Trump gegen Assad Ein bisschen Krieg

Ein paar "Tomahawks" - und schon wird Trump von seinen schärfsten Kritikern gelobt. Wer Bomben wirft, der wird geliebt. So irre ist unsere Welt. Der US-Präsident wird sich das merken - und wir werden es bereuen.

US-Präsident Trump
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US-Präsident Trump

Eine Kolumne von


Eben galt Donald Trump der Hälfte der Menschheit noch als wirre Witzfigur im Weißen Haus. Jetzt genießt er plötzlich die Anerkennung des sogenannten liberalen Establishments. Warum? Weil er Bomben geworfen hat. Wenn Trump klug ist, lernt er daraus - und wirft noch mehr Bomben. Da müssen sich dann künftig weder unsere Kommentatoren noch unsere Politiker wundern, wenn die Welt immer mehr dem Krieg verfällt.

Sie sorgen ja dafür, dass es immer noch der Krieg ist, der den Mann zum Mann macht.

Ist das jetzt die große Versöhnung? Es sieht tatsächlich so aus, als hätten Donald Trump und die sogenannte liberale Öffentlichkeit zueinander gefunden. Es brauchte nur 59 "Tomahawks" - das ist irgendeine beschissene Waffe aus dem unendlichen Arsenal beschissener amerikanischer Waffen - und selbst Trumps schärfste Kritiker konnten sich vor Begeisterung plötzlich nicht mehr halten.

Der SPIEGEL lobt: "Donald Trump hat es richtig gemacht." Die "Süddeutsche Zeitung" stellt plötzlich fest: Man müsse "Trump zumindest zugestehen, dass sein Instinkt stimmt". Und die "New York Times" feiert Trump für seinen Angriff auf Syrien: "Trumps Herz kam zuerst", schrieb die Zeitung in einer später dann doch noch abgeänderten Überschrift. Sie rief "eine Wende in seiner Präsidentschaft" aus. Zur Erinnerung: Das ist Trumps "Fake News 'NYT', very sad!"-"New York Times".

Man kann sich den Donald geradezu vorstellen, wie er durch sein Oval Office tänzelt und den alten Dinah-Washington-Song variiert: "What a difference a war makes...". Ein kleiner Krieg, und alles sieht anderes aus.

Dabei waren die Bomben auf Syrien militärisch sinnlos. Und rechtlich waren sie schlicht ein Verbrechen. Diese Bomben waren reine Politik.

Dass der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei - das ist eine alte Definition des Kriegs, die wir überwunden glaubten. Falsch.

Der Angriffskrieg ist völkerrechtlich geächtet - und nichts anderes war dieser Luftschlag. Aber das Völkerrecht ist schon lange tot. Nurmehr eine traurige Reminiszenz an vergangene Tage, als die Hoffnung noch lohnte, die Welt sei nach Maßstäben von Recht und Vernunft zu ordnen.

Aber die Welt ist ein Dschungel und es gilt statt der Stärke des Rechts nur das Recht des Stärkeren. Peking schert sich im Südchinesischen Meer einen feuchten Kehricht um das Völkerrecht, Russland auf der Krim und Israel im Westjordanland. Nun die USA in Syrien. Westen, Osten, es spielt keine Rolle, statt Recht herrscht Willkür. Regeln, die immer nur die anderen einhalten sollen, sind keine.

Aber das kümmert inzwischen nicht einmal mehr die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die Trumps Angriff im Fernsehen "richtig" nannte.

An der Fähigkeit der syrischen Armee, ihr eigenes Volk zu quälen, haben die amerikanischen Bomben nichts geändert. Das war auch nicht ihr Sinn.

Es ging um ein Zeichen, ein Symbol. Der schneidige Historiker Michael Wolffsohn nannte den Schlag eine "Haudraufaktion mit politischem Zweck". Es war ein Signal an Russen und Chinesen. Wir sind auch noch da! Eine Volte im Machtkampf, der im Weißen Haus zwischen den verschiedenen Lagern der Günstlinge um den künftigen Kurs dieser Präsidentschaft tobt.

Auch der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel nannte den Angriff der USA "nachvollziehbar". Es sei kaum erträglich gewesen, "mit ansehen zu müssen, dass der Weltsicherheitsrat nicht in der Lage war, klar und eindeutig auf den barbarischen Einsatz chemischer Waffen gegen unschuldige Menschen in Syrien zu reagieren". Das war vielsagend.

