Streit über "Fire and Fury" Fakten oder Fiktion?

Intrigen, Unfähigkeit, Demenz: Das Enthüllungsbuch "Fire and Fury" über Donald Trump sorgt weiter für Furore. Doch stimmt überhaupt, was Autor Michael Wolff behauptet? Fünf Punkte im Faktencheck.

Buch "Fire and Fury"
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Buch "Fire and Fury"

Von , New York


Seit Jahrzehnten hat kein Buch die USA so aufgewühlt wie "Fire and Fury", der Skandalschmöker über Donald Trump. Das Buch wurde binnen kürzester Zeit zum Bestseller und ist landesweit vergriffen. Trumps Ex-Chefstratege Steve Bannon, einer der Hauptinformanten, wurde verstoßen, trotz halbherzigem mea culpa. Der US-Präsident dementierte den Vorwurf der Debilität kurzerhand, indem er sich zum "sehr stabilen Genie" erklärte. Das Weiße Haus streitet in hyperkonzertierten Auftritten alles kategorisch ab.

Auch immer mehr Trump-Kritiker stören sich an den teils vermeidbaren Fehlern und Ungenauigkeiten in "Fire and Fury". In der Tat hätte ihm ein längerer Verbleib in der Fact-Checking-Abteilung des Verlags gutgetan. Wolffs "Logik", schreibt Kolumnistin Masha Gessen im wahrlich nicht Trump-freundlichen Magazin "New Yorker", sei oft lächerlich und sein Buch "weder beherrscht noch akkurat" - und damit ein perfektes Fanal für die Ära Trump.

Autor Michael Wolff
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Autor Michael Wolff

"Plausibel, aber nicht zwingend wahr", resümiert auch der Reporter Jonathan Martin, der Trump für die "New York Times" monatelang begleitet hat. Das mag an der hastigen Publikation liegen - und an Wolffs Stil: Er vermischt Fakten aus erster Hand mit Hörensagen aus zweiter und dritter Hand.

Das gibt Wolff in seinem Vorwort auch zu: "Viele Berichte über das, was in Trumps Weißem Haus geschah, stehen miteinander in Widerspruch; viele sind, in typischer Trump-Art, arg unwahr." Er lasse das offen - oder habe sich für eine Version der Ereignisse entschieden, die er für wahr halte.

Wolff hält an diesen Entscheidungen fest. "Ich habe Audiomitschnitte, ich habe Notizen", bestärkte er am Montag im Sender MSNBC. Alles sei "dicht belegt", auch habe er "drei Faktenchecker" beschäftigt. "Lesen Sie das Buch. Wenn es Ihnen glaubhaft klingt, dann ist es wahr." Die Kritik des Weißen Hauses wies er erneut zurück: "Die lügen alle, die geraten in Panik."

Es steht Aussage gegen Aussage, Trump gegen Wolff. Wer sagt die Wahrheit? Lesen Sie hier fünf Passagen des Buchs im Faktencheck:

1. Das Treffen im Trump Tower

Trump Tower in New York
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Trump Tower in New York

Im Juni 2016 trafen sich Trumps Sohn Donald junior, Schwiegersohn Jared Kushner und Wahlkampfmanager Paul Manafort im Trump Tower mit einer Delegation aus Russland. So viel ist bekannt. Wolff zitiert Bannon nun mit den Worten, dieses Treffen - das von Russland-Sonderermittler Robert Mueller untersucht wird - sei "verräterisch" und "unpatriotisch" gewesen, und behauptet, Trump selbst habe die Besucher ebenfalls getroffen. Zudem sei Kushner über eine Immobilienfirma in "schmierige" Geschäfte verwickelt.

Bannon - der wegen des Buches Status und Finanziers verloren hat - ruderte jetzt in einer Art Entschuldigung zurück: Die Adjektive "verräterisch" und "unpatriotisch" habe er nur auf Manafort bezogen, nicht auf Trumps Sohn. "Donald Trump junior ist sowohl ein Patriot als auch ein guter Mann." Kushner erwähnt er in seinem Statement jedoch nicht, und die vielen anderen, Trump-kritischen Aussagen, die "Fire and Fury" ihm zuschreibt, dementiert er ebenfalls nicht.

Und was wusste Trump selbst von dem Treffen? Masha Gessen - die aus Russland kommt und beste Kontakte dorthin hat - schrieb im "New Yorker", ihre Recherchen hätten widerlegt, dass Trump die Russen getroffen habe.

2. Das Frühstück mit Ivanka Trump

Ivanka Trump
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Ivanka Trump

Wolff beschreibt ein Frühstück im Washingtoner Nobelhotel Four Seasons im Februar 2017. Trumps Tochter Ivanka habe in ihr Handy geflucht: "Die Dinge sind so vergeigt, und ich weiß nicht, wie ich's richten kann." Gemeint habe sie das erste, gescheiterte Einreiseverbot, das Trump über ihren Rat hinweg erlassen hatte. Als Beleg für die Szene nennt Wolff weitere illustre Frühstücksgäste, darunter Demokraten-Führerin Nancy Pelosi, Musik-Lobbyistin "Hillary Rosen", "Arbeitsminister-Kandidat Wilbur Ross" sowie Mark Berman, einen prominenten Politikreporter der "Washington Post".

