"Wahlbetrug, Revolution, Abrechnung" Trumps Endspiel

Immer mehr Frauen erheben Sex-Vorwürfe gegen Donald Trump. Der wehrt sich kategorisch gegen die "Lügen" - und überhöht seinen Wahlkampf zur Schlacht um Amerika. Die kommenden Wochen dürften brutal werden.

Donald Trump
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Donald Trump

Von , New York


So sieht er also aus, der "befreite" Donald Trump. Befreit, wie er prahlt, von der Partei. Befreit von politischer Korrektheit und falschem Mitgefühl, von Rücksicht und Realität. Endlich kann er tun und lassen, was er will.

"Dies ist unser Moment der Abrechnung", brüllt Trump mit hochrotem Kopf, "als Gesellschaft und als Zivilisation!" Die Menge brüllt zurück: "U-S-A! U-S-A! U-S-A!"

West Palm Beach in Florida: Nicht einmal 24 Stunden sind verstrichen seit den neuesten Sex-Vorwürfen gegen den US-Präsidentschaftskandidaten - Vorwürfe, die einen selbst in diesem vulgären Schmutzwahlkampf innehalten lassen. Und die, bewiesen oder nicht, jeden anderen Kandidaten endgültig aus der Spur geworfen hätten.

Doch nicht ihn, nein. Nach nächtlicher Introspektion in seinem Luxusanwesen Mar-a-Lago - wo übrigens zwei der mutmaßlichen sexuellen Übergriffe stattgefunden haben sollen - tritt Trump am Donnerstag vor seine Anhänger. Einer hat, wie CNN berichtet, ein Stoffbanner dabei, darauf das Wort "Medien" und ein Hakenkreuz.

"Wir" gegen alle anderen

Trump gibt sich unverzagter denn je. Die Anschuldigungen immer neuer Frauen - er dementiert sie kategorisch als "Lügen" - haben ihn vollends enthemmt. Es geht nicht mehr um Aussage gegen Aussage. Nun geht es um "wir" gegen alle anderen.

"Dies ist ein Kampf ums Überleben unserer Nation", ruft er. "Und dies wird unsere allerletzte Chance sein, sie zu retten." Damit ruft er seine Anhänger zum Krieg auf.

Nicht nur gegen diese "widerwärtigen" Frauen - bis Donnerstagabend waren es mindestens fünf, die Trump der sexuellen Belästigung bezichtigt haben, in unabhängigen, doch stets ähnlichen Szenarios.

Sehen Sie im Video, wie Trump die Sex-Vorwürfe abstreitet:

Nicht nur gegen die "diskreditierten" Medien, die diese Vorwürfe publiziert haben - die "New York Times", CNN, das "People"-Magazin, die "Palm Beach Post".

Sondern gegen den gesamten Rest Amerikas, ja, der Welt.

"Ein sehr gefährlicher Mann"

27 Tage vor dieser Wahl ist dies Trumps womöglich letzter Schachzug - sein apokalyptisches Endspiel. Erst recht, nachdem First Lady Michelle Obama ebenfalls am Donnerstag eine so dramatische Gegenrede gehalten hat. Der Trump-Biograf Wayne Barrett warnt im Magazin "Politico": "Ich glaube, dass er in den nächsten drei oder vier Wochen ein sehr gefährlicher Mann sein wird."

Die Republikaner im Nacken und das Weiße Haus in weite Ferne gerückt, driften Trump und seine Abermillionen Fans in die Welt der Verschwörungstheoretiker ab. Diese Welt regieren demzufolge, in angeblich globaler Absprache, "korrupte Eliten", internationale Banken, die "Clinton-Maschine" und deren Handlanger, "die Medien": Landesverräter, die es um jeden Preis zu schlagen gelte - und die auch hinter den jüngsten Enthüllungen steckten.

"Leute, die zu solchen Verbrechen an unserer Nation fähig sind, sind zu allem fähig", beschreibt Trump diese alternative Scheinrealität - erneut mit dem düsteren Hinweis: "Dies ist ein Scheideweg in der Geschichte unserer Zivilisation."

Trumps wütendste Rede

Und wer kann diese - weitgehend weiße, von Männern beherrschte - Zivilisation retten? Trump, der Märtyrer: "Ich ertrage all diese Pfeile und Schleudern gerne für euch", deklamiert er mit einem Zitat aus Hamlets "Sein oder nicht sein"-Monolog. "Ich ertrage sie für unsere Bewegung, damit wir unser Land zurückhaben können."

