Massendemos gegen Trump Die Konterrevolution

Kaum ist Donald Trump vereidigt, protestieren weltweit Hunderttausende gegen den neuen US-Präsidenten: Allein in Washington gingen mehr als eine halbe Million Menschen auf die Straße. Doch die Zukunft des Widerstands ist unsicher.

REUTERS

Aus Washington berichten und


Für Julie Aberger ist dies ein privates wie politisches Déjà-vu. Vor Jahrzehnten protestierte sie genau an dieser Stelle, auf der National Mall am Kapitol, auch schon mal - gegen den Vietnamkrieg und den damaligen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson.

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Heft 4/2017
Die neue Weltordnung

Sie demonstrierte, weil Johnson "den Krieg endlos verlängert hatte". Ihr jetziger Unmut über Donald Trump ist persönlicher: "Die Unanständigkeit, die dieser Mann verkörpert! Seine Agenda, die dem, woran ich glaube, so widerspricht!" Die 69-Jährige holt tief Luft. "Ich bin hier, um aufzustehen und zu sagen: Nein!"

Wie in jenen Tagen, da Aberger als Studentin in Washington gegen den Präsidenten rebellierte, rebelliert sie mehr als 40 Jahre später in Washington wieder gegen den Präsidenten, diesmal als Pensionärin, mit ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn. "Mein Mann ist verstorben, sonst wäre er ebenfalls hier."

Video: Weltweite Proteste gegen Trump

Kaum 24 Stunden nach Trumps Vereidigung wälzen sich enorme Protestmärsche durch die USA. Mehr als eine halbe Million Demonstranten in Washington, Hunderttausende weitere im Rest des Landes. So massive Demonstrationen hat es hier seit dem Vietnamkrieg nicht gegeben und noch nie als direkte Reaktion auf eine Inauguration.

Nach Berechnungen von Jeremy Pressman, einem Professor an der University of Connecticut, gingen am Samstag sogar bis zu 4,2 Millionen Amerikaner auf die Straße - die größten Proteste in der US-Geschichte.

"Der schlimmste Tag und der beste Tag meines Lebens"

"Manchmal fürchte ich mich vor der Zukunft", sagt Abergers Tochter Helen, eine Opern-Regisseurin. "Doch dann sehe ich all diese Leute und fühle mich nicht alleine."

Ob Angst, Wut oder Solidarität: Ihre Motive sind so bunt wie ihre Anliegen - Frauenrechte, Bürgerrechte, Einwanderung. Was als fixe Idee begann, wurde zum "Women's March" mit Dutzenden Gruppen - und dann zum Hoffnungskeim eines neuen Widerstands, der Männer, Frauen, Linke, Moderate, Heteros, LGBT, Weiße, Schwarze, Latinos und viele andere gegen Trump vereinigen könnte.

"Wir sind die Revolution!", rufen sie. "Wir werden nicht verschwinden!"

Zugleich bietet ihnen der Aufstand eine Art Katharsis nach dem Trauma der letzten Wochen. "Dies ist der schlimmste Tag meines Lebens und der beste Tag meines Lebens", sagt Internet-Unternehmer John Middlebrock, der mit seinem Sohn Colin da ist. "Ich habe Angst, dass Trump nicht ganz richtig im Kopf ist." Colin, 16, trägt ein Plakat, auf dem Trump als dampfender Kothaufen karikiert ist.

Die Plakate, die Sprüche, die Vielfalt, die Stars - Cher, Michael Moore, Madonna, die die "Revolution" ausruft: Der Kontrast könnte nicht krasser sein zum Vortag, als am selben Ort, inmitten der historischen Monumente Washingtons, eine viel einheitlichere, stoischere, weißere Menschenmenge ihren Präsidenten beklatschte.

Und eine viel kleinere. Dass Trump die "Gegen-Vereidigung" unter die Haut geht, zeigt sich darin, dass sein erster voller Tag als Präsident völlig vom Hickhack darüber überschattet wird, wer mehr Menschen auf die Mall gebracht habe - er oder seine "Feinde"? Will heißen: Wer repräsentiert die wahre Seele der Nation?

Wo waren diese Leute am Wahltag?

Berichten, nur 250.000 seien zur Inauguration gekommen, also die Hälfte der Protestler, widerspricht Trump sofort: "Sah aus wie 1,5 Millionen!" Sein Sprecher Sean Spicer bezichtigt die Medien in seinem ersten Auftritt der "absichtlich falschen Berichte": Trump habe "das größte Publikum aller Zeiten" gehabt.

Egal: Der Anti-Trump-Marsch schwillt so an, dass er aus Sicherheitsgründen fast abgesagt wird. Doch wo waren diese Leute alle am Wahltag? Und: Was hilft's?

