Amerika-Serie Der Vollstrecker

Joe Arpaio verehrt Donald Trump und wird von Donald Trump verehrt, weil er Amerikas härtester Sheriff war: Er sammelte Migranten auf der Straße ein und warf sie ins Gefängnis. Jetzt will Sheriff Joe Senator werden.

Joe Arpaio
AP

Joe Arpaio

Von


Die Bedeutung der Entfernungen in diesem Land, die Wirkung von unterschiedlichen Zeitzonen, Dialekten, Lebensweisen kann vermutlich nur verstehen, wer hier unterwegs ist. El Paso ist von Washington, D.C. so weit entfernt wie Chisinau (Moldawien) von Dortmund. Wer weiß in Dortmund, was in Chisinau passiert?

Eine Reise durch Amerika, das ist Jim Bean, der tatsächlich so heißt, in New Orleans. Bean ist schwarzer Bassist und sagte mir: "Dieses Land ist auf Völkermord erbaut worden, dieses Land ist die reine Aggression. Die ganze Geschichte dieses verdammten Landes führt dazu, dass jeder Schwarze, der hier geboren wird, automatisch benachteiligt ist und jeder Weiße privilegiert. Du hast ja keine verdammte Ahnung, weißer Mann, was das eigentlich bedeutet, in diesem Land schwarz zu sein."

Eine Reise durch Amerika, das ist Loretta in Austin, Texas, die sagt: "Schwule: erschießen. Nigger: erschießen. Mexikaner: Drogendealer, Diebe, also erschießen. Mindestens einsperren. Wir brauchen einen Aufräumer, einen, der dafür sorgt, dass wir wieder respektiert werden."

ANZEIGE
Klaus Brinkbäumer:
Nachruf auf Amerika

Das Ende einer Freundschaft und die Zukunft des Westens

S. Fischer, 528 Seiten; gebunden; 24,00 Euro

Und nun sitzt vor mir ein Mann, der in New York ausgelacht oder mindestens gehasst wird, denn was für eine absurde Provinzfigur ist dieser Kerl von der Ostküste aus betrachtet; doch hier in Arizona nimmt man ihn ernst, und wie auch nicht? Der Mann war jahrzehntelang Sheriff, er hatte viel Macht, und er übte sie aus ohne jedes Mitleid.

"Hi", hat er gesagt, "I'm Sheriff Joe."

Braune Augen, graue Haare, Knubbelnase, Seitenscheitel. Ein braunes Hemd, ein blauer Pullunder. Hinter Sheriff Joe stehen zwei amerikanische Flaggen, an der Wand hängen viele Fotos; Joe Arpaio mit Donald Trump, dieses Bild hängt im Zentrum. Daneben ein Schild: "I do it my way."

Joe Arpaio wurde zu einem berühmten Amerikaner, weil er sich als härtester Sheriff des gesamten Kontinents inszenierte. Er fragte nicht, er sperrte ein, am liebsten Migranten aller Art. Es war tatsächlich so: Arpaio fuhr Streife, sah Mexikaner am Straßenrand, stellte keine Fragen, legte den Mexikanern Handschellen an, brachte sie ins Gefängnis. Ohne Verdacht, ohne Anklage. Mexikaner halt. Und im Gefängnis mussten die Migranten rosa Wäsche tragen, und Pornoheftchen waren verboten, und es gab nichts zu trinken.

Er trägt einen Colt, natürlich.

Es dauerte Jahrzehnte, bis Sheriff Arpaio endlich aus dem Amt entfernt wurde. Angezeigt, angeklagt, verurteilt zu sechs Monaten durch einen Bundesrichter, der sagte, Arpaio habe Latinos nur aufgrund ihrer Herkunft verhaftet. In all den Jahren zuvor war er immer nur wiedergewählt worden von all den Weißen, die ihren Rassismus damit höchstselbst für legitimiert erklären konnten.

Dann aber dauerte es nur wenige Wochen, bis Arpaio begnadigt wurde von Donald Trump. Ausgerechnet. Was für eine Botschaft auch dies. Denn es ist keine Frage, dass dieser Kerl das Recht nicht durchgesetzt, sondern gebrochen hat.

