Kinder und zerrissene Familien sorgte ein Tweet der Präsidententochter Ivanka Trump für Empörung. Sie postete ein Foto von sich mit ihrem zweijährigen Sohn Theodore auf dem Arm: "My heart! #SundayMorning." Das Bild löste prompt einen Shitstorm aus, den die Popsängerin Halsey für viele andere so umschrieb: "Fuck your #SundayMorning".


Zusammengefasst: Von Präsident Donald Trump ermutigt gehen US-Grenzschützer rabiat gegen illegale Einwanderer aus Lateinamerika vor. Wenn sie Familien fassen, nehmen sie den Eltern häufig sogar Kleinkinder weg und bringen sie in Heimen und bei Pflegefamilien unter. Manche von ihnen verschwinden.

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Seite 1
jaka778 30.05.2018
1. An der Grenze zeigt Zivilisation ihr Gesicht
Versuche in Worte zu fassen was ich als Familienvater beim Lesen dieses Artikels empfinde... es gelingt mir nicht. Bin sprachlos, entsetzt und wütend. Im übrigen ist das die Extremausprägung des Geistes, der jeden Familiennachzug für Flüchtlinge unterbinden will.
NauMax 30.05.2018
2.
Der Missbrauch von Kindern als politische Waffe hat in totalitären Systemen Tradition! Dass US-Behörden nun frei von jedweder juristischer Kontrolle Familien auseinanderreißen und systematisch Leben zerstören dürfen, Kinder bewusst in sexuelle Sklaverei verkaufen (das mit den "verlorenen" 1.400 glauben selbst in den Staaten nur die naivsten Trump-Jünger) und Kleinkinder einfach irgendwohin abschieben, ohne vorher die Eltern ausfindig zu machen, ist einer Demokratie unwürdig, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit! GeStaPo-Vergleiche sind vielleicht ein wenig extrem, aber mittlerweile durchaus angemessen. Gestern hat die Analphabetisierungsministerin der USA entschieden, dass Schulen Kinder von illegalen Einwanderen an die ICE übergeben sollen. Und wer jetzt mit "selbst Schuld" ankommt, dem sei gesagt, dass illegale Einwanderung an sich auch in den USA als kleineres Vergehen zählt. Niemand, der illegal aus Kanada kommen würde, würde so behandelt werden. Es ist schlicht und einfach Rassismus - und zwar einer, der eines Tages in nackte Gewalt umschlagen wird. Die USA sind schon seit dem PATRIOT-Act kein vollständiger Rechtsstaat mehr, jetzt verabschieden sie sich aber endgültig vom Bill of Rights.
mirage122 30.05.2018
3. Ungeheuerlich
Kann denn niemand auf der Welt, diesen Wahnsinnigen stoppen? Gerade von Deutschland aus müssten doch eindeutige Signale ausgehen, denn die Parallelen zu dem, was hier mal passiert ist, darf doch nicht vergessen werden. Wir sind dazu verpflichtet!
ugroeschel 30.05.2018
4. UN-Menschenrechtsrat
Mit dem vorgehen der USA Kinder von ihren Eltern zu trennen sollte sich auch der UN-Menschenrechtsrat befassen. Den könnte Mexiko anrufen.
maxmarius 30.05.2018
5. Ist das wirklich so, wie man den Artikel auffasst?
Ich kann und will das einfach nicht glauben. Sind das nur Fälle, in denen die Kinder nicht nachweislich zu den Eltern gehören und die Vermuting besteht, das das Kind entführt wurde? Was ist ansonsten die Rechtfertigung für so ein Verhalten? Wenn dort wirklich willkürlich Kinder von ihren Eltern getrennt werden sollten alle zivilisierten Staaten über Sanktionen nachdenken. So etwas darf es auch in Nordkorea, Entschuldigung, meine natürlich USA, nicht geben.
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