Nixon-Berater John Dean "Trumps Außenpolitik ist ein Witz"

Mit schwierigen Politikern kennt John Dean sich aus, er war die rechte Hand von Skandalpräsident Richard Nixon und eine Schlüsselfigur der Watergate-Affäre. Im Interview verrät er, warum er Donald Trump für so gefährlich hält.

US-Präsident Trump
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Ein Interview von , New York


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    John Dean, 78, ist eine der letzten noch lebenden Schlüsselfiguren des Watergate-Skandals. Als Top-Rechtsberater im Weißen Haus (1970-1973) gehörte er zum engsten Kreis um den damaligen US-Präsidenten Richard Nixon, dessen Machtmissbrauch er mit ermöglichte und deckte. Dean sagte später als Kronzeuge gegen Nixon und eine Reihe Watergate-Angeklagte aus, im Gegenzug für eine verminderte Strafe, von der er letztlich vier Monate absaß. Heute lebt er als Autor und Kommentator in Los Angeles.

SPIEGEL ONLINE: Mr Dean, kurz vor Donald Trumps Amtseinführung haben Sie gesagt, er bereite Ihnen Albträume. Er ist nun 100 Tage im Amt. Schlafen Sie besser?

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Heft 17/2017
Donald Trump und Kim Jong Un riskieren den Atomkrieg

Dean: (lacht) Noch hat er uns nicht in die Luft gejagt. Aber er macht mir Angst. Vor allem seine Inkompetenz. Er hat kein wirkliches Verständnis dafür, wie das Präsidentenamt funktioniert oder überhaupt wie Washington funktioniert. Mein einziger Trost ist, dass er so inkompetent ist, dass er nichts zustande kriegt, was ein echtes Problem verursachen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin hat er uns mit Nordkorea an den Rand eines Atomkriegs gebracht.

Dean: Das Auffallendste daran war, dass er erst verkündete, eine "Armada" sei Richtung Nordkorea unterwegs, und nur wenige Tage später verkündete jemand anders, sie seien in die entgegengesetzte Richtung gesegelt. Das schien also nur Gepolter. Seine Außenpolitik ist ein Witz. Jeder vertritt eine andere Position, der Außenminister, der Verteidigungsminister.

Flugzeugträger USS "Carl Vinson"
AFP/ US Navy

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SPIEGEL ONLINE: Das ist nicht sehr beruhigend.

Dean: Wenigstens hat ihn die öffentliche Meinung gezwungen, Michael Flynn loszuwerden, seinen ersten Sicherheitsberater, der total unfähig und unqualifiziert war, selbst ohne seine Auslands-Connections. In Herbert McMaster haben wir jetzt jemanden, der tatsächlich was kann. Ich halte Trumps gesamtes Sicherheitsteam für erstklassig. Die einzige Schwachstelle ist Außenminister Rex Tillerson, der keine Ahnung hat, was er tut.

SPIEGEL ONLINE: Welche Note würden Sie Trump also für seine ersten 100 Tage geben?

Dean: "Ungenügend". Das war die schlimmste 100-Tage-Übergangsphase zu meinen Lebzeiten, und ich wurde während Franklin D. Roosevelts Amtszeit geboren. Noch nie habe ich ein Weißes Haus gesehen, das so schlecht geführt wurde.

SPIEGEL ONLINE: Nichts Positives?

Dean: Er hat einen Richter an den Supreme Court gebracht. Aber auch das hat er nicht wirklich selbst getan.

SPIEGEL ONLINE: Erinnert er Sie an Ihren früheren Boss Richard Nixon?

Dean: Es gibt Parallelen zwischen Nixon und Trump, keine Frage. Aber es gibt auch Unterschiede. Nixon war introvertiert, er griff die Medien hinter verschlossenen Türen an und beleidigte Leute hinter ihrem Rücken, was wir nur wissen, weil es die Tonbänder aus dem Oval Office gibt. Daher kennen wir Nixons dunkle Seite, seine Rachsucht. Trump ist da ganz offen. Er hat sogar Wahlkampf damit gemacht, wie fies er ist, was bei genügend Wählern Zuspruch fand, um ihn ins Weiße Haus zu befördern.

