Ex-US-Botschafter in Deutschland "Trump hat bereits enormen Schaden angerichtet"

Der frühere US-Botschafter in Berlin und neue Gouverneur von New Jersey, Philip Murphy, attackiert Donald Trump und seinen Politikstil. Zugleich zeigt er sich optimistisch: "Wir werden die Spaltung überwinden."

Donald Trump (Archiv)
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Donald Trump (Archiv)

Ein Interview von , Washington


Er soll andere Staaten als "Dreckslöcher" beschimpft haben, attackiert seine Kritiker als Lügner und nennt sich selbst ein "Genie": US-Präsident Donald Trump manövriert sich immer mehr ins politische Abseits. Die oppositionellen Demokraten könnten davon bei den Kongresswahlen im Herbst profitieren, sagt der frühere US-Botschafter in Deutschland und demokratische Spitzenpolitiker Philip "Phil" Murphy dem SPIEGEL im Interview: "Unsere Basis ist hochmotiviert."

Murphy, der im November die Gouverneurswahl im bevölkerungsreichen US-Bundesstaat New Jersey gewonnen hat und als Vertrauter von Ex-Präsident Barack Obama gilt, wirft Trump vor, die amerikanische Gesellschaft immer weiter zu spalten. Für die Präsidentschaftswahl 2020 könnte sich Murphy eine Kandidatur der TV-Showmasterin Oprah Winfrey gegen Trump durchaus vorstellen: "Ich glaube nicht, dass es albern ist. Sie ist ein beeindruckendes Talent. Sie ist enorm erfolgreich. Sie ist unglaublich schlau. Sie ist sehr bekannt."

Lesen Sie hier das ganze Interview mit Philip Murphy.


SPIEGEL ONLINE: Die USA sind eine gespaltene Nation. Was läuft falsch?

Murphy: Es gibt eine tief sitzende Anti-Regierungs-, Anti-Globalisierungs-, Anti-Elite-Leidenschaft in Teilen der Bevölkerung. Das ist eine politische und eine kulturelle Realität. Diese Spaltung in unserem Land hat sich über einen längeren Zeitraum entwickelt, wahrscheinlich auch aufgrund der Globalisierung, die große Rezession von 2008 hat die Probleme noch einmal verschärft. Inzwischen kann man sagen, die Wirtschaft hat sich vielleicht von der Rezession erholt, die Gesellschaft aber noch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wird es in Zukunft noch schlimmer werden?

Murphy: Ich bin Optimist, wir werden die Spaltung überwinden. Ich glaube, dass unsere Institutionen stark sind. Unsere Verfassung ist stark, in diesem Land gibt es immer noch eine Menge Anführer, die für amerikanische Werte stehen und unsere Verfassung respektieren. Und: Viele Amerikaner wissen die weltweiten Beziehungen unseres Landes zu schätzen, vor allem mit Verbündeten wie Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Präsident Donald Trump hat vor einem Jahr bei seiner Amtseinführung gesagt, dass er das Land zusammenführen will, aber was wir jetzt sehen, ist, dass er das Land nur noch mehr spaltet - in diejenigen, die ihn unterstützen und diejenigen, die gegen ihn sind. Denken Sie, er wird seine Einstellung ändern?

Murphy: Ich würde sagen, dass er uns im letzten Jahr bei allem, was er getan hat, mehr auseinandergebracht hat, als uns zu einen. Ich an seiner Stelle würde sicherlich Wege finden, dieses Land zusammenzubringen, aber ich glaube nicht, dass er dies tun wird.

Zur Person
  • AP
    Philip D. Murphy, Jahrgang 1957, ist Mitglied der Demokraten. Im November wurde er zum neuen Gouverneur des Bundesstaates New Jersey an der Ostküste der USA gewählt, er folgt auf den Republikaner Chris Christie. Murphy ist Harvard-Absolvent und gelernter Banker. Der ehemalige Goldman-Sachs-Manager war von 2009 bis 2013 Botschafter der Vereinigten Staaten in Berlin.

SPIEGEL ONLINE: Das neue Buch "Fire and Fury" von Michael Wolff sorgt für reichlich Wirbel, es beschreibt Trump als unwissenden, erratischen Chaoten. Es gibt Experten, die sagen, dass er Anzeichen von Demenz zeige. Wie ist Ihr Eindruck von ihm?

