Intellektuelle und Donald Trump Auf der Suche nach Amerika

Donald Trump verstört viele Intellektuelle in den USA. Einige von ihnen haben sich in Berlin getroffen. Ihr Ziel: den Rassismus und Judenhass entlarven, die Idee des Landes neu erfinden. Vier Begegnungen.

Roger Cohen, Mirjam Zadoff, Khalil Gibran Muhammad, Noam Zadoff
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Roger Cohen, Mirjam Zadoff, Khalil Gibran Muhammad, Noam Zadoff

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"Es ist da draußen", sagt Roger Cohen. "Draußen", damit sind die USA gemeint. Das ganze Land. "Es", das ist ein Gefühl. So recht beschreiben kann er dieses Gefühl im ersten Moment nicht. Ausgerechnet er. Cohen ist Kolumnist der "New York Times".

Der 61-Jährige hat seine Sprachlosigkeit bereits im vergangenen Oktober vorausgesagt. "Es ist ein Glück, dass wir nur noch einen Monat von den Wahlen entfernt sind, denn uns gehen die Worte aus, um ihn zu beschreiben", schrieb Cohen damals in einer seiner Kolumnen.

"Donald Trump hat die USA entfesselt"

Gemeint war Donald Trump. Heute ist er der 45. Präsident der USA. Cohen arbeitet sich fast im Wochentakt an ihm ab. Er versucht, das für ihn Unfassbare immer wieder in Worte zu fassen. Ein neuer Versuch. "Donald Trump hat die USA entfesselt", sagt Cohen. "Losgelöst von internationalen Verträgen, Recht und Gesetz, strategischer Außenpolitik." Die amerikanische Idee sei in Gefahr. Das ist "es". Ein Gefühl, dass so schnell nichts wieder sein wird, wie es war.

Die, die als Erste zu spüren bekamen, was das bedeutet, waren die Minderheiten zwischen San Francisco und Savannah. Trump attackierte bereits im Wahlkampf hemmungslos Hispanics und verstörte Schwarze mit seiner rassistischen Rhetorik.

Roger Cohen
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Roger Cohen

Nun, im Amt, stigmatisiert er Muslime und weist jede Verantwortung für die stark gestiegene Zahl der antisemitischen Drohungen und Übergriffe im Land von sich. Es scheint keinen Unterschied zwischen dem Wahlkämpfer und dem Präsidenten zu geben. Auch wenn das so mancher vielleicht gehofft hatte. "Donald Trump ist wie eine russische Matroschka-Puppe. In Trump steckt Trump, niemand anderes", sagt Cohen.

"Deutschland ist ein Bollwerk der Demokratie und Toleranz"

Cohen ist in dieser Woche nach Berlin gekommen, in die Hauptstadt des Bösen des 20. Jahrhunderts. Rund ein Dutzend Intellektueller und Wissenschaftler aus drei Kontinenten diskutieren ausgerechnet dort zu Beginn des 21. Jahrhunderts über die Zeitenwende, die mit der Präsidentschaft Trumps eingetreten ist. Sie sind auf der Suche nach Amerika. Dass die Konferenz am 71. Geburtstag des Präsidenten begann, war Zufall, der Ort nur teilweise.

Die Wahl Berlins und des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU als Tagungsplatz hatte zwar auch organisatorische Gründe - und doch war es auch eine bewusste Entscheidung. Die deutsche Hauptstadt ist für Noam Zadoff symbolisch aufgeladen. "Es ist nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart, die Berlin besonders macht", sagt der israelische Geschichtsprofessor. Er meint damit nicht nur die Metropole, sondern sieht sie stellvertretend für das ganze Land. "Deutschland ist in einer radikalisierten Welt zu einem Bollwerk der Demokratie und der Toleranz avanciert." Hier könne er einen Schritt zurücktreten, Gedanken, Gefühle sortieren und aus der Ferne auf die USA blicken, um den Blick zu schärfen.

Zadoff lehrt und forscht zur Jüdischen Geschichte an der Universität Bloomington in Indiana, Heimatstaat des konservativen US-Vizepräsidenten Mike Pence. Seit dem Amtsantritt von Trump hat er das Gefühl, dass seine Wahlheimat explodiert, diese Explosion aber in vielen kleinen Eruptionen daherkommt.

Noam Zadoff
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Noam Zadoff

"Unsicherheit ist absolut", sagt Zadoff. "Dieses Gefühl kann man nicht 40 oder 60 Prozent fühlen. Ganz oder gar nicht." Seit Trumps Amtsantritt: ganz. Mal ist es eine jüdische Studentin mit Panikattacken. Mal das eigene Kind, das aufgewühlt ist, weil der muslimische Klassenkamerad Angst hat, das Land verlassen zu müssen.

Vielen ist die Dimension der Spannungen noch gar nicht klar

"Minderheiten haben bessere Sensoren für bedrohliche Veränderungen", sagt Mirjam Zadoff. Sie ist mit Noam Zadoff verheiratet und wie er Geschichtsprofessorin. Jahrhunderte der Ausgrenzung und der Verfolgung hätten das Gespür geschärft, sagt sie. Und trotzdem ist die Österreicherin besorgt. Denn: In den USA seien sich viele Juden in den urbanen Ballungsräumen noch gar nicht bewusst, welche Dimension die Spannungen angenommen habe.

Sie vergleicht das US-Judentum mit dem deutschen Judentum um die Jahrhundertwende. So wie damals viele Juden den immer stärker werdenden Antisemitismus vor der eigenen Haustür ignoriert hätten, würden heute nicht wenige Judenhass als ein Phänomen betrachten, das allein im Nahen Osten und in Europa zu finden sei. Ein drastischer Vergleich. Auf den ersten Blick.

Mirjam Zadoff
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Mirjam Zadoff

"Wir dürfen nicht den Fehler machen, Geschichte von ihrem Ende her zu denken", sagt Zadoff mit Blick auf den Holocaust, der ebenjenes Ende für die Mehrheit des deutschen Judentums war. Man müsse aber vergleichen und kontextualisieren, um zu verstehen, was gerade passiert. Und damit: wachsam sein.

"Trump spiegelt real existierende Stimmungen wider"

Khalil Gibran Muhammad teilt diese Ansicht. Der 45-jährige Harvard-Professor forscht zur afroamerikanischen Geschichte. Er besitzt einen illustren Stammbaum: Sein Vater ist Pulitzer-Preisträger, sein Urgroßvater war Elijah Muhammad, jahrzehntelang Führer der "Nation of Islam".

Trump zu einem Präsidenten des Mobs zu stilisieren oder zu einem außergewöhnlichen Phänomen zu erklären, hält er aber für falsch. "Wenn wir extra für ihn eine eigene Kategorie schaffen, verdecken wir, dass er Meinungen und Stimmungen widerspiegelt, die in der Gesellschaft real existieren", sagt er.

Khalil Gibran Muhammad
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Khalil Gibran Muhammad

Muhammad meint, die Minderheiten und Intellektuelle des Landes dürften sich gerade jetzt nicht einigeln, lossagen von diesem Amerika, das nicht mehr ihr Amerika zu sein scheint. "Wachsam sein" heißt für ihn, die parallelen Realitäten der US-amerikanischen Gesellschaften anzuerkennen.

In diesem historischen Moment müssten gerade sie im ganzen Land ausschwärmen. Dorthin gehen, wo die Wähler Trumps ihre Mitte wähnen - um deren Narrativ herauszufordern. Und um so eine neue gemeinsame amerikanische Geschichte zu schreiben.



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