US-Wahlkampf Solo für Trump

Er kämpft nicht mehr nur gegen Hillary Clinton. Donald Trump befindet sich jetzt auch im Krieg gegen die eigene Partei, er pöbelt gegen deren Führungspersonal. Verspielt er alles?

Donald Trump
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Von , Washington


Donald Trump hat wieder getwittert. Ziel seiner Ausfälle in 140 Zeichen ist diesmal nicht seine Gegnerin Hillary Clinton, sondern seine eigene Partei, die Republikaner, und allen voran deren wichtigster Anführer: Paul Ryan.

  • "Paul Ryan sollte lieber mehr Zeit für den Haushalt, den Arbeitsmarkt und illegale Einwanderung verwenden und nicht den Kandidaten der Republikaner bekämpfen", twitterte er am Montag feindselig.

Und am Dienstag:

  • "Auch wenn ich die TV-Debatte mit einem Erdrutschsieg gewonnen habe, ist es schwer im Wahlkampf, wenn Paul Ryan und andere mich null unterstützen."
  • "Unser schwacher und nutzloser Anführer, Paul Ryan, hatte gerade eine miese Konferenz. Parteimitglieder haben es ihm gezeigt, weil er so illoyal ist."
  • "Es ist so angenehm, dass ich jetzt alle Fesseln los bin. Jetzt kann ich für Amerika kämpfen, wie ich es will."
  • "Wenn sie nicht gerade Bernie Sanders um die Spitzenkandidatur betrügen, sind Demokraten viel loyaler als Republikaner."
  • "Illoyale Republikaner sind noch schlimmer als die verbrecherische Hillary. Die gehen von allen Seiten auf dich los."

Trump außer Rand und Band.

Wenn der cholerische Milliardär die wichtigsten Politiker der Partei beschimpft, die ihn zu ihrem Spitzenkandidaten im US-Wahlkampf gemacht haben, dann wirken Horst Seehofers Einlassungen gegen Angela Merkel plötzlich wie das Schnurren eines Miezekätzchens, das nur ein wenig spielen will.

Katastrophen-Vokabular in den Medien

Um zu beschreiben, was sich in der republikanischen Partei der USA gerade abspielt, packen hiesige Medien ihr Katastrophen-Vokabular aus: "Bürgerkrieg", "Anarchie", "Inferno", "Kernschmelze".

Seit am vergangenen Freitag ein Video veröffentlicht wurde, in dem Trump 2005 mit sexuellen Übergriffen prahlte, ist alles vollends aus dem Lot: der Wahlkampf, die Umfragen, und die republikanische Partei.

Sehen Sie hier eine Chronik des Videoskandals:

REUTERS

Die Mehrheit der amerikanischen Öffentlichkeit reagierte angewidert auf diese jüngste Enthüllung: Ein alternder Playboy macht als Berühmtheitsbonus geltend, sich an Frauen vergreifen zu dürfen. Auch viele Republikaner gingen - viel zu spät, muss man sagen, aus seinem verächtlichen Menschenbild hatte Trump schließlich nie einen Hehl gemacht -, nun auf Distanz zu ihrem Kandidaten.

Denn am 8. November geht es nicht nur ums Weiße Haus, auch das politische Überleben vieler Republikaner steht auf dem Spiel, die sich um einen Sitz im US-Kongress bewerben. Um die eigene Haut zu retten, defektierten am Wochenende Dutzende von ihnen und entzogen Trump die Unterstützung.

Zu ihnen gehört der Ex-Präsidentschaftskandidat John McCain. Er will wieder für seinen Bundesstaat Arizona in den US-Senat und kündigte an, Trump nicht zu wählen. Dessen Antwort: ein Tweet, in dem er McCain beschimpfte.

Auch der mächtigste Republikaner im US-Kongress, Sprecher Paul Ryan, ging deutlich auf Distanz zu Trump und lud ihn von einer Veranstaltung aus. Trump schäumte.

Aus der Partei wurden erste Rücktrittsforderungen laut.

In die Enge getrieben und außer sich vor Wut, ging Trump noch weiter. Im Kampf gegen Hillary Clinton versuchte er, den Spieß umzudrehen und erschien zum TV-Duell am Sonntag mit Frauen, die in der Vergangenheit Vorwürfe von Vergewaltigung und sexueller Belästigung gegen Bill Clinton erhoben haben. Er tat dies trotz aller ausdrücklicher Bitten aus seiner eigenen Partei, den Wahlkampf nicht noch weiter in diese Richtung eskalieren zu lassen.

Zweistelliger Rückstand hinter Clinton

Die Quittung für den Videoskandal kam mit den neuen Umfragen am Montag: Bis zu elf Prozentpunkte liegt Hillary Clinton vor Donald Trump in Führung - einen solchen zweistelligen Rückstand hat noch kein Kandidat vier Wochen vor dem Stichtag aufholen können.