SPIEGEL ONLINE: Nixon hat seine Machtbefugnisse als Präsident so ausgedehnt, bis die Situation aus dem Ruder lief. Sehen Sie die Gefahr auch bei Trump?

Dean: Noch hat Trump nicht versucht, seine Macht zu missbrauchen. Ich glaube nicht mal, dass er sich seiner ganzen Befugnisse als Präsident bewusst ist. Und das beunruhigt mich. Er wird lernen. Wenn er gelernt hat, wie das Präsidentenamt funktioniert, könnte Trump noch viel gefährlicher werden. Haben Präsidenten die Macht einmal entdeckt, geben sie sie freiwillig nie mehr auf. Nach Watergate ließ der Kongress zwar die Muskeln spielen und stellte sicher, dass er dem Weißen Haus als Machtsäule der US-Demokratie gleichgestellt war. Das störte Dick Cheney, damals Stabschef von Nixons Nachfolger Gerald Ford, sehr, und als Cheney George W. Bushs Vizepräsident wurde, holten sie sich die Macht zurück.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem 11. September 2001.

Dean: 9/11 veränderte alles. Terrorismus dient seitdem als Hebel, um die Leute zu verängstigen, um Gesetze durchzuboxen, und uns zu nötigen, unsere Rechte aufzugeben. Sicher, Terrorismus ist überall ein reales Problem. Aber man kann ihn nicht verhindern. Terroristen sind Irre, die drauf aus sind, Menschen der Ideologie halber umzubringen. Das ist ziemlich schwer zu stoppen. Allerdings sterben im Jahr mehr Amerikaner durch Ertrinken in der Badewanne als durch Terrorismus.

SPIEGEL ONLINE: Auch Trump hat den "Krieg gegen den Terror" wieder zu einem Hauptthema gemacht.

Dean: Der Unterschied zu früher ist der Autoritarismus. Das ist die verborgene Erklärung der Wahlen von 2016. Wer hat Trump gewählt? Wer sind diese Leute, die, wie er selbst sagte, ihm sogar erlauben würden, jemanden auf der Fifth Avenue zu erschießen? Es sind Leute, die eine starke Führungsperson wollen, die tun würden, was dieser Führer ihnen sagt. So wie die Europäer, die Mussolini und Hitler folgten. Es gibt einen Charakterzug im Menschen, der so einen Führer mag. Das ist Trumps Basis. Autoritarismus.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie wirklich, dass er einen autoritären Staat will?

Dean: Trump ist keine Person mit einer ausgeprägten Eigenwahrnehmung. Aber als Narzisst übertrifft Trump alle. Er ist der perfekte narzisstische Geschäftsmann. Und das kann sehr gefährlich werden. Das einzig Positive daran ist, dass Trump keine Ideologie hat, er ist ein leeres Gefäß, umgeben von Leuten, die ihm Ideen eintrichtern, und nur die Ideen zählen, die Trump ins Licht stellen.

SPIEGEL ONLINE: Wurde das demokratische System der USA nicht eigens gebaut, dass es genau so etwas aushält?

Dean: Ja, wir haben ein System der Gewaltenteilung. Es ist ziemlich schwer, das auszuhebeln. Ich glaube nicht, dass Trump das schon getan hat. Wir haben eine unabhängige Justiz. Wenn Trump und sein Justizminister Jeff Sessions über die Richter herziehen, weil ihnen ihre Urteile nicht schmecken, stärkt das die Entschlossenheit der Richter nur. Doch wenn Trump beschließt, die Richter zu ignorieren, dann rasseln wir in eine Verfassungskrise. Denn ein Richter kann allein nicht viel tun, um seine Urteile durchzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Würde der Kongress, die andere Säule der US-Demokratie, so eine Krise nicht verhindern?

Dean: Unser Kongress funktioniert nicht mehr. Seine Popularität ist niedriger als die des Präsidenten, und der hat die schlechtesten Beliebtheitswerte der Geschichte. Der Kongress interessiert sich im Moment nur dafür, alles zu tun, um das Erbe der Demokraten auszuradieren. Zur gleichen Zeit können sie sich nicht darauf einigen, welche Uhrzeit es ist.