Auf der Mall kümmert das keinen. Die meisten sind stolz, dass überhaupt so viele da sind. Das setze ein Zeichen. Zeige, dass Trump nicht völlig ohne Widerstand durch seine Präsidentschaft spazieren kann. Ein Anfang, dann sieht man weiter.

Tatsächlich bleibt die Kernfrage dieses Wochenendes, wie nachhaltig der Protest sein wird. Wenn es ein einmaliges Ereignis bleibt, dann wird Trump den 21. Januar bald vergessen haben und verhältnismäßig ruhig durchregieren können.

Viele Widerständler träumen hingegen von einer echten Bewegung, die Trump das Regieren schwer macht. Ein vernetzter Protest von Feministinnen, "Millennials", Minderheiten, organisierten Demokraten, Künstlerinnen, Intellektuellen. Aber selbst das, so wissen sie, würde Trump wohl kaum aus dem Weißen Haus vertreiben.

Demokraten hoffen auf politisches Engagement

Der strategische Gedanke dahinter ist also, gar nicht erst zuzulassen, dass der Milliardär irgendwann als Versöhner wahrgenommen wird. Behält Trump das Image des Spalters, wird seine Popularität so schwach bleiben wie derzeit, so das Kalkül. Und das könnte ihm Probleme mit dem Kongress bereiten. Denn die Republikaner dürften wenig Interesse daran haben, ihn in anstehenden Lokalwahlkämpfen ständig zu unterstützten.

Die Demokraten hoffen, dass der Protest in den kommenden Monaten und Jahren auch in politisches Engagement mündet. Die Partei muss sich neu organisieren, personell und strukturell. Eine emotionale Basis könnte die Arbeit erleichtern. Zudem stehen bald viele wichtige Senats- und Gouverneurswahlen an, die das Gleichgewicht in Washington verschieben könnten. Und je mobilisierter die Partei an der Basis ist, desto besser.

"Dies wird uns - den Männern und Frauen, den Demokraten im Kongress - reale Energie geben, um vorwärtszugehen", sagte die Abgeordnete Lois Frankel bei einem Frühstück demokratischer Politikerinnen vor dem Marsch. Auch ihre Kollegin Chellie Pingree sieht die Proteste als eine "enormen Hilfe" für die Partei.

Julie Aberger, die gegen Vietnam demonstrierte und gegen den Irakkrieg und jetzt gegen Trump, wird jedenfalls weitermarschieren: "Hier herrscht der gleiche Ton wie damals. Sorge und Liebe und die Bereitschaft zum friedlichen Protest."

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insgesamt 411 Beiträge
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Seite 1
tschischdig 22.01.2017
1. Korrektur
"Anfang der Siebziger Jahre" und "Protest gegen den damaligen US-Präsidenten Johnson" passen nicht ganz zusammen, weil seit 1969 Richard Nixon als US-Präsident regierte.
akeley 22.01.2017
2. widerstand
Kann man es wirklich Widerstand nennen, wenn Trump nun mindestens 2 Jahre mit absoluter Mehrheit in beiden Häusern und im Verfassungsgericht, mit dem FBI im Rücken, ungestört machen kann was er will? Die Republikaner haben sich vor ihm im Wahlkampf auf den Rücken gerollt, so wird es weiter gehen. Wenn das Verzerren von Wahlbezirken und das Streichen von Wahlrechten in 2 Jahren nicht reicht, werden sie zu härteren Maßnahmen greifen. Trumps aufgeblähtes Militär und die militarisierte Polizei werden ggf. helfen.
neue_mitte 22.01.2017
3.
Das wird wohl denselben Verlauf nehmen wie die Neo-Montagsdeos gegen Hartz IV oder Pegida. Diese Leute denken, sie würden für eine große Masse - um nicht zu sagen: das Volk - stehen, aber im Endeffekt stehen sie nur für sich selbst. Dafür können sie sich auf die Schulter klopfen, es ändert aber nichts.
kingcole 22.01.2017
4.
Genau durch die Verwendung solch überzogenen Stilmitteln gegen Trump habe ich aufgehört, der Presse in Deutschland unkritisch Gehör zu schenken in Sachen Berichterstattung. Warum geht es denn nicht eine Nummer kleiner? Vermutlich kommt dieser Kommentar sowieso wieder nicht durch, aber auch egal.
C. V. Neuves 22.01.2017
5. Bürgerkrieg?
Ich weiß nicht, ober der Spiegel hier einem Bürgerkrieg das Wort reden will. Ich bin ja noch mit der Idee aufgewachsen, dass demokratische Entscheidungen zu akzeptieren sind. Die Hetzerei muss endlich ein Ende haben!
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