Joe Arpaio, Sohn zweier Einwanderer aus Neapel, begann seine Polizeikarriere 1954 in der Hauptstadt Washington, Drogendelikte wurden seine Spezialität. 1991 kandidierte er erstmals hier als Sheriff von Maricopa County und gewann. Ein Vierteljahrhundert lang regierte er und schickte mehr und mehr Cops an die Grenze zu Mexiko. Wie Donald Trump sagte er, dass Barack Obama nicht in den USA geboren sei. Trump sei ein "großer Patriot", sagte Arpaio im Wahlkampf.

"Word's Finest Police Officer" steht auf einer Medaille an der Wand. Zeitungstexte aus Irland, Frankreich, Spanien, Deutschland hängen da. "Das Problem ist Mexiko", sagt Arpaio, "dieses Mexiko ist verrottet und kriminell. 30.000 Menschen sind in den vergangenen Jahren ermordet worden. Wenn wir sie nicht stoppen, kommen die Mörder zu uns. Ich würde das Militär nach Mexiko schicken."

Und wenn er dann ins Erzählen kommt, ist er immer noch stolz auf all die Heldentaten. Den Frauen, den Mexikanerinnen, legte er schwere Eisenketten an die Füße, wie im 18. Jahrhundert im Straflager. 1993 ließ er für die sogenannten illegalen Immigranten Gefängniszelte aufstellen, darin wurde es 45 bis 50 Grad heiß. "Die Menschen hier mochten das: die Ketten, die Saunazelte, das Pornoverbot. Für eine Wiederwahl brauchte ich 200.000 Dollar, aber durch Spenden kamen fünf Millionen herein.

Klar, dass die hispanische Gemeinde mich nicht mochte: Wir haben ja 50.000 Menschen verhaftet. Aber wir haben Verbrechen verhindert, viele, viele Verbrechen."

Zwei Absätze brauchte das Weiße Haus für die Begründung der Begnadigung. Joe Arpaio habe dem Land "jahrelang auf bewundernswerte Weise gedient". Und Trump twitterte: "An American patriot. He kept America safe!"

Und was in solch einen Text über Joe Arpaio auch noch hineingehört: Arpaio, der bald auf die neunzig zugeht, will Senator werden, er hat seine Kandidatur angekündigt. Und er ist ein freundlicher Mann. Er fragt, ob ich in seinem Gästezimmer übernachten möchte. Ob ich schon gegessen habe. Ob ich als Andenken eine rosa Unterhose aus seinem Knast mitnehmen möchte.

Und dann: "Dies ist ein wunderschönes Land. Safe travels, Klaus from Germany."

