Beziehung von USA und Türkei Erdogan dient sich Trump an

Ankara sucht die Nähe zu Trump. Präsident Erdogan verteidigt ihn gegen Kritik und schweigt zum Einreisestopp. Nun besucht der CIA-Chef die Türkei - noch im Sommer hatte er sie als "totalitäre Diktatur" bezeichnet.

Recep Tayyip Erdogan
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Am Donnerstag reist der Chef des US-Auslandsgeheimdienstes CIA in eine "totalitäre islamistische Diktatur". Als solche hat CIA-Direktor Mike Pompeo die Türkei jedenfalls in einem Tweet am 16. Juli 2016 bezeichnet. Die Regierung von Recep Tayyip Erdogan sei ebenso demokratisch wie Iran, fügte Pompeo sarkastisch hinzu.

Damals war Pompeo noch republikanischer Abgeordneter für den Bundesstaat Kansas im US-Repräsentantenhaus. Nachdem der frisch gewählte US-Präsident Donald Trump Pompeo im November für das Amt des CIA-Chefs nominiert hatte, löschte dieser seinen Twitteraccount @RepMikePompeo.

Seit 23. Januar steht der 53-Jährige offiziell an der Spitze des Geheimdienstes. Und seine erste Auslandsreise im Amt führt Pompeo ausgerechnet in die Türkei. Das haben Trump und Erdogan am Dienstag in einem 45-minütigen Telefonat vereinbart.

Mike Pompeo
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Mike Pompeo


Nach Angaben aus Regierungskreisen in Ankara sollen bei Pompeos Besuch zwei Themen im Mittelpunkt stehen: Die Rolle der von den USA unterstützten und ausgebildeten Kurdenmiliz YPG im Kampf gegen die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) in Syrien. Und das Schicksal des in Pennsylvania lebenden Predigers Fethullah Gülen, dessen Auslieferung die Türkei verlangt.

In beiden Punkten lag Erdogan mit der Regierung von Barack Obama über Kreuz: Trumps Vorgänger betrachtete die kurdische YPG als schlagkräftigsten und verlässlichsten Partner im Kampf gegen den IS in Syrien. Deshalb schickte Washington der Miliz Waffen und Militärausbilder. Doch in der Türkei wird die YPG wegen ihrer engen Beziehungen zur PKK als Terrororganisation eingestuft.

Im Fall Gülen drängte Ankara auf die sofortige Auslieferung des Predigers, den Erdogan als Drahtzieher des gescheiterten Militärputsches vom 15. Juli brandmarkt. Gülen selbst bestreitet jede Verwicklung in den Staatsstreich.

Die Regierung Obama verwies auf die Unabhängigkeit der amerikanischen Justiz und betonte, die Entscheidung über die Auslieferung des Predigers, der seit 1999 in den USA lebt, brauche Zeit. Bis in letzter Instanz über den Antrag entschieden ist, könnten Jahre vergehen. Besonders brisant: Vertraute von Staatschef Erdogan haben in den vergangenen Monaten die CIA mehrfach beschuldigt, Gülen zu steuern und auch den niedergeschlagenen Militärputsch vorbereitet zu haben. Erdogan selbst raunte ominös von einer "Beteiligung von außen" an dem versuchten Staatsstreich.

Trump setzt auf autoritäre Herrscher

Doch nun setzt der türkische Präsident auf einen Neuanfang im Verhältnis mit den USA unter Trump. Er hat erkannt, dass der neue Mann im Weißen Haus die Nähe zu autoritären Herrschern wie Wladimir Putin und Abdel Fattah el-Sisi sucht. Deshalb nimmt Erdogan den neuen US-Präsidenten öffentlich in Schutz: Ähnlich wie die Türkei während der Gezi-Proteste von ausländischen Medien attackiert wurde, würde sich die Presse nun auf Trump einschießen, so Erdogan: "Dieselben Leute, die damals dieses Spiel in der Türkei begonnen haben, tun nun Trump Unrecht." Ausdrücklich lobte er den US-Präsidenten, dass er während einer Pressekonferenz im Januar den CNN-Reporter Jim Acosta öffentlich zurechtwies.

Bemerkenswert ist, dass Erdogan jede Kritik an Trumps Einreiseverbot gegen Bürger sieben mehrheitlich muslimischer Staaten vermieden hat. Dabei präsentiert sich der türkische Staatschef sonst bei jeder Gelegenheit als Verteidiger des Islam und der Muslime und scheut nicht davor zurück, die Bundesregierung wegen angeblicher Diskriminierung von Muslimen öffentlich zu schelten.

Mit Spannung wartet Ankara zudem darauf, dass das Pentagon Ende Februar seinen Plan für die Zerschlagung des IS vorlegt. Erdogan hofft, dass das US-Verteidigungsministerium dabei der türkischen Armee und ihren syrischen Verbündeten eine Schlüsselrolle gibt und im Gegenzug seine Unterstützung für die kurdischen YPG-Milizen zurückfährt. Der türkische Präsident hat selbst schon mehrfach angekündigt, seine Truppen würden bis in die inoffizielle IS-Hauptstadt Rakka vorrücken und den Kurden bei der Eroberung der Stadt zuvorkommen. Türkische Soldaten könnten auch die Sicherheitszonen für Kriegsflüchtlinge in Syrien schützen, deren Einrichtung Trump ins Spiel gebracht hat.

