Trumps Wortwahl Was es mit dem Begriff "Alt Left" auf sich hat

Donald Trump hat der "Alt Left" eine Mitschuld an den Ausschreitungen in Chalottesville gegeben. Doch gibt es diese Bewegung überhaupt?

Rechte und Gegendemonstranten in Charlottesville
AFP

Rechte und Gegendemonstranten in Charlottesville

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Die Bilder aus Charlottesville gingen um die Welt: Junge Männer mit Fackeln in der Hand, die Nazi-Parolen riefen. "Juden werden uns nicht ersetzen" und "Blut und Boden" schallte es durch die Straßen der US-Stadt. Weniger laut - aber angeblich genauso aggressiv - soll noch eine zweite Gruppe in Charlottesville aufgetreten sein: die "Alternative Left".

Das zumindest behauptete US-Präsident Donald Trump. "Was ist mit der 'Alt Left', die die, wie Sie es nennen, 'Alt Right' angegriffen hat? Gibt es da irgendeinen Anschein von Schuld?", fragte er am Dienstag (Ortszeit) auf einer Pressekonferenz. (Das Video dazu finden Sie am Ende des Artikels).

Trump stiftete mit seinem Einwand zunächst vor allem Verwirrung. Aber es gelang ihm auch, von der eigentlichen Frage abzulenken, die ihn seit Tagen verfolgt: Warum er die Gewalt der Rechten nicht eindeutig als Terrorakt verdammt. Ablenken, verwirren, relativieren - genau dazu ist die Bezeichnung der "Alt Left" überhaupt ins Leben gerufen worden. Doch erst durch den Präsidenten wurde die Bezeichnung auch international bekannt.

Woher kommt der Begriff?

Der Ursprung ist nicht ganz eindeutig. Schon bevor Trump ihn benutzte, schrieben mehrere Autoren größerer Medien von der "Alt Left". Als einer der Ersten führte der konservative US-Sender Fox News den Begriff im vergangenen Jahr in seine Berichterstattung ein - und nutzt ihn, um damit eine angebliche liberale Übermacht zu erklären. Die Agenda der "Alternativen Linken" habe die amerikanische Kultur durchzogen und werde dabei von den Journalisten noch unterstützt; die Liberalen wollten die US-Bürger bevormunden und terrorisierten Trump-Unterstützer. Die "Alt Left" sei "der 800-Tonnen-Godzilla", der im Raum stehe. "Es wird Zeit, dass wir dieses Monster benennen", heißt es bei Fox.

Vorher tauchte der Begriff der "Alt Left" bereits in Blogs und bei Reddit auf. Vieles deutet darauf hin, dass er von Konservativen geschaffen wurde und keine Selbstbezeichnung einer Gruppe oder Bewegung ist. Es gibt eine Website der Domain AltLeft.com, die sich allerdings selbst als Ableger des linken Flügels der "Alt Right" ausgibt.

Aufsehen erregte im März dieses Jahres ein Artikel in der "Vanity Fair". Er war überschrieben mit: "Warum 'Alt Left' auch ein Problem ist". Autor James Wolcott argumentiert, dass die Desillusion über die Präsidentschaft von Barack Obama, die Wahlschlappe der Demokratin Hillary Clinton und der Klimawandel-Streit die "Alt Left" hervorgebracht hätten - demnach wurde sie also aus dem Frust über das eigene Lager heraus geboren. Wolcott sieht die "Alt Left" in direkter Verwandtschaft zur "Alt Right", wenngleich kleiner und schwächer. In einem Artikel der US-amerikanischen Website The Hill ist sogar von einer neuen "Alt Left" die Rede, die nun einen Cyberkrieg gegen die Trump-Unterstützer führe.

Gibt es eine Definition für die Bezeichnung?

Bislang sind es nur fremde Zuschreibungen, die je nach Medium und Autor stark variieren und sich teilweise widersprechen. Laut "New York Times" sind Extremismus-Forscher der Auffassung, dass es so etwas wie die "Alt Left" überhaupt nicht gibt. Die Zeitung zitiert einen Mitarbeiter der Organisation Anti-Defamation League, wonach die Bezeichnung erfunden wurde, um ein Gegengewicht zur "Alt Right" zu suggerieren. Die "Alt Left" sei nicht von selbst entstanden, die Bezeichnung lasse sich keiner expliziten Gruppe, Bewegung oder Netzwerk zuordnen. Die Verwendung sei ähnlich zu der des Begriffs der "Fake News", die jedwede Art unliebsamer Berichterstattung diffamieren soll.

