Protest gegen Trump-Vereidigung Marsch der Hunderttausend

Washington ist im Ausnahmezustand. Zur Vereidigung von Donald Trump am Freitag kommen nicht nur Hunderttausende Fans - sondern auch massenhaft Gegner. Sie wollen mit den Protesten eine neue Bewegung anfachen.

AFP

Von , New York


Nach der US-Wahl stand John Grauwiler erstmal unter Schock. Gefolgt von Verzweiflung, Unglaube, schließlich Wut. "Ich habe viele Emotionen durchlebt", sagt der Highschool-Lehrer aus New York. "Doch resignieren? Nein, niemals."

Deshalb reist Grauwiler jetzt auch nach Washington, um gegen Donald Trumps Amtseinführung als Präsident zu demonstrieren. Hunderttausende haben sich zu mehreren Protestmärschen im Herzen der US-Haupstadt angesagt - so viele wie seit den Sechzigerjahren nicht mehr, als der Vietnamkrieg die Nation entzweite.

Allein bei einer Großdemo am Samstag, dem Tag nach der Amtseinführung, wollen mehr als 200.000 Menschen am Kapitol aufziehen. Beim Stadtrat gingen dafür Parkanträge für 1200 Busse ein - 1000 mehr als für die Vereidigung selbst. Eine solche Masse an Gegnern ist noch nie zu einer Inauguration nach Washington geströmt.

Trump eint die Splitterprotestgruppen

Der Widerstand setzt sich aus vielen Gruppierungen zusammen, deren Anliegen in einem gemeinsamen Feindbild neue Wucht finden. Zum Beispiel Grauwiler: Er ist ein Veteran des Aids-Aktivismus. Später marschierte er bei den Bürgerrechtlern von Black Lives Matter mit, nach dem Disco-Massaker von Orlando im Juni 2016 gründete er mit Freunden die Organisation Gays Against Guns (GAG) gegen die Waffenlobby NRA. Nun hat sich GAG mit dem Widerstand gegen Trump verbündet.

Auch die Anliegen der anderen Gruppen sind so bunt wie die Teilnehmer. Sie sind gegen Polizeigewalt, Rassismus, Waffenrecht, für Abtreibung, LGBT- und Bürgerrechte, Obamacare, Pressefreiheit.

Sie alle eint die Ablehnung des neuen Präsidenten. Ihre nachhaltige Schlagkraft muss sich nun Ende der Woche in Washington beweisen. Es ist, als habe Trumps Wahlsieg die Splitterproteste der vergangenen Jahre revitalisiert. So hat der Republikaner in der Tat, wie er gerne tönt, eine Volksbewegung angestoßen. Jedoch nicht unbedingt die, als deren Führer er sich sieht.

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Vereidigung von Donald Trump: Viel Feind, viel Ärger

Hinzu kommt: Mindestens 55 demokratische Kongressmitglieder wollen nicht an Trumps Krönungsfeier teilnehmen, aus Solidarität mit ihrem Kollegen John Lewis, dem Bürgerrechtshelden, den Trump am Wochenende attackiert hatte. "Wer John Lewis beleidigt", sagte die Abgeordnete Yvette Clark, "der beleidigt Amerika."

"Wir sind nicht so wie Trump"

Der Megamarsch am Samstag entstand aus einem Privatprotest. Teresa Shook, eine pensionierte Juristin aus Hawaii, wollte über Facebook eine Gruppenreise organisieren, um mit Freundinnen gegen Trump zu demonstrieren. Bald hatten sich 200 Gruppen angeschlossen. Die Demo heißt zwar "Women's March" (Marsch der Frauen), doch auch Männer sind "eingeladen". Auf der Facebook-Seite haben 206.000 Menschen ihre Teilnahme angekündigt und 254.000 weitere ihr "Interesse" angemeldet. Bei der Kundgebung sollen Promis wie Hollywood-Aktivist Harry Belafonte sprechen.

Sie sei bis heute "schockiert und ungläubig", dass sich Trump mit seinen Ausfällen gegen Frauen, Minderheiten und Ausländer bei der Präsidentschaftswahl durchgesetzt habe, sagt Shook. Ihr Ziel: Man müsse die Welt "wissen lassen, dass wir so nicht sind".

