#LastNightInSweden Schwedische Medien kontern Trump - mit Fakten

Ein Beitrag des konservativen TV-Senders Fox News habe ihn zu seinem Schweden-Kommentar veranlasst, erklärte Donald Trump. Schwedische Medien nehmen den Bericht nun auseinander.


"Schaut euch an, was in Deutschland passiert, schaut euch an, was gestern Abend in Schweden passiert ist", sagte US-Präsident Donald Trump am Samstag, zählte dann Terroranschläge in Brüssel, Nizza und Paris auf. Was meinte Trump? In Schweden war am Freitagabend nichts Außergewöhnliches passiert, schon gar kein Terroranschlag.

Die Schweden haben auf unterschiedliche Art auf Trumps Fake-News reagiert:Mit Humor unter dem Hashtag #LastNightInSweden ("Ikea-Schrank falsch aufgebaut", "Bier getrunken, eingeschlafen"). Das schwedische Außenministerium bat um eine offizielle Erklärung, worauf Trump angespielt haben mag.

Schwedische Medien gehen nun einen Schritt weiter. Sie beleuchten den Bericht des konservativen Senders Fox News über Schweden, auf den sich Trump nach eigenen Angaben bei seiner Bemerkung zu Schweden stützte.

Fox News hatte ein Interview mit dem Filmemacher Ami Horowitz ausgestrahlt. Horowitz hatte für einen Bericht über die Auswirkungen der Flüchtlingskrise in Schweden einen Journalisten und zwei Polizisten befragt. In dem Interview ging es um angeblich gestiegene Kriminalitätsraten und soziale Probleme. Stimmen die in dem Fox-Bericht genannten Behauptungen?

Der Beitrag enthalte etliche Fehler und Übertreibungen, schreibt die schwedische Zeitung "Aftonbladet" und veröffentlicht einen englischsprachigen Faktencheck auf ihrer Website. Auch "Expressen" schreibt über die Fehler in dem Fox-News-Film.

  • Es sei nicht lange her, dass in Schweden der erste Terroranschlag passiert sei, so Filmemacher Horowitz bei Fox News. Was kann Horowitz gemeint haben? Einen Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise gibt es jedenfalls nicht. Es ist bereits sechs Jahre her, dass sich in Stockholm ein irakischstämmiger Schwede in die Luft sprengte und zwei Menschen verletzte.
  • "Aftonbladet" greift auch die bei Fox News aufgestellte Behauptung auf, dass in Schweden die Zahl von Angriffen mit Waffengewalt und Vergewaltigungen in den vergangenen Jahren, in denen viele Flüchtlinge in das Land kamen, gestiegen sei. Die Daten der Behörden zeigen laut "Aftonbladet" ein mindestens differenzierteres Bild: Die Kriminalitätsrate sei zwar 2015 gegenüber 2014 gestiegen, aber auf einem ähnlichen Niveau wie im Jahr 2005. Die Waffengewalt indes sei in den letzten Jahren zurückgegangen. Und bei den angezeigten Vergewaltigungen haben es 2015 im Vergleich zum Vorjahr ebenfalls einen Rückgang gegeben.
  • Einen offensichtlichen Fehler thematisieren auch andere schwedische Medien wie "Expressen": Statt wie bei Fox News berichtet, seien 2016 nicht 160.000 Flüchtlinge nach Schweden gekommen, sondern es habe rund 30.000 Asylsuchende gegeben. Mehr als 160.000 Flüchtlinge kamen stattdessen 2015 nach Schweden.
  • Auch dass Flüchtlinge in Schweden zusätzlich zu Unterkunft und Bildung noch großzügig finanzielle Unterstützung vom Staat bekämen, wie es der Fox-News-Beitrag suggieriert, will "Aftonbladet" widerlegen: Maximal bekämen Asylsuchende monatlich rund 2200 Kronen, etwas mehr als 230 Euro.

Grenze der Belastbarkeit

Die "New York Times" berichtet darüber, dass Schweden in rechtspopulistischen Kreisen in den USA immer wieder als Negativbeispiel genannt werde und bei der Erzählung von den angeblichen Problemen Schwedens durch seine offene Flüchtlingspolitik mit Übertreibungen und Verkürzungen gearbeitet werde.

Immer wieder spielt in den Beiträgen über Schweden auch die hohe Vergewaltigungsrate in Schweden eine Rolle. Schwedische Behörden und Experten verweisen zur Erklärung häufig darauf, dass die hohen Zahlen nicht bedeuteten, dass es in Schweden deutlich mehr Vergewaltigungen gäbe als anderswo, sondern dass sie öfter angezeigt würden und Fälle zum Teil anders in den Statistiken erfasst würden.

Schweden hatte im Jahr 2015 neben Deutschland besonders viele Flüchtlinge aufgenommen, bis die schwedische Regierung im Herbst des Jahres erklärte, man sei an der Grenze der Belastbarkeit angekommen. Es gebe schlicht keine Unterkünfte mehr.

Für Schlagzeilen hatten - ähnlich wie in Deutschland - Angriffe auf für Asylbewerber vorgesehene Unterkünfte gesorgt. Im Januar 2016 riefen in Stockholm Maskierte dazu auf, Jagd auf Flüchtlinge zu machen.

Im vergangenen Jahr war außerdem bekannt geworden, dass es bei Musikfestivals in Stockholm zu sexuellen Übergriffen auf Mädchen und junge Frauen gekommen war und dass die Tatverdächtigen junge Asylbewerber gewesen sein sollen. Die Fälle wurden erst Monate später bekannt. Schwedens Polizeichef Eliasson nahm in einem Interview mit SPIEGEL ONLINE im Frühjahr vergangenen Jahres dazu Stellung und übte in Teilen Selbstkritik. Auch zu Berichten, dass die Polizei von Flüchtlingen begangene Straftaten mithilfe eines speziellen Codes geheim halten wolle, nahm Eliasson Stellung: "Der einzige Grund, warum wir diesen speziellen Code nutzen, ist, dass wir sehen wollen, wie viel zusätzliche Arbeit wir als Polizei durch die Flüchtlingskrise haben."

Derzeit erschüttert eine Gewaltwelle die schwedische Stadt Malmö - innerhalb weniger Wochen kam es zu mehreren Morden. Die Täter sind noch unbekannt, vermutet wird ein Zusammenhang mit organisierter Kriminalität.

anr



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