Murphy: Das ist seine private Angelegenheit, aber ich denke, seine Präsidentschaft ist bisher tatsächlich chaotisch verlaufen. Er hat bereits enormen Schaden angerichtet. Er hat die USA im Inland geschwächt und ich glaube, er hat unsere globale Präsenz und Position geschwächt. Und übrigens, er ist dabei nicht allein. Die republikanische Führung im Kongress steht hinter ihm, sie versuchen die Gesundheitsreform von Barack Obama zu zerstören, sie wollen die Gesundheitsversorgung jenen Menschen wegnehmen, die sie am meisten brauchen. Sie haben einen Steuerplan verabschiedet, der das Land spaltet, der die Armen und die Mittelschicht benachteiligen wird. Nichts davon ist in Stein gemeißelt. Ich bin wie gesagt Optimist. Wir können das alles wieder rückgängig machen. Aber das wird nicht einfach sein, und es wird Zeit brauchen.

Philip Murphy, Barack Obama
AP

Philip Murphy, Barack Obama

SPIEGEL ONLINE: Der Präsident hat angekündigt, dass er in diesem Jahr mit den Demokraten parteiübergreifend an Projekten arbeiten will, zum Beispiel bei Zuwanderung und Infrastruktur. Ist das überhaupt noch realistisch?

Murphy: Es wäre gut für Amerika. Es wäre gut für ihn. Das große Thema, auf das wir uns in New Jersey konzentrieren, ist die Infrastruktur. Wir haben eine Reihe von großen Projekten, die Bundesmittel benötigen. Das Größte ist der Bau eines Tunnels unter dem Hudson River, es wäre der erste neue Tunnel seit mehr als 100 Jahren. Trump verbringt im Sommer viele Wochenenden in New Jersey, weil er hier einen Golfklub besitzt. Ich hoffe, dass er einsieht, dass der Bau dieses Tunnels zwingend geboten ist.

SPIEGEL ONLINE: Viele deutsche Unternehmen, die in den USA Geschäfte machen, sind in Sorge. Sie fürchten, dass Trump neue Handelsbeschränkungen erlässt, höhere Zölle verhängt. Glauben Sie, das wird die deutsch-amerikanischen Handelsbeziehungen gefährden?

Murphy: Ich bin eigentlich einigermaßen optimistisch, dass wir die transatlantischen Handelsbeziehungen erhalten und ausbauen können. Ich denke, es gibt genug Leute auf beiden Seiten, die verstehen, dass dies sowohl für Europa als auch für die Vereinigten Staaten eine Lebensader ist. Und: Wir glauben fest daran, dass wir in New Jersey als Investitionsstandort hervorragend positioniert sind. Wir haben viel zu bieten, zum Beispiel haben wir hier in Newark und Elizabeth einen der größten Häfen der Vereinigten Staaten.

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SPIEGEL ONLINE: Trotzdem: Besteht nicht die Gefahr, dass Trump Investoren abschreckt, die sich dann auf andere Weltmärkte konzentrieren könnten, zum Beispiel China?

Murphy: Die USA bleiben der größte Markt der Welt. Also müssen die Firmen immer noch hierherkommen und in Fabriken oder in Unternehmenszentralen investieren, wenn sie Autos, Medikamente oder was auch immer verkaufen wollen. Die deutschen Unternehmer, mit denen ich spreche, wissen, dass Donald Trump einige Jahre Präsident sein wird, ich hoffe vier und nicht acht Jahre. Aber sie treffen Investitionsentscheidungen für Zeiträume von 30 bis 50 Jahren, ihr Horizont ist ein ganz anderer. Ich habe auch da viel Optimismus.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Wahlkampagne war sehr erfolgreich. Wie lautet die Formel für die Demokraten, damit sie den Kongress oder sogar die Präsidentschaft zurückerobern können?

Murphy: Ich denke, der Schlüssel zum Erfolg ist, die konkreten Probleme der Menschen anzusprechen. Wer nur auf einen Persönlichkeitswahlkampf setzt, wird keinen Erfolg haben. Es geht um die konkreten Probleme und um Werte. Was werden wir für die Menschen tun, die von der Globalisierung betroffen sind, die ihren Arbeitsplatz verloren haben? Was sind unsere gemeinsamen Werte? Wir haben in der Vergangenheit zu viele leere Schlagworte benutzt.

SPIEGEL ONLINE: Was könnten Sie besser machen?