Dutzende weitere Gruppen haben Aktionen angemeldet, auch für die Vereidigung selbst. Da werden sie unweigerlich auf die Massen stoßen, die Trump feiern. Die Polizei erwartet für Freitag rund 800.000 Trump-Fans - weit weniger als bei Barack Obamas erster Vereidigung in 2009, als fast zwei Millionen nach Washington kamen, ohne dass es eine einzige größere Gegendemonstration gab.

Tausende Sicherheitskräfte in Washington

"Ich kann mich nicht erinnern, dass eine Vereidigung die Sicherheitsbehörden jemals derart herausgefordert hat", sagte Ex-Heimatschutzminister Michael Chertoff der "New York Times". Rund 3200 Polizisten, 8000 Nationalgardisten, 5000 Soldaten sowie zahllose Beamte des FBI sind rund um die Zeremonie und die Demos im Einsatz. Die Kosten für das Polizeiaufgebot belaufen sich auf mehr als 100 Millionen Dollar.

Auch in Dutzenden anderen US-Städten sind Proteste geplant, allen voran in New York. Die größten Broadway-Stars haben ein Benefizkonzert angekündigt - als zeitgleiches Gegenprogramm zur Vereidigung Trumps, der es an Stars mangelt.

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Amtseinführung: Diese Stars haben Trump abgesagt

Das alles erinnert an die zweite Amtseinführung Richard Nixons 1973. Auch da protestierten Tausende. Rund 80 Kongressmitglieder boykottierten die Zeremonie, weil sie "nicht mit diesem Präsidenten identifiziert werden" wollten. Erstmals seit 1973 gibt es jetzt wieder einen breiteren Politboykott.

John Grauwiler und seinen Freunden geht es nicht nur darum, ein Zeichen rund um die Amtseinführung zu setzen. Sie wollen Präsenz zeigen, auch in den kommenden Monaten: "Wir werden nicht schweigend zusehen." Für Washington haben sie Plakate gemalt und Kostüme gebastelt, ein Chor wird Lieder gegen Trump singen. Dazu haben sie alte Schlager umgeschrieben.

Etwa den Patriotenhit "America the Beautiful": "So pitiful, the toxic Trump", lautet der jetzt, "you lie with every word." Zu Deutsch: Giftiger Trump, du lügst mit jedem Wort.

Mit Material von Reuters



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Seite 1
spiegelleser861 18.01.2017
1. Demokratie?
Ich glaube, diese Menschen haben immer noch nicht kapiert, dass in einer Demokratie nunmal derjenige regiert, der von der Mehrheit des Volkes gewählt wird. Der Unterlegene hat das zu akzeptieren.
ecce homo 18.01.2017
2. Die USA ist gespalten.
Die USA ist gespalten. Zum einen gibt es eine starke Protestbewegung gegen die vergangene US-Politik (die Trump gewählt haben), zum anderen die Gegner von Trump, die in ihm gerade ein Vertreter der Rechte sehen, die für sie eigentlich das Feindbild darstellt und zum anderen noch die Gegner von Trump, die in Trump eine Gefahr für die Politik sehen, die bisher von der Rechte vertreten wurde. Für die Außenpolitik ist Trump eine Chance, für die Innenpolitik zunächst erst einmal eine Bedrohung. Vielleicht wird er von der CIA ja auch noch beseitigt. Die mögen ihn gar nicht.
jan07 18.01.2017
3. Schlechte Verlierer
Es gehört zu den guten demokratischen Gepflogenheiten, einem neuen Amtsträger 100 Tage Zeit zu geben. Danach kann man sich ein erstes Urteil erlauben und gerne auch demonstrieren. Wer jetzt schon glaubt, demonstrieren zu müssen, beweist nur, dass er eine demokratische Wahl nicht akzeptieren will. Aber Linke waren ja immer schon notorische Besserwisser und schlechte Verlierer.
ecce homo 18.01.2017
4. Auch das gehört zur Demokratie
Zitat von spiegelleser861Ich glaube, diese Menschen haben immer noch nicht kapiert, dass in einer Demokratie nunmal derjenige regiert, der von der Mehrheit des Volkes gewählt wird. Der Unterlegene hat das zu akzeptieren.
Naja, demonstrieren dürfen sie trotzdem. Auch das gehört zur Demokratie.
minando 18.01.2017
5. Es stimmt...
...nichts eint so sehr wie ein gemeinsamer Feind. Oder anders: alles, wirklich alles hat auch sein gutes.
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