Paul Ryan versucht seitdem einen keineswegs überzeugend wirkenden Balanceakt. Er bricht nicht offen mit Trump, signalisierte seinen Parteifreunden aber am Montag, er werde sich für den Spitzenkandidaten nicht mehr ins Zeug legen, sondern alles dafür tun, dass die gegnerischen Demokraten zumindest nicht auch noch den Kongress erobern. Das kommt einem Eingeständnis gleich, dass das Rennen für Trump gelaufen ist.

Das bringt nun wiederum andere republikanische Abgeordnete auf die Barrikaden, sie beschimpfen Paul Ryan als "Feigling".

Sehen Sie hier: Trump und sein designierter Vize im Clinch:

REUTERS

Trump rechnet sich immer noch Siegchancen aus. "Na klar gewinnen wir", sagte er kürzlich. "Wir haben enorme Unterstützung. Ich glaube, viele Leute unterschätzen, wie loyal meine Unterstützer sind."

Da hat Trump sicher recht, seine Fans halten zu ihm. Was er aber offenbar nicht wahrhaben will: Wenn Trump unentschlossene Wähler nicht auf seine Seite bringt - und wie soll das gelingen, wenn die eigene Partei sich gegen ihn stellt -, wird er das Rennen gegen Clinton verlieren.

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jujo 11.10.2016
1. ...
Ich mag mich irren, ist es aber nicht so, das in den Vorwahlen die Basis der Parteien darüber abstimmen wer Kandidat wird? Trump hat sich da doch klar durchgestzt. Ich sehe nicht wie die republikanische Parteiführung ihn als Kandidaten hätte verhindern können? Schon verständlich, das man jetzt versucht die Bastion Senat zu halten. Für mich ist die Sache pro Clinton gelaufen! Trump kann nicht gegen Clinton und gegen seine Partei gewinnen.
helro56 11.10.2016
2. eine Person, die sich wöchentlich Verbal selber Armutszeugnisse ausstellt......
darf einfach kein Präsident, egal welchem Landes werden! obwohl ich auch Fr. Clinton für untauglich halte! armes Amerika und seine Politiker, die es nicht geschafft haben, repräsentative und vor allem auch vertrauenswürdige Präsidentschaftskandidaten auszuwählen, die vor allem auch international anerkannt werden!
pr8kerl 11.10.2016
3. Hillary Clinton wird sehr deutlich gewinnen
Die Amerikaner sind ja auch nicht ganz blöd und registrieren Trumps Vokabular. Noch nie wurde ein Kandidat wie jetzt Hillary Clinton als "krumm", "verbrecherisch" oder "Teufel" bezeichnet, noch nie war soviel von "Desaster" die Rede. Trump ist das Desaster, und in den Umfragen (realclearplitics.com) schlägt sich das von Tag zu Tag deutlicher durch. Noch gibt es keine Umfragen nach der zweiten TV-Debatte, aber ich denke mal, dass Clinton jetzt auch Ohio, Florida und Colorado gewinnt und locker 350 Wahlmännerstimmen bekommt. Trump geht die Munition aus. Der ist übrigens kein "Sexualstraftäter", wie hier behauptet wurde, er führt nur unterste Gossengespräche.
paula_f 11.10.2016
4. möglicherweise erlebt Amerika ein Brexit
klar sind Amerikaner prüde zumindest nach außen, aber entscheidender ist das es der Mittelschicht und den vielen kleinen Unternehmen nicht gut geht. Das macht die Probleme virulent, die amerikanische Regierung wird sehr stark beeinflusst von wenigen großen Konzernen und deren Interessenvertreter. Gerade die zahlen, wie beispielsweise Apple, nur unbedeutende Anteile am Steueraufkommen, auch die Zahl der Beschäftigen ist gering im Vergleich zu den vielen kleinen Unternehmen. Mittlerweile hat eine Mehrheit der Amerikaner bemerkt, dass die Gesellschaft ohne Mittelstand und kleine Unternehmen zerstört wird. Zerstört wird das soziale Gefüge, die Infrastruktur zerfällt, das Bildungswesen verkommt, gefördert werden nur die schon bevorzugten, eine Fehler beim heutigen Stand der Industrialisierung. Das Privatfernsehen von wenigen gelenkt trägt zusätzlich zur Zerstörung der Gesellschaft bei. Was Merkel eher polemisch als "Alternativlos" bezeichnet trifft hier für viele auf Trump zu, sie werden die Katastrophe Trump aus Protest wählen. Das mit Trump ist teilweise auf die AFD übertragbar.
Lasersnake 11.10.2016
5. Revenge of the Nerds
Jemandem wie Trump, der glaubt sich alles erlauben zu können und all zu oft auch damit durchkommt, dabei zuzuschauen, wie er sich in aller Öffentlichkeit blamiert und als Präsidentschaftskandidat derart spektakulär versagt, bereitet mir ein riesiges Vergnügen!
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