Denn es ist offenbar auch das Mitleid ein Trieb, der, immer wieder aufs Neue gereizt, auf Entladung dringt. Unser Mitleid wurde von so vielen Bildern toter Kinder erregt, dass der Triebstau annähernd unerträglich geworden ist. Dieser Krieg führt zu einer großen Erregung, die endlich nach Befriedigung verlangt. "Da muss man doch mal was machen", heißt es dann. Das ist ein sozusagen protopolitischer Satz.

Trump, der Stimmungspolitiker, hat das erkannt. Das ist sein Instinkt.

Er wusste, auch wir wollen endlich mal zum Schuss kommen, unsere Raketen abfeuern, unsere Explosionen genießen. 59 "Tomahawks", das waren 59 Orgasmen des guten Gewissens.

Trump hat uns gegeben, was wir wollen. Und wir ihm. Das werden wir noch bereuen. Der Mann ist ein Narzisst. Solche Menschen tun alles für die Anerkennung ihrer Umgebung. Wenn man bedenkt, wie viel Anerkennung Trump für die Bomben auf Syrien bekommen hat, kann man damit rechnen, dass er künftig noch mehr Bomben werfen wird.

Damit ist der eine Vorteil, den eine Präsidentschaft dieses Mannes vielleicht hätte haben können - dass die USA damit aufhören, die Welt durch ihre Militärpräsenz zu einem noch unsicheren Ort zu machen -, nun auch hinfällig geworden.

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insgesamt 339 Beiträge
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Seite 1
caty24 13.04.2017
1. Seit 7.4. Welt-Anarchie
Sollte die USA nochmals Syrien angreifen ,könnte Putin die Ölanlagen der Saudis beschiessen. Denn die sind für mindestens 50% der toten Syrer verantwortlich,Und das mit Jemen ist sowieso eine Schande. Da die Regeln des Völkerrechts faktisch am 7.4.17 von den Amis außer Kraft gesetzt wurden, spricht nichts mehr dagegen.
Katzazi 13.04.2017
2.
Danke für diesen Beitrag. Ich stimme Inhnen selten zu, aber diesmal beschreiben Sie relativ gut, meine Verwunderung und Bedenken. Zugegebenermaßen kann ich auch sagen, dass es "nachvollziehbar" war. Das ist eine Formulierung, die ich aber auch bei einem Verbrecher wählen würde, wenn ich verstehe, was ihn dazu verleitet hat. Aber das macht es nicht besser. Und auch nicht richtig. Es ist wahrscheinlich auch kein wirklicher Schritt in Richtung einer Lösung. Auch nicht die Tatsache, dass er schlimmeres hätte machen können. -- Dazu kommt, dass das Leid eben der besagten Kinder von allen möglichen Parteien nun zynisch verwendet wird um ihre eigenen Positionen und eigene Macht zu stärken und Profit daraus zu schlagen. Während das Leid all der anderen Kinder (und Erwachsenen) die durch ähnlich grausame dinge verletzt oder getötet wurden ebenso zynisch ignoriert wird. -- Wie hat ein Forist letztens (etwas naiv) geschrieben: wenn man das Geld das die Tomahawks gekostet haben statt dessen in humanitäre Hilfe gesteckt hätte, hätte man in Syrien viel mehr bewegen können.
abi86 13.04.2017
3. Sehr richtig!!
Herr Augstein, Ich muss Ihnen hier zustimmen. Besonders die Passage: "Regeln, die immer nur die anderen einhalten sollen, sind keine." Das müsste die gute Flintenuschi mal gesagt werden
eunegin 13.04.2017
4. bissig aber treffend. Leider.
Der kurze und bissige Artikel enthält leider viele Wahrheiten und eine böse Vorahnung. Deutschland sollte sich innerhalb der EU genau überlegen, was es tut.
Beetulli 13.04.2017
5. Schön, dass es mal jemand ausspricht,
wie verwunderlich es ist, sich plötzlich die Anti-Trumpisten, ehemaligen Clinton-Fans, kritischen Mitmenschen, aufrechten Demokraten und Verteidiger der Wertegemeinschaft an Donald begeistern können. Und offenbar am Fakt des Völkerrechtsbruchs. Aber das Völkerrecht war ja noch nie so das Ding der US-amerikanischen Präsidenten, zumindest, wenn's im Wege war. Ich bin nur entsetzt, wie man sich an so einer Aktion auch hierzulande berauschen kann. Dummerweise habe ich mir letzte Woche auch noch Altmeiers Versuch der Rechtfertigung bei M. Slomka angesehen, die Lippe kriege ich mehr aus dem Gedächtnis...
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