Trump-Enthüllungsbuch von James Comey Die Rache des Juristen

Das Buch des früheren FBI-Chefs James Comey trägt den Titel "Größer als das Amt". Es ist die Abrechnung mit einem Hochstapler, der im Weißen Haus sitzt.

Von , Washington


Schwer zu sagen, wann genau James Comey bemerkte, dass er es mit einem Hochstapler zu tun hatte. Vielleicht war es im Januar 2017, fünf Wochen nach der Wahl. Comey, damals noch FBI-Chef, saß in einem Konferenzraum des Trump Tower in New York, die Direktoren von CIA und NSA waren gekommen, dazu der innerste Zirkel des designierten Präsidenten. Die Geheimdienstleute sollten Donald Trump in Fragen der nationalen Sicherheit unterrichten, aber alles, woran Comey denken konnte, war die Mafia.

Comeys Karriere begann als junger Staatsanwalt mit der Cosa Nostra der Achtziger- und Neunzigerjahre in Manhattan. Die Mafia war sein erster großer Fall, schreibt Comey in seinem Buch "Größer als das Amt". Die Ähnlichkeit zwischen den Familien der Cosa Nostra und Trumps Leuten habe ihn schockiert. Trump habe ihn bei diesen ersten Treffen in seinen inneren Kreis lotsen wollen, so schien es, als Freund, als Teil der Familie, als Vertrauten. Wie Don Corleone in "Der Pate". Trump versuchte, "uns alle im Handumdrehen zu einem Teil seines Clans zu machen", so Comey.

"Größer als das Amt" erscheint erst am kommenden Dienstag, aber seit Tagen schon jagen Auszüge als "Breaking News" über die Bildschirme. Trump beschimpfte Comey am Freitag auf Twitter als "verlogenen Schleimbolzen" - was dem Werk nur noch mehr Aufmerksamkeit brachte. Bessere Werbung hätte sich kein Verlag der Welt wünschen können. Am Sonntag startet Comey seinen Interview-Marathon auf ABC, es folgen Auftritte bei Stephen Colbert, auf CNN, Fox News, MSNBC, die große Rache beginnt.

Comey war das erste große Trump-Opfer

Denn dieses Buch ist vor allem eines: der Feldzug eines Mannes, der aus seiner Sicht zu Unrecht fortgejagt wurde, die Rache eines Verdammten. "Größer als das Amt" ist der erste lange Augenzeugenbericht aus dem Innern des Orkans, die präzise, gestochen scharfe Erzählung eines Traumatisierten.

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Trump hatte Comey voriges Jahr im Mai als FBI-Chef entlassen, nachdem dieser sich geweigert hatte, die Ermittlungen in der Russland-Affäre einzustellen. Comey war das erste große Trump-Opfer. Es war die wahnwitzigste Entscheidung dieser an Skandalen reichen Anfangszeit, ein Zeichen dafür, dass diese Präsidentschaft noch viel dunklere Züge annehmen würde.

Comey erlaubte sich zudem die Frechheit, dem Don im Weißen Haus die Loyalität zu verweigern. Das war sein Todesurteil. Durch die Zeilen schimmert deshalb auch eine Prise Verbitterung vermischt mit der Genugtuung, am Ende doch Recht zu behalten.

Comey enthüllt wenig, was er voriges Jahr nicht schon in groben Zügen den Mitgliedern des Kongresses erzählt hatte. Aber er webt das, was er mit dem Präsidenten durchlebte, in eine größere Erzählung. Außerdem ist er ein exzellenter Beobachter und Dramaturg, man blickt mit seinen Augen in einen Abgrund. So nah kommt man Trump selten.

Der Autor gibt sich keine Mühe, seine Verachtung für den Präsidenten und dessen Clique zu kaschieren. Schon bei einem der ersten Treffen fällt ihm die ästhetische Zumutung auf, die Trump vor allem darstellt: das Jackett offen, die Krawatte zu lang, das Gesicht orangefarben schimmernd mit hellen Halbmondrändern unter den Augen. Comey fragt sich, woher die Halbmonde kommen. "Ich nehme an, er trägt eine Schutzbrille, wenn er ins Solarium geht."

Comey war der meistgehasste Mann in Washington

Natürlich gibt es einen stolzen, aufrechten Helden. Es ist der Autor mit all seinen Zweifeln und inneren Konflikten, ob er auch wirklich immer das Richtige tut, Wahre, Gute. Vermutlich inszeniert sich Comey völlig zu Recht als unkorrumpierbar und überparteilich, seine Feinde saßen überall. Man darf aber nicht vergessen, dass es eine Zeit im Wahlkampf gab, in der er der meistgehasste Mann in Washington war, was in jenen an Hass nicht armen Zeiten eine Leistung war.

