Donald Trump gegen Marco Rubio Außer Kontrolle

Der Schlagabtausch der US-Republikaner erreicht neue Tiefen. Es ist unfassbar, wie ungesittet, mit welcher Härte Marco Rubio und Donald Trump aufeinander losgehen. Kann der Wahlkampf überhaupt wieder ins Lot kommen?

Von , Washington

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Am Ende dieses verrückten, wilden Tages steht Donald Trump auf einer Bühne in Fort Worth in Texas und weiß, dass er es wieder einmal allen gezeigt hat. Dem Land, der Partei, sich selbst. Trump fühlt sich unantastbar. Und ungeheuer gut.

Mitt Romney, der Ex-Präsidentschaftskandidat? "Läuft wie ein Pinguin", ruft Trump seinen Leuten zu: "Selbst wenn er mir seine Unterstützung anbieten würde, ich würde sie nicht nehmen." Jubel.

Marco Rubio, sein ärgster Rivale? "Ein Baby. Ein schrecklicher Typ", ruft Trump. Und wie Rubio schwitzt! "Ihr solltet ihn mal im Backstage-Bereich sehen. Er musste sich gestern mit der Kelle das Make-up draufmachen." Lacher.

Trump wedelt mit einer Plastikflasche, er schwenkt sie einmal nach links, einmal nach rechts, dann öffnet er sie. "Das ist Rubio!", schreit er seinen Fans zu, gießt die Hälfte der Flasche auf den Boden, spritzt die andere Hälfte durch die Luft, wirft die Flasche schließlich einfach hinter sich. Dann schneidet er Grimassen. Das Publikum kreischt, seine Fans sind außer sich.

Ja, was will man sagen? Es ist ja auch alles zum Kreischen gerade in diesem Wahlkampf. Die Geschwindigkeit. Die Szenen. Die Tonlage. Manchmal fragt man sich, was das alles eigentlich noch mit Politik zu tun hat, aber dann denkt man: Richtig, wir sind ja in den USA. Da ist eben alles etwas anders als bei unseren Merkels und Steinmeiers. Ist ein Stück weit normal hier. Oder? "Es ist unglaublich, gerade jetzt leben zu dürfen", schreibt eine langjährige US-Reporterin, und dann weiß man, dass das, was aufseiten der Republikaner gerade passiert, dieser Kampf um die Zukunft des Konservatismus in den USA, auch für Amerikaner etwas Surreales hat.

Kalkulierter Angriff

Manierenloser als an diesem Freitag ist es in diesen Monaten wohl noch nicht zugegangen. Aber der Tag ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie schnelllebig der Republikaner-Wettlauf ist und welch tiefe Gräben der Vorwahlkampf im Zeitalter moderner Medien schaffen kann. Das Duell zwischen Trump und Rubio, mit dem die Partei jetzt auf den Super Tuesday zusteuert, beginnt genau genommen schon am Donnerstagabend. Da stehen die beiden auf einer CNN-Bühne in Houston und streiten sich.

Es ist eine faszinierende TV-Debatte, weil sie so anders ist als die bisherigen. Trump, der Dominator, wirkt wie ein Lehrling. Rubio schafft es, die Diskussion um Details kreisen zu lassen, was genau jenes Feld ist, auf dem Trump nun wirklich noch nie unterwegs war. Sein Programm ist, keins zu haben. Bisher hat das gut funktioniert, in Houston geht es schief. Gesundheitspolitik, Steuersystem, Entschuldung, das sind die Themen. "Was ist dein Plan?", fragt Rubio in Richtung Trump: "Das sind wichtige Fragen. Unser Kandidat sollte solche Fragen beantworten können." Trump sagt nichts, jedenfalls nichts, was als wirkliche Antwort durchgeht.

Rubio hat Trumps Vergangenheit genau auf Schwächen abgeklopft. Er ist fündig geworden. Der 44-Jährige wirft dem Unternehmer vor, auf seinen Baustellen illegale Einwanderer beschäftigt zu haben. "Die Leute können das nachschauen", ruft Rubio. "Ich bin sicher, dass die Leute das in diesem Moment googeln. Polnische Arbeiter."

Rubios Kampagne verschickt zeitgleich Informationen über die heikle Angelegenheit. Per E-Mail, per Twitter, wie auch immer. Es ist ein kalkulierter und wahrscheinlich Tage vorher einstudierter Angriff auf die Glaubwürdigkeit des Superpromis. Wenn man zum Vorwurf den Faktencheck gleich mitliefert, ist er effektiver, das ist das Kalkül. Wahlkampf in Realtime.

"Leichtgewicht", "Klette", "Mr. Kollaps"

Trump kriegt davon nichts mit, er steht mit rotem Kopf auf der Bühne. "Ich bin der Einzige hier, der überhaupt Leute eingestellt hat. Du hast niemanden eingestellt", sagt Trump in Richtung Rubio. Der setzt erneut an, diesmal geht es um die Herkunft des Milliardärs. "Wenn er nicht 200 Millionen geerbt hätte, wisst ihr, wo Donald Trump jetzt wäre? Er würde Uhren verkaufen in Manhattan." Der alte Präsident George Bush wird eingeblendet. Er sitzt im Publikum und sieht ein wenig befremdet aus. Man denkt unweigerlich an die Zeit zurück, in der es in der Politik noch etwas gesitteter zuging.

