Truppenabzug der USA Trump gibt Syrien auf

Mit dem Abzug der US-Soldaten aus Syrien gefährdet US-Präsident Trump nicht nur den Kampf gegen den IS. Er stärkt auch das Assad-Regime und den türkischen Präsidenten Erdogan. Großer Verlierer: die Kurden.

US-Truppen in Syrien (November 2018)
REUTERS

US-Truppen in Syrien (November 2018)

Eine Analyse von


"Es wäre fahrlässig, wenn wir sagen würden, das physische Kalifat wäre besiegt, sodass wir einfach abziehen können. Ich denke, jeder, der sich so einen Konflikt anschaut, würde dem zustimmen." So äußerte sich Brett McGurk, Sonderbeauftragter des US-Präsidenten für den Kampf gegen die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS), erst in der vergangenen Woche.

Am Mittwoch nun hat sein Chef Donald Trump entschieden, dass sich die US-Armee, die etwa 2000 Soldaten in Syrien stationiert hat, sehr wohl doch einfach aus dem Bürgerkriegsland zurückziehen könne. Auch die Luftangriffe gegen die Terrormiliz sollen beendet werden, heißt es aus dem Pentagon.

"Wir haben gegen den IS gewonnen", behauptet Trump. Das ist falsch. Der IS ist geschwächt, aber nicht besiegt. Die Terrormiliz hat im Irak und in Syrien zwar 99 Prozent ihres Territoriums verloren. Ihren letzten Rückzugsraum im Euphrattal verteidigt sie aber immer noch hartnäckig. Mehrere Tausend Dschihadisten sollen sich dort aufhalten. Im benachbarten Irak beweisen die Terroristen mit Anschlägen, Entführungen und Erpressungen, dass sie in der Lage sind, den Staat weiterhin in einem Guerillakrieg herauszufordern.

Grünes Licht für Erdogan

Und der IS ist weiterhin identitätsstiftend für militante Islamisten in aller Welt. Das zeigt der Anschlag in Straßburg in der vergangenen Woche, den die Miliz für sich reklamierte. Das zeigt auch der Mord an zwei Skandinavierinnen in Marokko in dieser Woche. In einem Video, das die Tötung einer der beiden Frauen zeigt, spricht ein Mann davon, dass die Tat Vergeltung "für unsere Brüder in Hadschin in Syrien" sei. Hadschin ist eine Kleinstadt am Euphrat, aus der sich die Dschihadisten in der vergangenen Woche nach heftigen Luftangriffen der US-geführten Koalition zurückgezogen haben.

Machtverhältnisse in Syrien
SPIEGEL ONLINE

Machtverhältnisse in Syrien

Mehr noch als der IS werden aber das syrische Regime und die Türkei von dem Abzug der US-Truppen profitieren. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan macht seit Jahren deutlich, dass er die Präsenz des von kurdischen Kämpfern angeführten Milizenbündnisses "Syrische Demokratische Kräfte" (SDF) nicht hinnehmen will. Aus Ankara heißt es, eine Bodenoffensive gegen die von den SDF kontrollierten Gebiete östlich des Euphrat stehe kurz bevor. Der schnelle Abzug der US-Truppen, die dort bis dato SDF-Einheiten ausgebildet und beraten haben, gibt Erdogan nun grünes Licht für seine Militäroperation.

Ein verheerendes Signal, über syrische Grenzen hinaus

Nachdem die USA die Kurden im Stich lassen, werden diese sich aus Angst vor der Türkei notgedrungen noch enger an der Assad-Regime binden müssen. Damit droht der kurdischen Selbstverwaltung im Nordosten Syriens über kurz oder lang das Aus. Eine Selbstverwaltung, die zwar einen absurden Personenkult um den inhaftierten PKK-Führer Abdullah Öcalan pflegt und Kritik an ihm und seinen Jüngern unterdrückt. Aber eben auch eine Selbstverwaltung, die sich an säkularen Grundwerten orientiert, die Frauen gleiche Rechte einräumt, in der Wahlen stattfinden, die weitaus freier sind als in allen anderen arabischen Staaten. Dass die USA diesem demokratischen Experiment die Unterstützung entziehen, ist ein verheerendes Signal, weit über die Grenzen Syriens hinaus.

