Natalija Wesselnizkaja Moskauer Anwältin auf Mission

Donald Trump Junior trifft sich mit der russischen Anwältin Natalija Wesselnizkaja, um "Schmutz" über Hillary Clinton zu erfahren. Wer ist diese Frau - wirklich nur eine einfache Juristin aus dem Moskauer Umland?

Natalia Wesselnizkaja
AP

Natalia Wesselnizkaja

Von und , Moskau


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


"Kennen wir nicht", sagt Kreml-Sprecher Dimitrij Peskow. "Und wir wissen nichts über diese Geschichte."

Seitdem das Treffen der russischen Anwältin Natalija Wesselnizkaja mit Donald Trump Junior bekannt wurde, sorgt es weltweit für Aufsehen. In Russland verloren die staatlichen Sender dagegen lange kaum ein Wort über die Moskauer Juristin, die mitten im US-Wahlkampf im September 2016 mit Donald Trump Junior, dem ältesten Sohn des heutigen Präsidenten Donald Trump, gesprochen hat. Sie war damals angekündigt als Anwältin der russischen Regierung, die über kompromittierendes Material über Hillary Clinton verfüge (Lesen Sie hier mehr zu den Hintergründen.)

Sie habe nie solche Informationen gehabt und niemals für die russische Regierung gearbeitet, beteuert die 42-Jährige jetzt in Gesprächen mit englischsprachigen Medien.

Formell mag es stimmen, dass Wesselnizkaja nicht für den Kreml gearbeitet hat, doch dass sie mit staatlichen Strukturen verbandelt ist, steht außer Frage. Nur, wie weit reichen ihre Beziehungen? Und wie gelangte eine russische Anwältin bis ins Umfeld von Donald Trump?

Wesselnizkaja hat Karriere im Moskauer Umland gemacht, einer Region, die durch zahlreiche Grundstücks- und Immobilienskandale bekannt ist. 1998 nach dem Studium fängt sie bei der Staatsanwaltschaft im Moskauer Umland an. Dort lernt sie Alexander Mitusow kennen, den damaligen Vizestaatsanwalt der Region, später heiraten sie. Wesselnizkaja wechselt zu einer Bank, die pleitegeht, macht sich mithilfe ihres Mannes selbstständig. Der ist seit 2005 Vizeverkehrsminister der Regionalregierung. Wesselnizkaja gilt als Problemlöserin in der Moskauer Region, Beziehungen hat sie ja.

Geschäftsmänner Kazyw

Ihre Kanzlei Kamerton Consulting hat ihren Sitz im Nordwesten Moskaus, nahe dem Autobahnring, in einem unscheinbaren Bürogebäude im Vorort Chimki. Die Anwältin vertritt Mandanten in Grundstückfragen. Dabei soll es auch um feindliche Übernahmen gegangen sein, die Wesselnizkaja juristisch betreut, wie unter anderem die "Nowaja Gazeta" berichtete. Das Geschäft läuft gut, auf den Namen der Anwältin ist nach Medienberichten inzwischen ein 700-Quadratmeter Haus in Rubljowka, Moskaus Nobelviertel, registriert. Dort lebt die russische Elite aus Putin-Loyalen und Ölmagnaten.

Über Mitusow, inzwischen ihr Ex-Mann und Vizepräsident eines Eisenbahntransportunternehmens für Öl und Gas, lernt sie auch Pjotr Kazyw kennen. Der ist damals Mitusows Chef. Heute ist Kazyw Geschäftsmann, er gilt als dubios. Wesselnizkaja vertritt ihn vor Gericht, später auch seinen Sohn Denis Kazyw in New York.

Es wird Wesselnizkajas großer Prozess, in den Aktenschränken ihres Büros stapeln sich zahlreiche Ordner zu dem sogenannten Magnitskij-Fall.

Sergej Magnitskij
AP

Sergej Magnitskij

Der Staatsanwalt in Manhattan beschuldigt Kazyw Junior, über sein Unternehmen Prevezon Holdings Ltd., registriert auf Zypern, 14 Millionen Dollar über Offshore-Firmen gewaschen zu haben.

Das Geld sei Teil jener 230 Millionen Dollar, die durch Steuerbetrug dem russischen Haushalt entzogen wurden, sagen die US-Behörden. Der Steueranwalt Sergej Magnitskij, Mitarbeiter einer Moskauer Steuerkanzlei, die für den amerikanisch-britischen Investmentbanker William Browder tätig war, hatte den Betrug aufgedeckt. Er wurde 2008 verhaftet und starb 2009 unter qualvollen Umständen in russischer Untersuchungshaft.