Rubios Attacke zeigt, dass er sich noch nicht aufgegeben hat. Das Establishment setzt auf ihn, er gilt als moderate Alternative zu Trump, was ein wenig absurd ist, weil Rubio in vielen Fragen wertkonservativer ist als sein Rivale. Aber weil Trump für viele Amerikaner eine Horrorvorstellung ist, will das halbe Land, dass Rubio sich dem 69-Jährigen entschlossen entgegenstellt. Weil der Senator das endlich macht, überschlagen sich noch in der Nacht die Kritiken. "Das war nicht nur Rubios bester Auftritt, das war der beste Auftritt von irgendeinem Kandidaten bei irgendeiner Debatte", jubelt die "Washington Post".

Rubios Leute streuen, dass Unterstützer rund 20 Millionen Dollar in TV-Attacken gegen den Unternehmer investieren wollen. Trump, das hat es lange nicht mehr gegeben, scheint in der Defensive. Ausgerechnet ein paar Tage vor dem Superwahltag. Er ärgert sich, was man daran merkt, dass sich am Freitagmorgen seine Aktivität bei Twitter deutlich erhöht. Er beschimpft Rubio als "Leichtgewicht", als "Klette" und als "Mr. Kollaps". Ein Kläffer, so versucht Trump seinen Gegner hinzustellen. Aber er macht Fehler. Trump verschreibt sich. Es sind kleine Vertipper, die normalerweise nicht weiter tragisch sind. Im Wahlkampf werden sie schnell zum Beleg für die mangelnde Eignung als Präsident.

Rubio kriegt das mit. Er ist schon in Texas unterwegs, schaltet sich per Telefon in mehrere Morgenshows. Den Sieger wollen alle sehen, und Rubio liefert. "Auf keinen Fall werden wir zulassen, dass die Partei von Ronald Reagan oder die konservative Bewegung von einem Hochstapler übernommen wird", sagt Rubio. Hochstapler. Das Wort ist die nächste Eskalationsstufe. Es verbreitet sich wie ein Lauffeuer.

"Oh, mein Gott"

Wenig später ist er bei einer Veranstaltung in Dallas. Es geht um Trump, klar, Rubio hat jetzt sein Thema gefunden. Er kommt auf die Druckfehler zu sprechen, zückt sein Smartphone und liest Trumps entsprechende Tweets vor. "Wie kann dieser Typ - nicht in einem, sondern in drei Tweets - solche Fehler machen?", ruft Rubio. "Ich habe zwei Theorien. Entweder schreibt man an der Wharton School of Business, wo er studierte, die Worte so. Oder er hat einfach, so wie er es beim Bau des Trump Towers gemacht hat, ausländische Arbeiter angestellt, um seine Tweets zu schreiben."

Rubio ist jetzt richtig in Fahrt. "Er hat mich als Mr. Kollaps bezeichnet", ruft er seinen Leuten zu. "Ich sage euch mal was: Gestern, während einer der Pausen in der Debatte, ist er nach hinten in den Backstage-Bereich gegangen und hatte seinen eigenen Kollaps. Erst hat er sich Make-up über die Oberlippe gemacht, weil er da so einen Schweißfilm hatte. Dann hat er nach einem Ganzkörper-Spiegel gefragt. Ich weiß nicht, warum, weil das Pult ja bis hier oben ging", sagt Rubio und zeigt auf seine Brust. "Vielleicht wollte er nur sicherstellen, dass seine Hose nicht nass geworden ist." Schöner hätte es auch Trump nicht sagen können.

"Oh, mein Gott", ruft der CNN-Moderator, als die Schalte von Rubios Wahlkampf-Auftritt beendet ist und das Bild auf ihn umschwenkt.

Es ist jetzt elf Uhr morgens. Rubios Sätze sind überall. Trump hat gemerkt, wie sehr ihm seine fehlerhaften Tweets schaden. Er löscht sie. Und verschickt sie einfach noch mal, aber diesmal richtig. "Trump wird gleich sicher eine Pressekonferenz geben, um alle Aufmerksamkeit wieder auf sich zu ziehen", witzelt Rubios Sprecher.

Vom Milliardär selbst ist nicht viel zu hören. Ein neuer Unterstützer Trumps meldet sich. Es ist Dennis Rodman, der ehemalige Basketballer. Wer Rodman kennt, weiß, dass das passt. Rodman hat seinen Beruf immer mit einer besonderen Rustikalität ausgeübt. Er ging dort hin, wo es wehtut. Wie Trump. Vor einiger Zeit hat er den nordkoreanischen Diktator besucht. Das war ein großes Ding. An diesem Morgen ist Rodman eine Randnotiz.

