Angebliche Bespitzelung US-Geheimdienste sollen Trump vor Russland-Erpressung gewarnt haben

Hat Moskau Informationen, mit denen Donald Trump erpressbar ist? Das soll jedenfalls aus einem Dossier eines britischen Ex-Agenten hervorgehen. Doch die Quellen des "kompromittierenden Materials" sind völlig unklar.

Donald Trump
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Von , New York


Eigentlich sollten die Schlagzeilen dieses Mittwochs dem scheidenden US-Präsidenten Barack Obama gelten. Doch kurz bevor der in Chicago vor 20.000 Anhänger trat, um sich mit einer letzten Rede zu verabschieden, platzte eine ganz andere Nachricht dazwischen - und die drehte sich, wie so oft, um Donald Trump.

CNN meldete es zuerst, gefolgt von der "New York Times", der "Washington Post", dem "Wall Street Journal" und anderen: Barack Obamas designierter Nachfolger Donald Trump sei von den US-Geheimdiensten gewarnt worden, dass Russland allem Anschein nach "kompromittierendes Material" über ihn besitze, um ihn "zu erpressen". Diese "unverifizierten" Erkenntnisse stammten zwar nicht von den Amerikanern selbst, sondern aus einer britischen Quelle, seien aber "so explosiv", dass man nicht nur Trump unterrichtet habe, sondern auch Obama und Mitglieder des Kongresses.

Mehrere US-Medien veröffentlichten teils pikante, ebenfalls unbestätigte Details des angeblichen Belastungsmaterials Russlands gegen Trump. Auch habe das Trump-Team im Wahlkampf regelmäßige Kontakte zu Moskau unterhalten.

Trump sprach in einem ersten, kurzen Tweet von "Fake News" und einer "totalen politischen Hexenjagd" - eine Wortwahl, mit der er auch Berichte über Russlands mutmaßliche Cyberangriffe auf die US-Wahlen abgetan hatte. Offen blieb aber, was genau er dementierte. An diesem Mittwochvormittag will er, wie seit Längerem geplant, seine erste Pressekonferenz seit dem Sommer geben.

Besagte Hackerattacken hatten am Donnerstag im Mittelpunkt eines persönlichen Briefings Trumps durch die vier Chefs der US-Geheimdienste gestanden. Der hatte das zweistündige Gespräch anschließend als "konstruktiv" bezeichnet, doch stritt er ab, dass Russlands Einmischung den US-Wahlausgang beeinflusst habe.

Es sei bei diesem Treffen im Trump Tower gewesen, dass die Geheimdienstler den designierten Präsidenten mit dem angeblich kompromittierenden Material gegen ihn konfrontiert hätten, hieß es nun. Die Informationen seien in einer zweiseitigen Zusammenfassung eines längeren Dossiers enthalten gewesen, als Anhang zum Hacker-Bericht. Die Website "Buzzfeed" veröffentlichte am Dienstagabend ein 35-seitiges Dokument, von dem sie behauptete, es sei dieses Dossier über Trump.

"Das ist eine außerordentliche Entwicklung", sagte Reporterlegende Bob Woodward von der "Washington Post", der den Watergate-Skandal mit enthüllt hatte, auf CNN. Doch noch fehlen zufriedenstellende Antworten auf viele Fragen.

Was genau soll in dem "Russland-Dossier" stehen?

Den Berichten zufolge bespitzelt Russland Trump schon seit Jahren, um ihn "zu beeinflussen", zunächst bei potenziellen Geschäftsdeals, dann politisch. So habe Moskau "kompromittierende persönliche und finanzielle Informationen" über seine "persönlichen Obsessionen und sexuelle Perversion" zusammengetragen. Die Rede ist unter anderem von einem Sexvideo mit Prostituierten in einem Moskauer Hotel. Darüber hinaus habe es im Wahlkampf 2016 mehrere Treffen zwischen russischen Beamten und Trump-Vertretern gegeben, um "Angelegenheiten von gegenseitigem Interesse" zu besprechen. Die sehr konkreten Inhalte des Dossiers müssen mit Vorsicht genossen werden, da sie die US-Geheimdienste demnach nicht bestätigen konnten. Trotzdem fänden sie die Behauptungen überzeugend genug, um sie an die höchsten Stellen weiterzugeben. Das von "Buzzfeed" veröffentlichte Papier enthält außerdem etliche orthografische und Sachfehler.

