US-Präsidentschaftswahl Donald Trump und die Furcht vorm Atom-Affekt

Donald Trump gilt als desinformiert, leicht reizbar. Man dürfe ihm nicht die Macht über Amerikas Atomwaffen anvertrauen, warnen seine Gegner. Kann ein US-Präsident tatsächlich allein über einen Nuklearschlag entscheiden?

Donald Trump
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Von , New York


Es war einer dieser Sätze, die nachhallen. "Stellt ihn euch im Oval Office vor, konfrontiert mit einer echten Krise", rief Hillary Clinton vorige Woche bei ihrer Parteitagsrede. "Wir können einem Mann, den man mit einem Tweet provozieren kann, nicht unsere Nuklearwaffen anvertrauen."

Clintons Worte, gemünzt auf ihren Rivalen Donald Trump, zeigen, warum diese Wahlen so wichtig sind - und so furchteinflößend. Denn die USA wählen mit dem Präsidenten ja die Person, die das Schicksal der Welt buchstäblich in ihren Händen hält.

Im Alleingang kann der US-Präsident einen Atomschlag befehlen. Das System der Checks and Balances (Gewaltenteilung) ist in diesem Fall ausgesetzt. Den nuklearen Einsatz bestimmt einzig der Oberbefehlshaber - und weder der Kongress noch Generäle oder Gerichte können ihn aufhalten.

Weshalb sich viele vor einer Trump-Präsidentschaft gruseln: Trump hat sich als dünnhäutig, impulsiv und desinformiert erwiesen - das Gegenteil dessen, was in einer Atomkrise gebraucht wird. Manche sehen in Trump sogar einen Psychopathen, der ein nukleares Armageddon auslösen könnte.

Stimmt das wirklich? Könnte er das tun, ohne dass ihn jemand daran hindert?

Der Football

Im Zusammenhang mit dem US-Atomarsenal ist oft vom "Nuclear Button" die Rede, einem "Knopf", den der Präsident drücken muss. Doch das ist ein Hollywood-Klischee: Es gibt keinen Knopf - sondern einen Aktenkoffer.

Er ist 20 Kilo schwer und wird "Football" genannt: Fünf Militärs im Wechsel - einer pro Waffengattung - tragen dem Präsidenten den Koffer rund um die Uhr hinterher, vom Weißen Haus in die "Air Force One" und auf alle Reisen.

Der "Football" enthält ein "Black Book" mit Kriegsplänen, eine Liste mit drei Kategorien potenzieller Angriffsziele (nukleare Einrichtungen, militärische Einrichtungen, Führungszentralen) und einen Aktenordner mit einer Schritt-für-Schritt-Gebrauchsanleitung für den Atomschlag. Dazu kommen Autorisierungscodes und ein sicheres Kommunikationssystem, dessen Mini-Antenne aus dem Koffer ragt.

The Football: Tross von US-Präsident Obama (Aufnahme von 2009)
Getty Images

The Football: Tross von US-Präsident Obama (Aufnahme von 2009)

Der Keks

Zweiter Bestandteil ist ein Plastikkärtchen, der "biscuit" (Keks). Darauf steht ein Autorisierungscode, der den Präsidenten identifiziert. Dieser muss die Karte immer bei sich tragen, meist in einer Innentasche seines Anzugs.

Das kann zu abstrusen Situationen führen. Jimmy Carter soll den "Biscuit" aus Versehen mit dem Anzug in die Reinigung gegeben haben. Bill Clinton konnte ihn angeblich monatelang nicht finden. Und als Ronald Reagan 1981 vom Attentäter John Hinckley angeschossen wurde, fiel der "Biscuit" auf den Boden, als ihm der Anzug im Krankenhaus vom Körper geschnitten wurde.

Mutmaßlich war der "Biscuit" auch in Barack Obamas Anzugtasche, als er im Mai 2016 als erster amtierender US-Präsident die japanische Stadt Hiroshima besuchte, über der die USA am 6. August 1945 die erste Atombombe abwarfen.

Der Alleingang

Nur die Kombination von "Football" und "Biscuit" kann einen US-Atomangriff in Gang setzen. Der Präsident kann damit entweder auf den Abschuss feindlicher Nuklearwaffen reagieren oder einen Erstschlag anordnen.

Man kann sich das etwa so vorstellen: Der Präsident erfährt von einem Angriff - zum Beispiel durch einen nächtlichen Anruf - den sprichwörtlichen "3 A.M. Phone Call", wie er in Wahlkämpfen gern beschworen wird.

In einem solchen Fall bleiben ihm für einen präventiven Gegenschlag mit einem oder mehreren der 925 nuklearen Sprengköpfe der USA höchstenfalls zwölf Minuten: So lange würden z.B. russische U-Boot-Atomwaffen brauchen, um amerikanisches Festland zu erreichen, heißt es. Aus Zeitgründen wurde die Entscheidungskette also dramatisch verkürzt: Der US-Kongress, der eine Kriegserklärung sonst absegnen muss, wird nicht mehr eingeschaltet.

Der Präsident wird sofort mit dem Generalstab verbunden, der seine Befehle weitergibt an die Einsatzkräfte. Er berät sich mit den Militärs, allen voran dem Verteidigungsminister, doch alle sind ihm unterstellt: "Sobald der Präsident einen Angriff befohlen hat, gibt es kein Veto mehr", sagte der Nuklearexperte Franklin Miller, der 31 Jahre lang für die US-Regierung gearbeitet hat, der "New York Times". "Nur der Präsident hat die Autorität."

Und ab 20. Januar 2017 heißt der entweder Hillary Clinton - oder Donald Trump.

insgesamt 185 Beiträge
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Seite 1
markus.frisch. 06.08.2016
1.
kein mensch sollte solche macht haben egal trump, hillary oder mutter Teressa. Keiner!
jamguy 06.08.2016
2. Trump
Vielleicht erlebt Amerika mal einen Putschversuch mit Trump als Präsident?
MoGas 06.08.2016
3. three times [Trump] asked about the use of nuclear weapons
"Several months ago, a foreign policy expert on the international level went to advise Donald Trump. And three times [Trump] asked about the use of nuclear weapons. Three times he asked at one point if we had them why can't we use them," http://www.cnbc.com/2016/08/03/trump-asks-why-us-cant-use-nukes-msnbcs-joe-scarborough-reports.html
archpunkt 06.08.2016
4. Schreckliches Szenario
ALLES, bloß nicht dieser Gelbhaarige...
Phil2302 06.08.2016
5.
Und doch hat bis jetzt nur eine von beiden einen Krieg angefangen. Ganz im Ernst: Ich möchte keinen von denen im Weißen Haus sehen. Schade, dass die Vorwahlen nicht demokratisch sind.
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