In der "International Business Times" wird "Alt Left" als eine Bezeichnung definiert, die als Entgegnung auf die kritische Berichterstattung zur "Alt Right" geschaffen wurde, zu der sich viele US-Republikaner nicht zählen lassen möchten. Konservative nutzten demnach den Begriff, um US-Demokraten, die aus ihrer Sicht zu liberal ausgerichtet sind, damit ebenfalls zu "brandmarken".

Was ist der Unterschied zur "Alt Right"?

"Alt Right" und "Alt Left" lassen sich nicht miteinander vergleichen; es handelt sich um zwei ganz unterschiedliche Phänomene. Der Begriff der "Alt Right" beschreibt - im Gegensatz zu der "Alt Left" - eine tatsächliche Bewegung, deren Anhänger sich auch selbst darunter fassen. Geprägt wurde die Bezeichnung von Richard Spencer, Chef des nationalistischen Thinktanks National Policy Institute. Es handelt sich also um eine Selbstbeschreibung.

Die "Alternative Rechte" fungiert als Sammelbecken für Ultrarechte und Neonazis. Die rechtspopulistische Website Breitbart News beschreibt die "Alt Right"-Bewegung als Aufstand der Mittelklasse gegen die korrupte globale Elite. Sie ist jedoch keine Organisation mit einem gemeinsamen Anliegen, sondern ein Sammelbecken für all diejenigen, denen der Konservatismus der US-Republikaner zu weich ist. Damit verknüpft sind rassistische Ideologien und der Wunsch nach einer weißen Vorherrschaft. Wofür die "Alt Left" stehen soll, außer einer generell liberalen Linie, ist hingegen nicht klar.

Ein eindeutiges Zeichen, wie sehr sich Trump mit seiner Schuldzuweisung gegen die "Alt Left" auf die Linie der Rechten eingelassen hat, kam schon wenige Minuten nach seiner Einlassung vor Journalisten. David Duke, früherer Chef des zutiefst rassistischen Ku-Klux-Klan, dankte dem Präsidenten für seine Aufrichtigkeit und den Mut, die Wahrheit zu Charlottesville auszusprechen. Aus seiner Sicht heißt das: die "Linksterroristen" in der Bewegung "Black Lives Matter" und der Antifa zu verdammen.

Video: Die Pressekonferenz im Original und in voller Länge (23 Min.)