Machtverteilung in Syrien
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Machtverteilung in Syrien

Doch sowohl Trump als auch Erdogan müssen die Fakten in Syrien zur Kenntnis nehmen. Seit Monaten stehen die türkischen Einheiten vor der Stadt al-Bab - knapp 200 Kilometer von Rakka entfernt. Die kurdischen Milizen sind da schon deutlich weiter: Sie stehen nur noch rund 40 Kilometer vor der IS-Hochburg. Ein Vorsprung, den Ankaras Truppen kaum noch einholen können.

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indepen 09.02.2017
1. Yesss,
das passt doch großartig! Beide mit dem Anspruch, exklusiv die Wahrheit zu wissen, beide mit der Vorstellung, die Presse zu ihren Gunsten steuern zu müssen, beide mit der Vorstellung, für ihren Staat den absoluten Alleinvertretungsanspruch zu haben. Das wird sicher eine großartige Kooperation - nur bleiben Demokratie, Menschenrechte, Wahrheit etc. dabei garantiert auf der Strecke.
solapgir 09.02.2017
2. Das nennt man Realpolitik
Endlich mal reale Politik und Umsetzung. Die Türkei ein verlässlicher NATO Partner seit dem Korea krieg und dem kalten Krieg hat sich seine Sporen verdient. Das weiß ein Herr Trump endlich mal zu schätzen. Da wird so ein wichtiger Partner wie de Türkei nicht kurzfristigen uneinigkeiten geopfert denn das hätte langfristige eine Schwäche des Westens im nahen Osten und gegenüber Russland zur Folge
hardeenetwork 09.02.2017
3. In wenigen Jahren sind beide weg!
Maximal 4 Jahre noch, dann werden demokratiefeindliche Populisten wie Erdogan und Trump verschwunden oder kalt gestellt sein. Und der Absturz der AfD hat schon jetzt ganz langsam begonnen. Geduld hilft dabei sehr.
KonradausAdenau 09.02.2017
4. drei Thesen zum Besuch
1. Beide denken bestimmt nicht darüber nach, wie man gemeinsam den IS bekämpfen kann, denn es ist ihr gemeinsames Baby. Denken wir nur an den Giftgasanschlag von Bengasi. Das Gas wurde von der CIA in Libyen gestohlen. Es gelangte auf mysteriösen Pfaden zum türkischen Geheimdienst und von dort zum IS. Der Anschlag sollte Assad in die Schuhe geschoben werden und als Einmarsch-Vorwand der Amerikaner in Syrien dienen. Nur ein britisches Analyselabor verhinderte diesen Coup, der wohl noch auf Clinton zurück zu führen ist (Seymour Hersch). Es gibt ja auch etliche weitere Beispiele der IS-Unterstützung. 2. Es könnte sein, dass Pompeos einen Richtungswechsel vorsieht und die neuen Putschpläne irgendeinem General persönlich in die Hand drücken muss. Aber das ist wie gesagt nur eine These. 3. Wenn man sich nicht so einigelt wie die deutsche Bundeskanzlerin und meint, es wäre besser gemeinsam mit dem russophoben Kaczinski über Atomwaffen zu fabulieren und statt dessen mal einen Besuch bei Trump vorbereiten würde, dann liesse sich auch auf diplomatischem Weg etwas bewegen, wie der Besuch Pompeos in der Türkei möglicherweise zeigt.
cihan1978 09.02.2017
5. Erdogan dient sich zum Trump an
Beitrag: Erdogan dient sich zum Trump an ist eine absolute Überschrift wenn ich mal fragen darf. Europa besonders Deutschland hat doch Angst und schleimt bei dem "großen" Bruder und nicht die Türkei! Als ein so genannter Deutsch Türke schäme ich mich wirklich sehr um die ganzen Falschmeldungen und Lügen, die man in Deutschland, die ich sehr liebe leider verbreitet wird über Personen, die Deutschland Regierung nur Angst machen wie zum Beispiel halt der türkische Präsident Erdogan oder der amerikanische Präsident Trump es tun, die auch Putin selbstverständlich und wer möchte ganze Zeit, sich mit dem US Präsidenten gut stellen ;)! Alle die den Trump beleidigt oder sonst was getan haben in Deutschland, möchten jetzt mit ihm eigentlich sehr gerne zusammenarbeiten und mitarbeiten, aber da ist die Türkei nicht die erste auch nicht der letzte. Vorher können wir schon vom Europa direkt anfangen! In Deutschland geborene und mit Integrations Hintergrund aus Türkei/Kurde, befürworte ich jegliche Zusammenarbeit mit der USA, wie mit vielen anderen Ländern besonders Turk Volker!
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