Mit dem Abzug gibt Trump, der sich so gern als König des Deals feiert, zugleich seinen wichtigsten Trumpf bei Verhandlungen über die Nachkriegsordnung in Syrien aus der Hand. Die Präsenz der US-Truppen sorgte dafür, dass derzeit ein knappes Drittel der Landfläche Syriens unter der Kontrolle der mit dem Westen verbündeten SDF steht. Das Grenzgebiet zur Türkei dürfte in den nächsten Monaten unter Ankaras Kontrolle geraten, der große Rest würde nach einem Abkommen zwischen Damaskus und den Kurden kampflos an Assad fallen.

Irans Position wird gestärkt

Fahrlässig ist Trumps Entscheidung auch mit Blick auf Iran: Der US-Präsident und sein Nationaler Sicherheitsberater John Bolton werden nicht müde, das Regime in Teheran als größte Gefahr in der Region zu bezeichnen. Gleichzeitig stärkt Trump nun mit seinem Syrien-Abzug die Position der Iraner in der Region massiv. Wenn auch der Nordosten Syriens an Assad fällt, festigt das nämlich die Landbrücke von Iran, über den Irak bis nach Syrien und in den Libanon, über die Teheran Waffen und Revolutionswächter bis an die israelische Grenze bringen kann.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu hat bereits angekündigt, sein Land werde "weiterhin aggressiv gegen Irans Versuch vorgehen, sich in Syrien einzugraben".

Israel ist stark genug, um sich gegen Assad und seine Verbündeten zu verteidigen. Die Kurden sind es nicht.

insgesamt 228 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Papazaca 20.12.2018
1. Trump bedankt sich bei Putin!
Die Frage ist nur: Warum? Mueller wird es schon rausfinden!
Benjowi 20.12.2018
2.
Daran sieht man wieder einmal, wieviel die USA als Verbündete wert sind und was sie von halbwegs demokratischen Strukturen halten. Die Kurden im Regen stehen zu lassen und abscheulichen Potentaten das Feld zu überlassen ohne eine Minute zu zögern ist wohl typisch geworden und wird das Ansehen der USA -wenn es überhaupt noch sowas auf der Welt gibt- weiter zerstören.
RioTokio 20.12.2018
3.
Welches strategische Ziel haben denn die USA noch in Syrien? Assad und Rußland haben Fakten geschaffen und weite Teile zurückerobert. Die USA sind im Wesentlichen durch Waffenlieferungen an "gemäßigte" Islamisten aufgefallen die diesen Krieg erst mit eskaliert haben. Mit dem Abzug der USA werden sich die Kurden weiter mit Assad verbünden gegen Erdogan. Eine andere Wahl haben sie nicht. Die USA hat sie sowieso nicht gegen Erdogan schützen können.
missourians 20.12.2018
4.
Trump muss Platz für Erdogan machen und seine Armee vor dem NATO Verbündeten schützen, wenn der gegen den wohl nun Ex-Partner der USA, den Kurden vorgeht. So verkauft Trump seine Freunde, nur um wahrscheinlich politisch selbst etwas bei Erdogan heraus zu schlagen. Mich würde nicht wundern, wenn die nächste Meldung demnächst heißt: "Türkei vergibt Milliardenschweren Rüstungsauftrag an die USA" o.ä. Da haben die Kurden wenig dagegen zu bieten, außer ihren Blutzoll im Mann gegen Mann Kampf gegen den IS, wofür sie für uns alle gut genug waren.
philipkdi 20.12.2018
5. Dass die Amis sich verdrücken ist ja nichts Neues.
Man möge mal im Irak, in Afghanistan oder Vietnam nachfragen. Kannste voll vergessen. Aktuell haben eben die Kurden Pech, unsere hochgelobten Waffenbrüder und -schwestern. Und der IS freut sich, dass er sich wieder aus der Deckung wagen kann. Aber na ja, wenn halt ein Narr auf dem Thron sitzt muss man sich ja über nichts wundern. Besser ihr bleibt gleich daheim, dann muss man gar nicht erst "Ami go home" an die Wände schreiben. Betoniert euch ein mit eurer dämlichen Mauer und verschont den Rest der Welt, der dann zwischen China und Russland aufgeteilt wird.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.