WhiteHouse.Gov

Mitarbeit: Mara Küpper

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chiemseecorsar 16.08.2017
1. Ich gründe jetzt ...
... auch mal eine Bewegung: "Alt Brain". Für Menschen mit Hirn und Moralkodex, Befürworter der freien Meinungsäußerung, Verfechter des Kateg.Imp., Kinderjunkies und Nachhaltigkeitsdenker, Kernkraftgegner und Jammerlappennegierer. Macht wer mit? One World.No Border.
paulpaulpaul2323 16.08.2017
2.
Im Beitrag fehlt der Schlüsselbegriff "SJW" (Social Justice Warrior), unter dem die real existierendende Alt Legt Strömung bisher wahrgenommen wurde.
KingTut 16.08.2017
3. Aufschlussreich
Danke für diesen aufschlussreichen Artikel. Ein Blick auf das Foto zeigt schon, wer auf Gewalt aus war. Im Fernsehen sah ich viele Gegendemonstranten, die T-Shirts mit der Aufschrift "Unarmed Civilian" trugen. Dennoch erdreisten sich Trump und seine rechtsextremen Anhänger, diesen Menschen eine Mitschuld zu geben und verhöhnen damit die Opfer. Was die so genannte "Alt-Left" betrifft, so wurde diese Bezeichnung von den Rechten erschaffen, um ihre Kritiker unter diesem Sammelbegriff in einen Topf zu werfen. Der Begriff dient also einzig der Täuschung, damit Liberale und Bürgerliche möglichst schlecht aussehen, wenn sie mit diesen Gruppen zusammenarbeiten. Aus diesem Grund sollte man vorsichtig sein, wenn man im Zusammenhang mit den Gegendemonstrationen in Charlottsville von "Linken" spricht. Bürgerliche, Konservative, Liberale und Christen können gleichermaßen gegen Trump und den ihn umgebenden rechtsradikalen Pulk sein. So wie zig tausende Kommentatoren in den Foren von Washingon Post und CNN. In gefühlten 95 % aller Beiträge kommen Fassungslosigkeit und Entsetzen zum Ausdruck, dass Amerika in die Fänge eines Mannes geraten ist, dem die amerikanischen Werte nichts und sein Ego alles bedeuten.
hegoat 16.08.2017
4.
@ KingTut: Das Bild zeigt keinesfalls, wer auf Krawall aus war, es zeigt eine Handvoll Rechter mit Helmen und eine Handvoll Leute ohne Körperschutz. Ob Rechts, ob Links, das zeigt es nicht. Es zeigt nichtmal, ob viele oder alle Rechten mit Körperschutz rumliefen und es zeigt schon gar nicht, wer gewaltbereit war. Würde ich im Schanzenviertel wohnen, wäre ich zum G20 lieber auch so rumgelaufen, ein auf die Polizei geschmissener Stein verirrt sich nämlich auch mal. Aber lassen Sie sich ruhig von Bildern beeinflussen. Ich erinnere nur mal an die Bilder von Saddams Waffenfabriken, die Colin Powell stolz bei der UNO zeigte...
Aberlour A ' Bunadh 16.08.2017
5. Danke für den aufschlussreichen Beitrag
Zitat von KingTutDanke für diesen aufschlussreichen Artikel. Ein Blick auf das Foto zeigt schon, wer auf Gewalt aus war. Im Fernsehen sah ich viele Gegendemonstranten, die T-Shirts mit der Aufschrift "Unarmed Civilian" trugen. Dennoch erdreisten sich Trump und seine rechtsextremen Anhänger, diesen Menschen eine Mitschuld zu geben und verhöhnen damit die Opfer. Was die so genannte "Alt-Left" betrifft, so wurde diese Bezeichnung von den Rechten erschaffen, um ihre Kritiker unter diesem Sammelbegriff in einen Topf zu werfen. Der Begriff dient also einzig der Täuschung, damit Liberale und Bürgerliche möglichst schlecht aussehen, wenn sie mit diesen Gruppen zusammenarbeiten. Aus diesem Grund sollte man vorsichtig sein, wenn man im Zusammenhang mit den Gegendemonstrationen in Charlottsville von "Linken" spricht. Bürgerliche, Konservative, Liberale und Christen können gleichermaßen gegen Trump und den ihn umgebenden rechtsradikalen Pulk sein. So wie zig tausende Kommentatoren in den Foren von Washingon Post und CNN. In gefühlten 95 % aller Beiträge kommen Fassungslosigkeit und Entsetzen zum Ausdruck, dass Amerika in die Fänge eines Mannes geraten ist, dem die amerikanischen Werte nichts und sein Ego alles bedeuten.
Die "Linken" in den USA sind die "liberals". Sie wurden schon immer von (rechts)konservativen gehasst. Liberals sind eine sehr heterogene Gruppe in den USA. Weiße, die sich für Bürgerrechte von Afroamerikanern oder anderen Minderheiten stark machen oder gemacht haben gehören ebenso dazu, wie Anhänger eines Wohlfahrtsstaates oder Umweltschützer. In diesen Konnex gehört auch die in der Bürgerrechtsbewegung der 50er und 60er Jahre zum Tragen gekommene Verbindung von weißen jüdischen Aktivisten mit dem schwarzen Civil Rights-Movements. Weiterhin gehören dazu Gewerkschafter (in den Südstaaten haben Gewerkschaften keine Chance), Anhänger von Mindestlöhnen und wohlfahrtstaatlicher Fürsorge, Christen usw. Kurz: man könnte sie als unverbesserliche Menschenfreunde und "Gutmenschen" bezeichnen. In konservativen Kreisen in den USA gilt das Wort LIBERAL daher als Schimpfwort!!!!! Wer könnte mit "Alternative Left" gemeint sein? Am ehesten noch so jemand wie Bernie Sanders, der sich als "Sozialist" bezeichnet hat. Aber Vorsicht. Auf europäische Verhältnisse übertragen ist das nur ein klassischer Sozialdemokrat im Sinne von Helmut Schmidt. Man muss sich eins klar machen: in den USA gibt es, gab es und wird es nie geben: einen "Sozialismus" kontinentaleuropäischer Prägung. Das hat ja vor über 100 Jahren schon Werner Sombart umgetrieben: "Warum gibt es in den USA keinen Sozialismus"?
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