Ist dies der bisher mieseste Tag in der Kampagne des Donald Trump? Bis zum Mittag sieht es so aus. Da präsentiert er plötzlich noch einen Unterstützer. Und was für einen. Es ist Chris Christie, der Gouverneur von New Jersey, bis vor Kurzem selbst Bewerber für die Kandidatur. Als er noch dabei war, hat er Rubio einen schweren Schlag versetzt, als er ihn während einer TV-Debatte als Sprechautomaten bezeichnete. Jetzt ist er der erste aktive Republikaner von Rang, der sich auf Trumps Seite schlägt. Für Trump ist Christie eine in dieser Krise schier unglaubliche Trophäe, für viele Trump-Gegner ist er ein Nestbeschmutzer.

Der bizarre Christie-Termin

Irgendwo im Fernsehen ist Rubios Sprecher zu sehen. Er ist in Panik. Das, was er vorhergesagt hatte, ist eingetreten. Der Sprecher will die Aufmerksamkeit aufseiten Rubios halten. "Stellen Sie sich mal vor, dieser Typ hätte die Hand auf Atomwaffen. Das ist doch unheimlich!", sagt er. Die Attacken, die eben noch so spielerisch wirkten, kommen plötzlich etwas verzweifelt daher.

Auftritt Christie und Trump. Alle großen Sender übertragen live. "Ich bin stolz, Donald Trump unterstützen zu dürfen", sagt Christie. "Er wird genau das machen, was es braucht, um Amerika wieder zu einer globalen Führungsnation zu machen." Trump strahlt.

Es ist ein bizarrer Termin. Christie hat Trump lange bekämpft. Er hat mal gesagt, dass es im Feld der Republikaner niemanden gibt, der so wenig Ahnung von Politik hat wie Trump. Als Staatsanwalt hat Christie einst den Schwiegervater von Trumps Tochter Ivanka ins Gefängnis gebracht. Aber ihm geht es darum, auf der Seite des Siegers zu sein. Vielleicht winkt ihm ja ein schöner Posten. Vizepräsident, das wär was. Seine Zeit als Gouverneur neigt sich dem Ende. Christie braucht eine Anschlussverwendung.

Trump ist jedenfalls sehr zufrieden. Nachdem der Tag so schlimm begann, ist jetzt alles wieder auf dem richtigen Weg. Er erinnert noch mal an die Situation, als Christie Rubio in der TV-Debatte fertigmachte. Ihm hat das ungeheuer imponiert.

"Ich dachte, Marco stirbt", sagt Trump und lacht.

Im Video: Protest wegen Ku-Klux-Klan-Unterstützung

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insgesamt 204 Beiträge
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Seite 1
ratxi 27.02.2016
1. Also wird wohl Donald Trump Präsident werden.
Es scheint ein Zeichen der Zeit zu sein, dass Politiker immer weniger selbst darstellen, so dass ihnen nichts anderes mehr übrig bleibt, als sich auf Andere zu stürzen und diese zu diskreditieren versuchen. Es soll ja jeder bekommen, was er verdient, so sagt man. Also wird wohl Donald Trump Präsident werden. Denn die Welt scheint sich das im Moment wirklich zu verdienen...
behemoth1 27.02.2016
2. Wahlkampfgeschrei
Wenn man sich das anhört, dann kann man nur entäuscht sein und Bange vor dem nächsten republikanischen USA Präsidenten. Für mich ist nicht einer dafür geeignet.
kentodoi 27.02.2016
3. Kindsköpfe
ich wage es nicht darüber nachzudenken, Wenn einer der beiden Präsident wird, unglaublich!! ....am besten wäre es diesen Demagogischen Verhalten keine Plattform mehr zu geben
dondon 27.02.2016
4. Idiocracy
Wenn ich das lese bekomme ich richtig Lust mir noch einmal den Film Idiocracy anzusehen. Wenn die Dinge tatsächlich so ablaufen, wie oben beschrieben, dann dürften die Republikaner eigentlich keine Chance bei der Wahl haben. Außer das amerikanische Bildungssystem hat schon so tiefgreifend versagt, dass die Dummheit nun schon die Eliten "korrumpiert".
gutmichl 27.02.2016
5. Probleme mit Trump ? Sind wir Partei ?
Da ich selbst die TV-Debatten verfolge, bin ich immer über die Berichterstattung darüber erstaunt. Die Überschrift erweckt mal wieder den Eindruck, dass Trump irre sei, vor dem man auch bei uns warnen möchte. Tatsächlich spürt man, dass er das ausdrückt, was die Mehrheit der Republikaner denkt. Er ist ein "Macher", der kleine Fehler in der Vergangenheit verziehen bekommt, weil seine Konkurrenten eben keine Ahnung von Eigenverantwortung in größerem Ausmaß haben. Die deutsche Berichterstattung über den US-Wahlkampf wird von US-Amerikanern nur noch mit Unverständnis gesehen, so stark ist die Färbung auch für Leute mit geringen Deutschkenntnissen mittlerweile erkennbar.
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