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16. Mai 2017, 20:41 Uhr

Kopflos im Weißen Haus

Trump gegen Trump

Ein Kommentar von

Die verdächtige Entlassung des FBI-Chefs, hanebüchene Tweets, unbedachter Geheimnisverrat, ausgerechnet an die Russen: Kein Gegner setzt Donald Trump so zu wie er sich selbst. Der US-Präsident plappert sich um Kopf und Kragen.

Seit Donald Trump die politische Bühne betreten hat, rätseln kritische Kommentatoren, was diesen Mann antreibt: Ist er ein Narzisst? Ein zynischer Geschäftsmann? Ein Rechtspopulist? Ein Volkstribun? Alles zusammen? Die jüngste Analyse des " New York Times"-Kolumnisten David Brooks kommt zum Fazit: Donald Trump ist infantil.

All das mag stimmen, vielleicht ist es aber auch so: In Donald Trump herrscht schlicht gähnende Leere. Da ist kein Plan, keine Absicht, auch keine böse. Da ist nicht mehr als das, was ihm gerade in den Kopf kommt. Und dann ist auch das schon wieder weg. Anders sind die Nachrichten nicht zu erklären, die die Welt in den vergangenen Tagen aus dem Weißen Haus erreichen.

Trotzig per Twitter ins politische Verderben

Zunächst der überraschende Hinauswurf des FBI-Direktors James Comey, der eine Untersuchung zu möglichen Beziehungen des Trump-Teams mit Russland leitete. Die Entlassung hatte angeblich nichts mit dieser Untersuchung zu tun, hieß es - bis der US-Präsident höchstpersönlich und ohne Not in einem TV-Interview verkündete, er habe dabei doch an diese Russland-Sache gedacht. Als sei das noch nicht genug Reminiszenz an den Watergate-Skandal, bedrohte er den scheidenden FBI-Chef dann noch mit angeblich aufgezeichneten Gesprächen.

Dann ein vergleichsweise harmloses, aber dennoch reichlich bizarres Interview des "Economist" mit Donald Trump, in dem dieser selbst auf offensichtlich spöttisch gemeinte Fragen ernsthaft einging, jegliche Detailkenntnis seiner eigenen Wirtschaftspolitik vermissen ließ, sich aber ungefragt damit brüstete, einen ökonomischen Fachbegriff erfunden zu haben, der tatsächlich seit Jahrzehnten gebräuchlich ist.

Und schließlich die Enthüllung der "Washington Post", Trump habe bei einem Treffen mit dem russischen Außenminister und dem russischen Botschafter mal eben Staatsgeheimnisse ausgeplaudert, die die US-Nachrichtendienste nicht einmal mit alliierten Staaten teilen. Und wie nach der Comey-Entlassung fällt der Präsident auch diesmal all seinen Verteidigern in den Rücken, die für ihn erklären, es habe keine Weitergabe von Geheimnissen an die Russen gegeben - und verbreitet per Twitter trotzig, er habe das absolute Recht dazu, genau das zu tun.

Es muss zur Zeit der undankbarste Job der Welt sein, für Donald Trump zu arbeiten: Egal, wie vorsichtig seine Sprecher formulieren, wie durchdacht eine Verteidigungslinie auch sein mag, der Präsident reißt jede Schutzmauer ein, die andere um ihn bauen wollen.

Selbst Republikaner sind genervt

Und das ist das eigentlich Erstaunliche an den seltsamen Neuigkeiten aus Washington: Es ist nicht der politische Gegner, der Donald Trump in Bedrängnis bringt. Es ist kein in mühsamen Untersuchungen zu Tage gefördertes Fehlverhalten, das seine Präsidentschaft erschüttert. Es ist der US-Präsident selbst und ganz allein, der sich offenbar vollkommen planlos und jedes Mal aufs Neue spontan um Kopf und Kragen plappert.

Das kann man amüsant finden und sich darauf freuen, dass demnächst selbst die Republikaner genug haben werden von ihrem irritierend instabilen Anführer. Milde genervt zeigt sich bereits Mitch McConnell, der republikanische Mehrheitsführer im Senat: "Ich denke, wir könnten mit etwas weniger Drama aus dem Weißen Haus auskommen."

Tatsächlich aber ist es verstörend, einen Mann an den Schalthebeln der Macht zu wissen, der offensichtlich wenig oder tatsächlich überhaupt nicht nachdenkt, bevor er etwas sagt oder tut. Der so ahnungslos und impulsgesteuert ist, dass er sich nicht einmal dann vor öffentlicher Lächerlichkeit und politischem Schaden bewahren kann, wenn dafür nur nötig wäre, einfach mal die Klappe zu halten.

Mit einem Populisten könnte man sich inhaltlich auseinandersetzen. Einen korrupten Politiker könnte man anklagen. Aber was macht man mit einem Präsidenten, dessen einzige konsistente Eigenschaft seine offensive Gedankenlosigkeit ist?

Die Welt blickt staunend auf Donald Trump. Sie blickt in einen Abgrund.

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