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SPIEGEL ONLINE: Aber sie ermitteln doch wegen des russischen Hacking-Skandals und der Russland-Connections zu Trumps Wahlkampfteam.

Dean: Es gibt viele Trump-Unterstützer im Kongress, die bremsen die Ermittlungen. Sie wollen keine Probleme verursachen.

SPIEGEL ONLINE: Der Senat auch? Der scheint doch auf ziemlich überparteiliche Ausschuss-Anhörungen zuzusteuern.

Dean: Der Senat ist ein bisschen unabhängiger als das Repräsentantenhaus, aber nicht sehr.

SPIEGEL ONLINE: 1973 sagten Sie selbst im Watergate-Ausschuss aus. Nixons Rücktritt wurde aber schließlich wegen der Tonbandaufzeichnungen erzwungen. Sehen Sie einen ähnlichen Ablauf für den Russlandskandal voraus?

Dean: Dank der totalen Überwachungspraxis unserer digitalen Ära wurden viele Gespräche, die mit dem russischen Hacking zu tun hatten, abgehört, und jetzt tauchen die Transkripte auf. Trotzdem wissen wir noch nicht, was es an Beweisen gibt. Aber wir wissen, dass Trump lügt. Wir haben es mit einem endlosen Strom aus Täuschungen, erfundenen Geschichten und regelrechten Lügen zu tun. Es ist klar, dass er jegliche Komplizenschaft leugnen würde. Um ihn ins Gefängnis zu bringen, bräuchte man ziemlich solide Indizien, die bestätigt werden könnten.

SPIEGEL ONLINE: Wann können wir also wieder besser schlafen?

Dean: Ich habe gelernt, dass das Land es ganz gut aushält, wenn keiner am Steuer ist. Das habe ich während Watergate erlebt. Die Regierung lief ziemlich gut, auch ohne Nixon. Hoffentlich werden wir uns durchwursteln.

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Seite 1
Kinkerlitzchen 27.04.2017
1.
"Allerdings sterben im Jahr mehr Amerikaner durch Ertrinken in der Badewanne als durch Terrorismus." Badewannen verbieten und Duschen einbauen, ganz einfach. Oder würden Sie ein Bonbon essen, wenn 1 von 10.000 vergiftet ist? ... (ja, machen wir metaphorisch gesprochen jeden Tag mehrmals)
Koda 27.04.2017
2. Zum Thema Sicherheit...
" Allerdings sterben im Jahr mehr Amerikaner durch Ertrinken in der Badewanne als durch Terrorismus." Daran kann man schon sehen, wozu der ganze Hype, die ganze Angst ´, die mit dem Terrorismus aufgebaut wird wirklich da ist: um Sand in die Augen der Leute zu streuen. Besonders in einem Land, indem pro Jahr 11 Tsd. bis 30 Tsd Menschen allein durch Schußwaffenge- oder mißbrauch umkommen. Man sollte das einmal in Relation mit den Terroropfern in den USA setzen, gerne auch erst seit 9/11. Auch wenn es bereits Anfang der 1990er Anschläge der Al Quaida gab
Elrond 27.04.2017
3. another 1360 boring days to come...
wir sehen nichts Bemerkenswertes, aber auch gar nichts nach 100 Tagen Präsidentschaft - die noch verbleibenden 1360 Tage seines Amtes werden die langweiligsten in der US-Geschichte werden. Und wenn die US-Amerikaner masochistisch genug veranlagt sind, wählen sie diese Langeweile weitere 1461 Tage. Das Desaster nimmt Formen an, innen- wie außenpolitisch.
janne2109 27.04.2017
4. was
was soll die Aufregung, solange in den USA seine Wähler noch zufrieden sind und das sind immerhin, wenn man den Zahlen glauben schenken darf, noch von seinen Wählern über 90% solange wird er weiterhin "regieren". Bisher hat doch keines seiner Fehltritte zu ernsthaften Problemen für ihn geführt.
ludna 27.04.2017
5. Jetzt holt man schon einen Berater von Nixon
aus dem Altersheim. Von wem genau? Von Nixon ? Der gleiche der Watergate verantwortet hat ? Und vielleicht findet man noch einen Berater von W Wilson.
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