"Ich habe nie im Four Seasons gefrühstückt", dementiert Berman. Hinzu kommt der Fehler, dass Milliardär Wilbur Ross nicht als Arbeitsminister nominiert war, sondern als Handelsminister. Und Hilary Rosen schreibt sich mit einem "l". Wer weiter nachforscht, findet heraus, dass Wolff die Gästeliste wörtlich - samt Fehlern - vom "Playbook" abgeschrieben hat, dem Newsletter der Website "Politico", der tags darauf über das Frühstück berichtete.

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Enthüllungsbuch über Trump: "Als wolle man herausfinden, was ein Kind will"

3. Das Dinner vor Trumps Amtseinführung

Als Prolog des Buches dient die anschauliche Beschreibung eines Dinners zwei Wochen vor Trumps Vereidigung im New Yorker Greenwich Village. Unter den Teilnehmern: Bannon und Roger Ailes, der wegen sexueller Belästigung geschasste Chef des konservativen Kabelsenders Fox News. Trotz Schneevorhersage habe sich der 76-jährige Ailes zu dem Essen in einem feinen Townhouse geschleppt, um Bannon kennenzulernen. Ailes habe Trump bewundert, obwohl er ihn für "prinzipienlos" halte. Bannon, der drei Stunden zu spät gekommen sei, habe mit der Besetzung des Kabinetts geprahlt und schmunzelnd über Trump gesagt: "Er kapiert, was er kapiert." Ailes habe hinzugefügt: "Ich würde ihm nicht zu viel zum Nachdenken geben."

Ailes kann dazu nichts mehr sagen, er starb im Mai. Bannon erwähnte das Dinner bislang nicht. Eine dritte Teilnehmerin bestätigte es aber: Janice Min, Ex-Chefredakteurin des Branchenblatts "Hollywood Reporters", für das Wolff Kolumnist ist. "Jedes Wort, das ich von dem Buch gesehen habe, ist absolut zutreffend", schrieb sie auf Twitter. "Es war eine erstaunliche Nacht." Auch bestätigte sie eine weitere Anekdote in Wolffs Buch, wonach Trump nicht gewusst habe, wer John Boehner sei, der ehemalige Sprecher des Repräsentantenhauses - das habe Ailes bei dem Essen erzählt. Den Gastgeber, den Wolff verschwieg, nannte Min ebenfalls - es war Wolff selbst.

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4. Freunde und Feinde

Wolff beschreibt Trumps Isolation im Weißen Haus: Er ziehe sich oft schon am frühen Abend in sein Schlafzimmer zurück, um fernzusehen, zu twittern und mit seinen reichen Freunden zu telefonieren. Einer dieser Freunde, die Wolff zitiert, ist der Private-Equity-Milliardär Tom Barrack, dem unter anderem Michael Jacksons frühere "Neverland Ranch" gehört. Trump habe Barrack als Stabschef gewinnen wollen, doch Barrack habe abgelehnt und lieber Trumps Vereidigungsfeiern organisiert. "Er ist nicht nur verrückt", habe Barrack über Trump gesagt. "Er ist dumm."

Barrack dementiert das energisch, unter anderem in der "New York Times" und im Magazin "Forbes". "Ich habe Wolff nie ein Interview gewährt oder ein Zitat gegeben", sagte er. "So rede ich nicht. Wolff schickte mir wiederholte SMS, acht oder neun, in denen er um ein Interview bat, und ich habe immer gesagt, ich hätte zu viel zu tun oder könnte nicht." Auch andere, die Barrack kennen, erkennen ihn nicht in dem Zitat, das Wolff ihm zuweist. Die Beschreibung der Schlafzimmer-Isolation scheint jedoch weitgehend korrekt zu sein: Am Montag meldete die Website "Axios", Trumps Terminkalender habe sich drastisch reduziert, er erscheine erst gegen 11 Uhr im Oval Office und verkrieche sich tagsüber mehrere Stunden zum Twittern und Fernsehen.

5. Trumps Geisteszustand

US-Präsident Trump
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US-Präsident Trump

Viele Passagen beschäftigen sich mit Trumps Geisteszustand. Haushaltschef Mick Mulvaney wird zitiert, dass Trump ihn lange nicht erkannt habe, auch sei Trump "zu verwirrt, um jemals viel zu helfen", und unterbreche dauernd mit "ziellosen Fragen". Mulvaney, so Wolff, sei froh, dass er nicht im Weißen Haus in der Nähe Trumps arbeite, sondern im Executive Office Building gegenüber. An anderer Stelle schreibt Wolff unter Berufung auf Ex-Beraterin Katie Walsh, Trump sei "wie ein Kind", dessen Wünsche man erraten müsse.

"Ich habe mit dem Typen vielleicht eine halbe Stunde gesprochen", sagte Mulvaney am Montag über Wolff. "Er hat zwei Sätze von mir in das Buch getan, beide sind inakkurat." Wobei ein nicht nur semantischer Unterschied besteht zwischen "inakkurat" und "falsch" - und Mulvaney nichts Konkretes dementierte.

Walsh - die nun um ihren neuen Job bei der Republikanischen Partei fürchtet - distanzierte sich ebenso diffus von den wörtlichen Zitaten. Wolff will jedoch Audio-Aufnahmen besitzen, auch von Walsh - und legte nach: Der engste Zirkel Trumps diskutiere den 25. Verfassungszusatz, der eine Absetzung des Präsidenten wegen geistiger wie anderer Unfähigkeit regelt, fast "täglich". Auch TV-Moderator Joe Scarborough, der lange mit Trump befreundet war, sagte der "Washington Post" jetzt, der Präsident leide einer "Trump nahestehenden Quelle zufolge" an Demenz im Frühstadium.

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