Presseschau zu Trumps Nordkorea-Beschluss Schulhofspötteleien mit Atomwaffen

Entsetzen oder Verständnis? Die Absage des Atomgipfels mit Nordkorea durch US-Präsident Trump wird sehr unterschiedlich kommentiert. Lesen Sie hier die internationale Presseschau.

Donald Trump
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Donald Trump hat einen Rückzieher gemacht und das für den 12. Juni vorgesehene historische Treffen mit dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un in Singapur per Brief abgesagt.

Zwar erklärte das Regime in Pjöngjang, man sei weiter zu Gesprächen mit den Vereinigten Staaten bereit und bedaure den Beschluss des Weißen Hauses zutiefst, aber gegenwärtig ist offen, wie der Konflikt weitergeht. Lesen Sie hier eine Auswahl internationaler Pressestimmen:

"Die abrupte Entscheidung von Präsident Trump, das geplante Gipfeltreffen mit Kim Jong Un abzusagen, ist angesichts der jahrzehntelangen unstetigen Beziehungen zwischen den USA und Nordkorea nicht überraschend", schreibt die "New York Times".

"Es sind auch nicht unbedingt schlechte Nachrichten, sollte es bedeuten, dass die Trump-Regierung sich jetzt Zeit nimmt, die notwendigen Vorbereitungen zu treffen, um eine Zusammenkunft zum Erfolg zu führen, bei der so viel auf dem Spiel steht. Aber es wäre zutiefst bedauernswert und letztlich gefährlich, wenn es damit endet, dass sich die beiden hitzköpfigen Staatschefs beleidigt zurückziehen und die Schulhofspötteleien wieder aufnehmen, die sie während der vergangenen 16 Monate ausgetauscht haben."

"Ungestüme Entscheidung" und "schnoddrige Einladung"

Die staatliche chinesische Zeitung "China Daily" fordert eine Fortsetzung des Dialogs. "Nach 65 Jahren muss mit etwas Lavieren gerechnet werden, aber alle Parteien müssen in Kontakt bleiben und gemeinsam auf das gleiche Ziel hinarbeiten", heißt es. Mit seiner "schnodderigen Einladung" an Kim, ihm zu schreiben oder ihn anzurufen, um doch noch ein Treffen zu vereinbaren, schlage der Brief die Tür zu Gesprächen nicht zu.

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"Bis zu dieser Woche schienen Trump die zunehmend klaren Andeutungen nicht bewusst zu sein, dass Herr Kim keine Absicht hatte, sein Atomwaffenarsenal schnell preiszugeben", schreibt die "Washington Post".

"Stattdessen schien Nordkorea nur an einem mehrstufigen Prozess interessiert, in dem die atomare Abrüstung ein vages und langfristiges Ziel ist und das Regime für jeden Fortschritt belohnt wird. So waren frühere Abkommen mit Nordkorea gestrickt. Ein solcher Prozess birgt offensichtliche Risiken", heißt es weiter.

"Aber die Regierung hätte gewillt sein sollen, vorsichtig zu eruieren, was Herr Kim zu tun bereit war. Stattdessen hat Herr Trump den Prozess impulsiv platzen lassen - und er und seine Regierung haben sich nicht die Mühe gemacht, die möglichen Konsequenzen zu kalkulieren."

Die im Stadtstaat Singapur erscheinende "Straits Times" ist entsetzt über Trumps Vorgehen: "Bei Treffen von solcher Bedeutung ist es verrückt, die Dinge zu überstürzen. "Mit seiner ungestümen Entscheidung, sich mit Kim an einen Tisch zu setzen, hat Trump eine Menge Leute überrascht - vielleicht sogar Kim selbst", steht dort.

"Die amerikanische Entscheidung, den Gipfel abzusagen, wird jetzt die Chinesen in ihrer Erzählung bestärken, dass es die USA mit einer Lösung für die koreanische Halbinsel niemals ernst gemeint haben - weil die USA jetzt eine Ausrede haben, warum sie an Chinas Peripherie Atomwaffen stationieren müssen."

Die Schweizer "Neue Zürcher Zeitung" meint: "Besser als ein Gipfel, an dem beide Seiten mit Schrecken erkennen, welch abgrundtiefer Graben zwischen ihnen klafft, ist eine Absage oder eine Verschiebung auf einen Zeitpunkt, zu dem realistischere Ideen über die Möglichkeiten einer Verständigung bestehen. Ein Eklat in Singapur, ein durchaus wahrscheinliches Szenario, hätte beiden Staaten unter Umständen nur noch den Weg der Eskalation gelassen. Diese Gefahr besteht zwar auch jetzt. Aber mit einigen umsichtigen Schritten lässt sie sich eingrenzen."

Und der britische "Guardian" kommt zu dem Schluss: "Das eigentliche Problem besteht nicht darin, dass der Gipfel abgesagt wurde, sondern dass er überhaupt mit derart wenig Überlegung und Sorgfalt angesetzt worden war."

dop/dpa



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