Murphy: Die Demokratische Partei hat immer ein Problem damit, ihre Botschaft so kurz und griffig zu formulieren, dass sie auf einen Autoaufkleber passt. Die Republikaner sagen: "Make America Great Again" - "Macht Amerika wieder großartig". Die Demokraten sagen: "Ja. Wir kennen uns mit griffigen Sprüchen für Autoaufkleber aus. Das einzige Problem ist, wir brauchen zwölf davon."

SPIEGEL ONLINE: Können die Demokraten die Republikaner und Trump besiegen?

Murphy: Wir haben bei den Zwischenwahlen, also bei den Midterms im November, eine echte Chance, das Repräsentantenhaus zurückzuerobern. Donald Trump ist unpopulär, die Republikaner sind es ebenso. Und unsere Basis ist hochmotiviert. Besonders Frauen sind zornig und empört über die Art und Weise, wie Trump regiert. Und natürlich sind auch Minderheiten wütend, Schwarze, Latinos, Asiaten, Einwanderer. Trump macht sie zornig und er macht ihnen Angst. Es kann übrigens auch gut sein, dass gemäßigte, vernünftige Republikaner von ihm genug haben. Diese Leute könnten bei den Wahlen die Seiten wechseln, oder sie bleiben einfach zu Hause.

Philip Murphy, Angela Merkel (Archiv)
DPA

Philip Murphy, Angela Merkel (Archiv)

SPIEGEL ONLINE: Viele haben über die Nachricht die Nase gerümpft. Aber wäre es wirklich so dumm, die Talkmasterin Oprah Winfrey für 2020 zur demokratischen Präsidentschaftskandidatin zu machen?

Murphy: Ich glaube nicht, dass es albern ist. Sie ist ein beeindruckendes Talent. Sie ist enorm erfolgreich. Sie ist unglaublich schlau und sehr bekannt. Sie hat in Amerika einen fast universellen Bekanntheitsgrad, jeder kennt diesen einen Namen: Oprah. Das ist wie bei Elvis. Und bedenken Sie: Wir haben einen Präsidenten, der vom Fernsehen kommt. Die Idee, dass jemand, der Karriere in Medien und Rundfunk gemacht hat und geschäftlich erfolgreich ist, ein legitimer Kandidat sein könnte, ist nicht mehr neu. Das ist schon einmal passiert.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Winfrey die Kandidatin für 2020 werden würde, hieße das: Man bekämpft Feuer mit Feuer?

Murphy: Vielleicht. Aber es ist zu früh, um das zu sagen. Es ist zu früh, uns auf diese Dinge zu konzentrieren. Wir haben erst mal noch viele andere Themen vor uns.

SPIEGEL ONLINE: Denken Sie noch manchmal an Ihre Zeit in Deutschland als US-Botschafter?

Murphy: Meine Zeit in Deutschland wirkt mit Sicherheit nach, das habe ich im Wahlkampf gemerkt. Da habe ich oft auf Deutschland verwiesen: Ich denke, wir sollten mehr von Deutschland lernen. Vorbildlich ist zum Beispiel die konstruktive Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Gewerkschaften. Oder die Waffenkontrolle. Deutschland hat eine hohe Waffenbesitzquote, aber eine gute Waffensicherheit. Das zeigt uns, dass beides möglich ist. Und natürlich: Das Gesundheitssystem ist sehr gut und kann ein Vorbild sein.

SPIEGEL ONLINE: Was vermissen Sie am meisten an Deutschland?

Murphy: Oh Mann. Wir haben als Familie gerade Weihnachten in Deutschland gefeiert. Zum einen haben wir dort viele Freunde, also Menschen, mit denen wir gerne zusammen sind, von der Bundeskanzlerin und dem Bundespräsidenten bis hin zu unseren Nachbarn und zu den Mitarbeitern der Botschaft. Und die zweite Sache, die ich vermisse, ist natürlich die Bundesliga.