Klaus Brinkbäumer auf Facebook

insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
omanolika 11.03.2018
1. Wenn man Joe Arpaios...
"Methoden" mal so betrachtet, ist klar, dass man ihn verachtet, denn der echt ausgelebte Hass, gegen alle Leute, ohne US-Pass, ist ne ausgewachsene Schande, in diesem eigentlich schönen Lande. Aber gerade, weil er so hart ist und Ausländer hasst, muss man sagen, dass er hervorragend zu Trump passt, und solche Kleinigkeiten wie die Verurteilung zuvor, kommen vor und Arpaio wird sicher der beste Senator... :(
littletruth 11.03.2018
2. Gruselkabinett
Ich musste es zweimal lesen und dachte, dies ist ein Bericht aus dem 19.Jahrhundert, zu den unseligen Sklavenzeiten der USA. Aber nein, es ist 2018 und immer wieder laufen durchgeknallte Typen durch Amerika, denen das Attibut „Law ans Order“ fast wie ein Karnevalsorden vorkommen müsste. Kann das wahr sein? Gibt es solche Leute mit derartigen Machbefugnissen?. Anscheinend ja, und sie werden gewählt. Zu welch einer gruseligen Welt Teile der USA geworden sind. Und DT scheint alles abzusegnen.
sven2016 11.03.2018
3.
Was ist seltsam am Namen Jim Bean? Der Whisky heißt bekanntermaßen anders. Arpaio ist in jeder Hinsicht undiskutabel. Wenn man allerdings TV-Berichte über Senatoren ansieht, wäre er da in guter Gesellschaft. Bis auf ganz wenige Ausnahmen sitzen im Senat nur groteske Gestalten.
skeptikerjörg 11.03.2018
4. Das wahre Amerika
Viele in Deutschland, reflektiert in den Medien und erkennbaren in Foren wie hier, scheinen immer noch zu denken, die USA seien Ostküste und Kalifornien, genauer, Ostküste nördlich von Virginia und Kalifornien. Deshalb wundern wir uns auch immer wieder über die eine oder andere Entwicklung, das eine oder andere Ereignis. Das wahre Amerika ist aber Wheat-Belt, Bible-Belt, Steel-Belt, Appalachen, tiefer Süden, und dort sind die Verhältnisse, wie im Artikel angedeutet. Tiefe Verachtung für die EggHeads von der Ostküste, isolationistisch, rassistisch, evangelikal, waffentragend. Und dort kommt 'America First' genauso gut an wie 'White Superiority' und 'Gott hat uns dieses Land gegeben. Ich kann nur jedem, der kennen lernen will, wie die USA ticken, raten, mal ein paar Wochen, besser Monate westlich der Appalachen und östlich der Rocky Mountains, dort, wo die "amerikanischen Amerikaner", also die nicht europäisierten, leben. Dann wundert man sich nicht mehr über sie Joe Arpaios, die Donald Trumps, die Tea Party, den Ku-Klux-Klan, die Macht der NRA, sondern beginnt Amerika zu verstehen. Empfehlenswert ist auch mal der Besuch einer der Sonntagsveranstaltungen der Evangelikalen (Gottesdienst/Messe nenne ich es bewusst nicht) oder einer der Sonntagsschulen in den Landgemeinden.
neue_mitte 11.03.2018
5.
Zitat von skeptikerjörgViele in Deutschland, reflektiert in den Medien und erkennbaren in Foren wie hier, scheinen immer noch zu denken, die USA seien Ostküste und Kalifornien, genauer, Ostküste nördlich von Virginia und Kalifornien. Deshalb wundern wir uns auch immer wieder über die eine oder andere Entwicklung, das eine oder andere Ereignis. Das wahre Amerika ist aber Wheat-Belt, Bible-Belt, Steel-Belt, Appalachen, tiefer Süden, und dort sind die Verhältnisse, wie im Artikel angedeutet. Tiefe Verachtung für die EggHeads von der Ostküste, isolationistisch, rassistisch, evangelikal, waffentragend. Und dort kommt 'America First' genauso gut an wie 'White Superiority' und 'Gott hat uns dieses Land gegeben. Ich kann nur jedem, der kennen lernen will, wie die USA ticken, raten, mal ein paar Wochen, besser Monate westlich der Appalachen und östlich der Rocky Mountains, dort, wo die "amerikanischen Amerikaner", also die nicht europäisierten, leben. Dann wundert man sich nicht mehr über sie Joe Arpaios, die Donald Trumps, die Tea Party, den Ku-Klux-Klan, die Macht der NRA, sondern beginnt Amerika zu verstehen. Empfehlenswert ist auch mal der Besuch einer der Sonntagsveranstaltungen der Evangelikalen (Gottesdienst/Messe nenne ich es bewusst nicht) oder einer der Sonntagsschulen in den Landgemeinden.
Vielen Dank für die bildliche und sachliche Zusammenfassung des fly-over-countries in den USA. Das Land der Pick-Up-Trucks. Wenn man diese Gebiet für sich betrachtet, dieses amerikanische Kern-Gebiet, und die Leute akzeptiert, : Was ist dann die Ausrede der Trump-Versteher hier? Haben wir ebenfalls einen PlaceNameHere-Belt, aus dem die Trumpisten stammen? Dafür gibt es doch keine Entschuldigung. Nein, wirklich, für soviel politischen / menschlichen Stumpfsinn gibt es keine Entschuldigung. Auch für die Menschen in den -Belts gibt es die nicht, aber kann sie zumindest verstehen - im Sinne von nachvollziehen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.