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Denn neben der Russland-Sache war das FBI auch mit dem E-Mail-Skandal von Hillary Clinton befasst. Clinton hatte als Außenministerin Staatsgeheimnisse über ihre private Mailadresse diskutiert, was strafbar ist und eine Lawine von Ermittlungen auslöste. Im Juli 2016 trat Comey schließlich vor die Presse und erklärte die Sache aus seiner Sicht für beendet. Dann aber, im Herbst, tauchten neue E-Mails auf und Comey änderte seine Haltung. Am 28. Oktober schrieb er einen Brief an den Kongress und teilte mit, dass der Fall neu aufgerollt würde. Clinton ist bis heute davon überzeugt, dass sie Präsidentin wäre, wenn es den Comey-Brief nicht gegeben hätte.

Comey ist gewohnt, auf der richtigen Seite des Gesetzes zu stehen, daran ändert auch sein Buch nichts. Fehler sind, was andere machen. Würde er in der Clinton-Sache heute genauso entscheiden? Vermutlich ja. Comey ist der Mann, der alles richtigmachen wollte. Die Frage ist: Hat er übertrieben? Kann man etwas zu richtigmachen? Kann ein Mann zu wahrhaftig sein, zu ehrlich, zu vernarrt in das Gesetz?

Drei Jahre, acht Monate und fünf Tage lang war er FBI-Chef. Sein Buch macht klar, dass er noch lange nicht fertig ist. Comey will mehr. Es gibt Spekulationen, er strebe nach einem Amt, bislang äußert er sich dazu nicht. Sein letzter Satz lautet, nach den Danksagungen, auf Seite 378: "Die Reise ist noch nicht zu Ende." Es klingt wie eine Drohung.

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Seite 1
quatermain4000 15.04.2018
1.
Der Autor schreibt, "Schwer zu sagen, wann genau James Comey bemerkte, dass er es mit einem Hochstapler zu tun hatte. Vielleicht war es im Januar 2017, fünf Wochen nach der Wahl." Das ist nicht sehr wahrscheinlich, weil seid den 80iger Jahren hatte Trump Hochstapelei als Geschaeftsmodell benutzt hatte, bestaerkt von einem Rechtssystem, dass solche Geschaeftsmodelle ausnehmend befoerdert und beschuetzt. Aber Trump ist mehr als ein krimineller Hochstapler; er ist Teil einer koordinierten, rechstradikalen Attacke um noch die letzten Reste des demokratischen Rechtsstaats zu beseitigen, die schon lange vor Trump losging, allerdings jetzt, durch Trump eine neue Dynamik erreicht hat.
tmhamacher1 15.04.2018
2. Wichtigtuer!
Comey ist auch ein Narzist und Trump darin ähnlicher, als im lieb sein kann. Dass Trump nach dieser Email-Geschichte dachte, Comey gehöre in sein Lager, ist weiter nicht verwunderlich. Comey fehlte eindeutig das Fingerspitzengefühl, das dieses Amt erfordert. Jay Edgar Hoover hat auch nicht nach Engeln gesucht, sondern er hat dafür gesorgt, dass Politik funktioniert. Jetzt haben wir einen Präsidenten Trump, weil Comey im Innersten ein Idiot ist.
drent 15.04.2018
3. Wer Trump nicht mag,
kauft dieses Buch. Wer Trump mag, kauft dieses Buch nicht. Nichts ändert sich - außer der Kontostand des Autors.
tempus fugit 15.04.2018
4. Letzter Satz?...
...Könnt ja sein, dass er auch noch garnicht alles, was er weiss, in dem Buch dargelegt hat.... Rechtzeitig vor den Midterm elections könnten noch paar interessante 'Nachbrennerseiten ' kommen - er würde damit zumindest teilweise Clinton bzw. den Demokraten Genugtuung verschaffen?! (;>)))
carlitom 15.04.2018
5.
Oh, wie lustig, Ein Vertreter der Volksfahrräder-Fraktion. Gibt's die denn auch noch? Natürlich ist Comey hier der "Verräter" (schönes Wort aus sehr alten, braunen Zeiten und noch davor, das durch Rechte wieder Hochkonjunktur hat). Wer denn sonst? Niemals könnte der "Verräter" des "Volkes" etwa Trump sein, der lügt, Kriege auslöst, provoziert, seine Wähler schädigt, sich selbst und die Seinen bereichert, der mit dem Amt des Präsidenten und seiner Atommacht spielt und tönt, der ungebildet und ohne Ahnung sowie ohne jegliches Interesse echte Politik verweigert und statt dessen twittert und wütet, der glaubt, wer ihn kritisiert, wendet sich gegen die USA und begeht Majestätsbeleidigung, der kritische Medien und Menschen gerne ausschalten möchte, der sich nicht für Fakten interessiert, sonder alternative "Fakten" kreiert, der.... Der kann es nicht sein. Sondern der, der das alles beschreibt. Der muss es sein. Ein "Verräter"!
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