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Seite 1
kraijjj 16.01.2018
1. Nun
Wenn die Demokraten die Anti-Elite Stimmung bekämpfen wollen, ist die Milliardärin Oprah Winfrey wohl nicht der geeignete Kandidat. Auch weil sie über keinerlei politische Erfahrung verfügt und man nicht mal weiß wofür sie im Detail steht. Bernie Sanders ist dagegen immer noch eine Hoffnung, besonders bei den jüngeren Menschen. Bin auch ziemlich begeistert von Nina Turner. Sie könnte als Vice zu Sanders aufgestellt werden.
sekundo 16.01.2018
2. Über politische
Zitat von kraijjjWenn die Demokraten die Anti-Elite Stimmung bekämpfen wollen, ist die Milliardärin Oprah Winfrey wohl nicht der geeignete Kandidat. Auch weil sie über keinerlei politische Erfahrung verfügt und man nicht mal weiß wofür sie im Detail steht. Bernie Sanders ist dagegen immer noch eine Hoffnung, besonders bei den jüngeren Menschen. Bin auch ziemlich begeistert von Nina Turner. Sie könnte als Vice zu Sanders aufgestellt werden.
Erfahrung verfügte Obama vor seinem Amtsantritt auch nicht! Und um herauszufinden, für was Winfrey steht, empfehle ich die Lektüre ihrer Bücher!
Rassek 16.01.2018
3. Haben wir schon
Amerikanische Werte ?? Kein Problem!! Wenige Reiche. Viele Leute denen der Job in 8h schon lange nicht mehr reicht. Die aber dennoch privat fürs Alter und sonstwas sparen sollen.
shardan 16.01.2018
4. Autsch!
"Ich glaube nicht, dass es albern ist. Sie ist ein beeindruckendes Talent. Sie ist enorm erfolgreich. Sie ist unglaublich schlau und sehr bekannt. Sie hat in Amerika einen fast universellen Bekanntheitsgrad, jeder kennt diesen einen Namen: Oprah. Das ist wie bei Elvis. Und bedenken Sie: Wir haben einen Präsidenten, der vom Fernsehen kommt. Die Idee, dass jemand, der Karriere in Medien und Rundfunk gemacht hat und geschäftlich erfolgreich ist, ein legitimer Kandidat sein könnte, ist nicht mehr neu. Das ist schon einmal passiert." Da kann ich nur sagen: Autsch! Berühmt wie Elvis, erfolgreich im Geschäft, sehr bekannt. Das also ist die Qualifikation für einen Präsidenten, wohlgemerkt nach Meinung eines Botschafters, also keineswegs "unterbelichteten" Mitbürgers. Welche politische Qualifikation hat Frau Winfrey? Kein Wort davon, ebensowenig davon, wie bekannt die Dame denn vielleicht im Ausland ist? Es sieht hier nicht jeder amerikanische Talkshows. Die Äusserung zeigt deutlich die nach innen gerichtete Betrachtungsweise, bei der man exakt alle Präsidenten der USA mit genauen Daten aufzählen kann, aber nicht weiß, wo der Eiffelturm steht. Wie wirkt das nach außen, wenn eine Showmasterin Präsident wäre? Herr Ex-Botschafter mag das anders sehen, aber ich finde, es wirkt ganz schön albern, wenn sich nun TV-Größen als Präsident bewerben. USA als TV-Show? Herr Ex-Botschafter, das ist armselig! Letztlich mag es egal sein: Winfrey macht zumindest einen weltoffeneren und lernfähigeren Eindruck als der derzeitige US-Präses.
flux71 16.01.2018
5.
Selbstverständlich hat der Präsi schon enormen Schaden angerichtet. Er hat weltweit die gefährlichsten Lunten gelegt, er hat Partner verprellt, er hat das Pariser Abkommen gekündigt, er hat Waffen an Saudi Arabien verkauft, er twittert ständig nur Mist... ... Aber wen interessiert das schon? In der Innenpolitik ist der Präsi noch immer damit beschäftigt, die USA zu vernichten. Solange man ihn das machen lässt (sei es aus Plan und Kalkül oder sei es aus Dummheit, das ist am Ende auch egal), solange verdienen die USA einfach keine Anerkennung mehr. Solange muss man sich von ihnen distanzieren. Deutlicher denn je. Für mich steht außer Frage, dass die Welt auf der Kippe steht. Wollen wir Intoleranz, Hass, Spaltung und Gewalt weiter schüren und uns daran aufgeilen, oder wollen wir Frieden erhalten, auch gesellschaftlichen, inneren Frieden, wollen wir GEMEINSAM etwas erreichen, statt immer nur gegeneinander? Lässt man dem Hass freien Lauf, den Trump vorlebt, kippt die ganze Welt nach rechts und wird dabei ersaufen. Das ist zumindest meine große Sorge.
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