Trumps Amerika Day One

Donald Trump macht Ernst: Schon am ersten Amtstag beginnt er damit, das politische Erbe seines Vorgängers auszuradieren: "Wir spielen nicht mehr rum."

Aus Washington berichtet


Donald Trump verlor keine Zeit. Nur wenige Minuten nach der Amtseinführung setzte er sich mal eben an einen Schreibtisch im Kapitol und ließ sich, umringt von seiner Familie und willfährigen Kongressmitgliedern beider Parteien, die ersten Erlasse vorlegen.

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Heft 4/2017
Die neue Weltordnung

Fünf Dokumente unterschrieb Trump mit wichtiger Miene, während sein Enkel Tristan den Fotografen die Zunge zeigte. Bei jedem Papier kratzte der frischgebackene Präsident mit einem neuen Füller übers Blatt: "Das macht Spaß!" Dann applaudierte er sich selbst, küsste die frischgekürte First Lady Melania und stand wieder auf. Lunchtime.

Das kurze Ritual, buchstäblich zwischen Tür und Angel im President's Room des Senats, war mehr als nur Show. Die Papiere waren zwar meist symbolisch - etwa eine Proklamation, die diesen Tag zum "nationalen Tag des Patriotismus" erklärte, und ein Gesetz, das dem General a.D. James Mattis den sofortigen Weg an die Spitze des Pentagons ebnet.

Trotzdem: Es waren Trumps erste Amtshandlungen als Präsident - unmittelbar nach seiner düster-ultranationalistischen Antrittsrede und noch vor dem Begrüßungsmahl mit jenen Abgeordneten und Senatoren, die ihn nicht boykottierten. Vorgänger Barack Obama hatte vor acht Jahren wenigstens noch einen Tag gewartet.

Kurz darauf, im Oval Office, dessen weinrote Vorhänge bereits gegen goldene ausgetauscht waren, dann Trumps erstes Dekret: ein Schriftstück, mit dem die Widerrufung der Gesundheitsreform beginnt - Obamas größte Errungenschaft.

Donald Trump im Oval Office, Weißes Haus
Kevin Dietsch/ POOL/ EPA/ REX/ Shutterstock

Donald Trump im Oval Office, Weißes Haus

Angriff auf alle Andersdenkenden

"Wir spielen nicht mehr rum", rief Trump abends beim offiziellen Präsidentenball, nahm seine Frau in den Arm und begann zu tanzen - zu Frank Sinatras "My Way".

Day One: Die Geburtsmomente dieser Präsidentschaft - der Pomp, die nur 16-minütige Kampfrede, der hastige, doch gezielt inszenierte Papierkram - stellten ein für alle Mal klar: Die Obama-Ära ist endgültig vorbei, demontiert mit ein paar Federstrichen.

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Vereidigung: Trump-Show in Washington

24 Stunden, eine andere Welt: Dies ist nun Trumps Amerika, und er macht Ernst.

Die letzten Illusionen zerronnen mit Trumps Ansprache, dem historisch wichtigsten Tagesordnungspunkt: In ihrer kompromisslosen Brutalität waren diese 1444 Worte nicht nur ein krasser Kontrast zur Eloquenz Obamas, dessen erste Antrittsrede doppelt so lang gewesen war. Sie waren auch ein Angriff auf alle politischen Konventionen - und alle Andersdenkenden.

Amerikas Infrastruktur sei "verrostet", Kinder "in Armut gefangen", in den Städten wüteten "Gangs und Drogen", es finde ein "Gemetzel" statt: Es war eine apokalyptisch verzerrte Horrorwelt, die Trump da beschwor. Die Welt seiner meist weißen Anhänger, die vor ihm auf der halbleeren National Mall im Regen standen - das "vergessene" Volk -, dessen Stunde sei nun gekommen, von allen, auch seinen politischen Gegnern, verlangte er fortan "totale Gefolgschaft": "America first!"

Trumps Worte waren noch nicht verhallt, da verschwand auch schon die digitale Präsenz seines Vorgängers im Archiv des Internets: Alle Spuren Obamas - Initiativen, Programme, Mitteilungen, Tweets - waren von den Websites des Weißen Hauses getilgt. Das ist zwar bei jedem Amtswechsel so, doch selten fühlt sich der Umbruch so radikal an wie diesmal.

Aktionismus mit Vertuschungseffekt

So wurde Obamas Klimawechsel-Homepage ersetzt von einem Pamphlet, welches das Ende der "lästigen Einschränkungen der Energieindustrie" verspricht. Anstelle der Bürgerrechts-Website steht da nun ein mit teils falschen Statistiken gepolsterter Lobgesang auf die Polizei. Der Suchbegriff "LGBT" ergibt gar keinen Treffer mehr.