Nie hat Trump seinen messianischen Anspruch schamloser formuliert als in dieser Rede, seiner wütendsten, härtesten bisher, verfasst von Wahlkampfchef Stephen Bannon, dem Paten der rechtsextremen Verschwörungsfanatiker. Und nie ist der Unterton der Gewalt lauter gewesen.

In dieser Schlacht ist eine Niederlage undenkbar - und inakzeptabel. Das ganze System sei "manipuliert", ruft Trump in Florida, ein Echo früherer Parolen, mit denen er längst die Saat gestreut hat für die Ablehnung eines Wahlergebnisses zu seinen Ungunsten. Denn eine Schlappe kann nur heißen - Wahlbetrug der Gegner.

Manipulation, Verschwörung, Einschüchterung

"Rigged elections", manipulierte Wahlen: Das ist sein Schlachtruf, der nun immer lauter wird. "Wir wollen nicht, dass uns diese Wahlen gestohlen werden", rief Trump am Montag in Pennsylvania, einem von vier Swing States, die ihm gerade entgleiten und auf die er sich nun fast ausschließlich konzentriert.

Seit Monaten insinuiert Trump, er höre "Horrorberichte" von Wahlfälschungen - jedes Mal in Staaten, die an Demokraten gingen. "Jeder weiß, wovon ich rede."

Auch so eine Verschwörungstheorie der Rechten: Wahlen seien stets gegen sie fingiert. Bewiesen wurde es nie, im Gegenteil: Wenn jemand mauschelte, waren es meist Konservative. Der Mythos der Wahlfälschung hat einen politischen Nutzen: Mit ihm rechtfertigen republikanische US-Staaten, die Wahlgesetze zu verschärfen - zu Lasten von Senioren, Minderheiten und anderen Demokraten-Stammwählern.

Trump treibt das jetzt auf die Spitze: Er ermuntert seine Vasallen, im November "in gewissen Bezirken" an den Wahllokalen Wache zu schieben. Auf seiner Website gibt es einen Link, um sich als Wahlpolizei zu melden ("Helft mir, die korrupte Hillary am Wahlbetrug zu hindern!"). Bürgerrechtler sehen darin einen Aufruf zur Einschüchterung. Zumal Trump schon früher mit Gewalt kokettiert hat.

Schon faseln seine Anhänger von "Revolution" und "Aufstand in den Straßen". Trump und seine Gefolgschaft würden eine Niederlage "nie, nie anerkennen", sagt Timothy O'Brien, ein Ex-Ghostwriter Trumps, zu "Politico". "Sie dürsten nach Blut."

insgesamt 112 Beiträge
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Seite 1
rubi.stephens 14.10.2016
1. gabs schon mal
Es gab schon mal jemanden der das "Volk" so sehr aufgehetzt hat dass es ihm an die Macht verhalf. Trump gehört nicht in die Politik und erst recht nicht an die Spitze eines solchen Landes. Das sollte langsam auch den Amerikanern klar sein. Der Mann ist eine Gefahr für sich, für andere und womöglich die ganze restliche Welt.
cindy2009 14.10.2016
2. und die partei?
Da fragt man sich doch, was die Partei dazu meint. Wenn es nicht so ernst wäre - ach, er soll gewinnen. Das wird ein Spaß werden.
K:F 14.10.2016
3. The land for the free
Ist wohl das US Standardnarrtiv. So frei, dass Trump machen kann was er will? Wann schaltet sich denn die Staatsanwaltschaft, das FBI ein? Bei Clinton hat schon die Email Affäre ausgereicht und die Häscher waren hinter ihr her.
stefan7777 14.10.2016
4. Ich meine,
vielleicht braucht die Welt mal so ein abgedrehtes Schauspiel. Muß mal die extrem negative Dynamik die solch dumm-dreiste Machtmenschen erzeugen können, spüren. Einfach um wieder zurückzukommen zu den echten Werten, zu Idealen, zu Werten, Moral?
die-metapha 14.10.2016
5.
Schön - bisher hatten wir ja nur die "Zuckerseite" Trumps zu sehen bekommen, nun zeigt er uns also in aller Deutlichkeit die weitaus größere Seite dessen, was diesen Trump ausmacht. Ein offensichtlich zutiefst verletzter Narzisst schlägt wild und ohne jegliche Selbstkontrolle um sich und reißt dabei alles, was ihn umgibt mit in den Abgrund. Vielleicht sollten sich die USA für die zukünftigen Wahlen überlegen, vorab psychologische Gutachten von potentiellen Kandidaten erstellen zu lassen und diese dann bei Erreichen/Überschreiten eines zuvor festgelegten Scores nicht mehr zur Wahl zuzulassen um sich - und den Rest der Welt - vor solchen Freaks zu schützen.
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