Woher stammen die Angaben in dem Dossier?

Die Herkunft des Dossiers selbst ist undurchsichtig. Die US-Geheimdienste sollen ihre Informationen aus Memos gezogen haben, die ein pensionierter Agent des britischen Geheimdienstes MI6 im Sommer 2016 gesammelt habe. Der Mann - dessen Name den US-Medien bekannt ist, aber nicht genannt wurde - sei in den Neunzigerjahren in Moskau stationiert gewesen. Seine "Ermittlungen" seien erst von Trumps republikanischen Vorwahlrivalen finanziert worden und dann von Anhängern Hillary Clintons, um Trumps Kandidatur zu sabotieren. Der Ex-Spion werde von den US-Geheimdiensten dennoch als "glaubwürdig" eingestuft, er gelte "als kompetenter und zuverlässiger Agent mit umfassender Erfahrung in Russland", so die "Times".

Woher haben die US-Medien ihre Informationen?

CNN und die "New York Times" beriefen sich bei ihren Berichten am Abend auf zwei anonyme US-Regierungsquellen. Die Formulierungen legten nahe, dass diese Informanten "Kenntnis vom Briefing" im Trump Tower hatten, so die "Times", wenn nicht sogar dabei waren - das Durchstechen wäre also eine Straftat. Die Vorwürfe gegen Trump und das Dossier selbst kursieren schon seit dem Herbst unter vielen Journalisten und Politikern in Washington, ohne dass die Inhalte bisher bestätigt wurden. Das Magazin "Politico" sei der Geschichte bereits "im September nachgejagt", twitterte Reporter Ken Vogel, bleibe aber "skeptisch".

Wer sonst wusste davon?

Obama sei am selben Tag unterrichtet worden wie Trump, hieß es in den Berichten. Tags darauf seien die führenden Republikaner und Demokraten im Geheimdienstausschuss des Kongresses - die "Gang of Eight" - informiert worden. Der republikanische Senator John McCain habe das Dossier aber bereits am 9. Dezember zwecks Prüfung dem FBI übergeben, meldeten CNN, die "Times" und der britische "Guardian". Bei einer Anhörung am Dienstag fragte der demokratische Senator Ron Wyden den FBI-Chef James Comey schon vor Bekanntwerden der Geheimdienstwarnung an Trump, ob das FBI eventuelle Verbindungen Trumps zu Russland prüfe. Comey verweigerte die Antwort.

Wie reagierte Trump?

Trump selbst beließ es zunächst bei dem ersten Twitter-Dementi. Sein Anwalt Michael Cohen bezeichnete die Vorwürfe in einem Gespräch mit der Website "Mic" als "komplett falsch" und "lächerlich". Trump-Sprecherin Kellyanne Conway sagte in einem Interview mit der NBC-Talkshow "Late Night with Seth Meyers", Trump habe über den Anhang des Geheimdienstberichts "nicht Bescheid gewusst". Sie kritisierte, dass die Medien keine namentlichen Quellen für die Berichte angäben.

Wie geht es nun weiter?

Trump dürfte weiter versuchen, die Vorwürfe gegen ihn - und damit in einem Handstreich auch die russischen Cyberangriffe - als "Fake News" zu diskreditieren. Doch das FBI hat nach Informationen des "Guardian" schon vergangenes Jahr eine richterliche Genehmigung beantragt, vier Mitglieder des Trump-Teams wegen "irregulärer Kontakte" mit russischen Beamten zu überwachen. Das Gericht habe dies als "zu breit ausgelehnt" abgewiesen. Es sei unklar, ob das FBI seinen Antrag konkretisiert habe. Mehr Enthüllungen sind zu erwarten - und mehr Fragen.

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