Gleich nach der virtuellen Tilgung begann die reale. Die demonstrativen Signierstunden waren nur der Auftakt für einen ganzen Schwall an "executive orders", mit denen Trump ab Montag das Amerika Obamas beerdigen will. Einwanderung, Umweltschutz, Justiz, Steuern, Waffenkontrolle: Alles steht zur Disposition.

Der Aktionismus hat aber auch einen Vertuschungseffekt: Hinter den Kulissen tritt Trump seine Regentschaft weitgehend noch ohne Personal an. Seine designierten Minister haben in ihren Senatsanhörungen zwar ebenfalls schon klargemacht, dass sie die Politik ihrer Vorgänger nach besten Kräften ausradieren wollen. Doch 13 der 15 Kandidaten sind bis heute nicht bestätigt. Von den 660 wichtigsten Regierungsposten sind erst 29 besetzt. Das State Department bat 50 Obama-Beamte, doch noch zu bleiben, damit der Laden nicht ganz zusammenbricht.

Auch die Petitions-Website des Weißen Hauses wurde gleich umgerüstet. Vier neue Bürgeranträge standen da bereits binnen weniger Stunden, mit insgesamt fast 100.000 Unterschriften.

  • Erstens: Trump soll seine Steuererklärungen offenlegen.
  • Zweitens: Trump soll sein gesamtes Vermögen abtreten.
  • Drittens: Amerikas Farmer sollen Cannabis anbauen dürfen.
  • Viertens: Trump soll zurücktreten.

IM VIDEO: Die wichtigsten Ausschnitte aus Trumps Inaugurations-Rede



insgesamt 378 Beiträge
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Seite 1
doktorfeinfinger 21.01.2017
1. Die Wahrheit wird sich im Sommer zeigen
Denis Snower, der Präsident des Institutes für Weltwirtschaft in Kiel, hat es kürzlich auf den Punkt gebracht: Gefährlich wird es im Sommer, wenn Trump nicht an seinen großkotzig Ankündigungen sondern an seinen Taten und Erfolgen zum Beispiel in Sachen Arbeitsplätze und Bezahlung gerade in seiner Wählerschicht gemessen wird. Trump wird sich dann verhalten wie die Despoten Erdogan und Putin: Es lässt sich wunderbar vom innenpolitischen Versagens ablenken, indem man außenpolitisch mit der Kohle um sich haut
Kater Bolle 21.01.2017
2. Oh, oh, oh,,,,,,,,,
Da kommt auf die Welt und den US-Bürgern etwas zu. Ich wage zu prophezeien: Die Staatsschulden dort werden sich in vier Jahren verdoppeln. Die Schicht der Armen wird noch ärmer und größer. Die Reichen und Super-Reichen werden noch reicher. Bei den Investment-Bänkern haben gestern die Campus-Korken zu tausenden geknallt. Ihr Spielkasino ist wieder im vollem Umfang geöffnet. Die Bonis werden wieder in ungeahnten Größen sprudeln. Für die Unterschicht wird die mediz. Versorgung unbezahlbar. Suppenküchen werden boomen. Wir brauchten uns nur Herrn Trump und seine Mannschaft anschauen. Das wird Politik von Super-Reichen für reiche und Super-Reiche. Umweltschutz wird es nicht mehr geben. Ich hoffe das ich nicht recht habe.......
Jimbofeider 1 21.01.2017
3. Zweifel
Wer bis gestern noch gezweifelt hat, der ist jetzt verweifelt. Ja tatsächlich, der Trump ist so wie er ist. Er wird nicht vereinen, nichts zum besseren Wenden. Bis auf ein paar spektakuläre , Publikumswirksame Knaller wird er wahrscheinlich nicht viel zu bieten haben und es formiert sich massiver Wiederstand. Schaun wir mal!
drent 21.01.2017
4. Die Sonne geht auf,
obwohl Trump jetzt Präsident ist. Vielleicht ist er doch kein ganz so schlimmer Unhold und wird die Naturgesetze nicht verbiegen.
rkinfo 21.01.2017
5. Obamacare wiederrufen - aber die Ärzte bleiben die Gleichen
Trump und die Republikaner wollen die Obamacare streichen. Allerdings zählen im Gesundheitswesen nur Ärzte, Pflegeinnen und Technik der Praxen und Krankenhäuser. Daher zeigt dies eine komplette Verblödung bei Politik und zugehörigen Wähler ;-) Wer tatsächlich das US-Gesundheitssystem verbessern will, muss seine betriebswirtschaftlichen Grundlagen reorganisieren. Das dürfte besonders Trump klar - alles nur verlogen in der (neuen) Politik. Ein chaotisches US-Gesundheitssystem 2018 dürfte den Demokraten deutliche Stimmenzuwächse bereits November 2018 bringen.
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