2012 verabschiedet der US-Kongress das in Russland heftig umstrittene Magnitskij-Gesetz. Es enthält Sanktionen gegen russische Beamte und Geschäftsleute, die mit dem Fall in Verbindung stehen sollen. Sie dürfen nicht mehr in die USA einreisen, ihre Konten werden eingefroren - auch Wesselnizkajas Klient Kazyw Junior ist auf dieser Liste. Moskau reagiert empört, verbietet US-Bürgern Adoptionen russischer Kinder.

Kampf gegen das Magnitskij-Gesetz

Mittendrin ist Wesselnizkaja, die als ehrgeizig geltende Anwältin aus dem Moskauer Umland, die eher der "low level connection" zugeschrieben wird, wie der in Moskau gut vernetzte Wirtschaftsjournalist Leonid Bershidsky meint. Wesselnizkaja macht sich die Verteidigung ihres Klienten und die Abschaffung des Magnitskij-Gesetzes zur Lebensaufgabe. Sie behauptet, sie habe mit Politik nichts zu tun.

Seit Herbst 2015 reist sie mehr als 20 Mal in die USA. Sie beschafft Dokumente, vor Gericht aber vertritt eine Gruppe amerikanischer Staranwälte den russischen Geschäftsmann. Wesselnizkaja erzielt einen Teilerfolg: Im Mai stellt das Gericht das Verfahren gegen eine Zahlung von 5,9 Millionen Dollar ein. Dabei hilft ihr, dass Präsident Trump den zuständigen Staatsanwalt vorher entlassen hatte. Erst dessen Nachfolger willigt in den Deal ein.

Die Agalarows - der Popstar und der Magnat

Wesselnizkaja sagt, sie habe mit Trump Junior über das Magnitskij-Gesetz sprechen wollen. "Mein Freund hat gesagt, du kannst ihn sehen", sagte sie NBC. Deshalb sei sie hingegangen. Fragen gestellt hat sie anscheinend keine.

Wer dieser Freund ist, ob es Emin Agalarow war, will sie nicht sagen. Der britische Musikpublizist und Trump-Fan Rob Goldstone, der das Treffen mit der Juristin im Trump-Tower einfädelte, vertritt den russischen Popstar. Agalarow soll das Treffen angeregt haben, sagt Goldstone. Warum? Auf Instagram, wo er am Montag ein Bild im Auto postete ("Was gibt es Neues?"), antwortete er nicht.

Finally sunshine ������ какие новости ??? ��

Ein Beitrag geteilt von eminofficial (@eminofficial) am

Der Sänger ist der Sohn von Aras Agalarow, ein Immobilienmagnat mit Beziehungen zu Präsident Wladimir Putin. Einige Kilometer von Wesselnizkajas Büro entfernt besitzt sein Unternehmen Krokus-Gruppe unter anderem ein Einkaufszentrum, er lässt gerade zwei Stadien für die Fußball-WM bauen. Beide - Vater und Sohn Agalarow - lernten Trump 2013 in Moskau kennen, als er den Miss-Universe-Schönheitswettbewerb in Russland veranstaltete. Trump trat sogar in einem Video des Popstars auf. Man steht im Kontakt.

Aras Agalarow (l.) und Trump 2013
REUTERS

Aras Agalarow (l.) und Trump 2013

Goldstone behauptet in seiner Mail an Trump Junior, dass die Informationen über Clinton vom russischen Staatsanwalt der Krone (im Original heißt es: Crown prosecuter of Russia) stammen würden, den Geschäftsmann Agalarow getroffen habe. Das Amt gibt es so in Russland allerdings nicht, es ist wohl der russische Generalstaatsanwalt und Putin-Vertraute Juri Tschaika gemeint.

Wie Anwältin Wesselnizkaja zu Tschaika steht? Auch das würde man gern erfahren, Fragen des SPIEGEL will sie aber nicht beantworten.

Videoanalyse: "Die Demokraten sprechen von Landesverrat"

AP/SPIEGEL ONLINE

Zusammengefasst: Natalija Wesselnizkaja heißt die russische Anwältin, die sich 2016 mit Donald Trump Junior traf. Der Kreml bestreitet, dass die Juristin im Auftrag der russischen Regierung tätig war. Doch ihre engen Kontakte zu staatlichen Stellen werfen Fragen auf.

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.