Politische Kultur unter Trump Brandstifter an der Macht

Im Wahlkampf hat Donald Trump unverhohlen Stimmung gegen Minderheiten gemacht. Jetzt wird er Präsident - und es steht zu befürchten, dass seine drastischen Worte nun von seinen Anhängern in Taten umgesetzt werden.

Anti-Trump-Demonstrantin vor Trump-Hotel in Las Vegas, 9. November 2016
REUTERS

Anti-Trump-Demonstrantin vor Trump-Hotel in Las Vegas, 9. November 2016

Ein Kommentar von


Was unverständlich ist: Wie kann jemand, der keine Ahnung von Politik hat, der Mexikaner pauschal als Vergewaltiger beleidigt, der sich lustig macht über Menschen mit Behinderungen, der Muslime nicht mehr ins Land lassen will, der sich rühmt, Frauen in den Schritt zu fassen und jede zu kriegen, weil er so reich und berühmt ist, der Steuern hinterzogen hat und als Milliardär so tut, den "kleinen Mann" zu vertreten, der Folter für ein legitimes Mittel der Politik hält, der für die Waffenlobby steht, der vom Ku-Klux-Klan unterstützt wird, der Journalisten "Lügner" nennt, der seine politischen Gegner ins Gefängnis werfen lassen will, der Mauern und Zäune bauen will, der das Wahlergebnis anzweifeln wollte, hätte er verloren, der durch und durch rassistisch, fremdenfeindlich, sexistisch und menschenverachtend ist, wie kann so jemand US-Präsident werden? Wie kann man ihm all diese Worte durchgehen lassen, ihn sogar dafür belohnen, indem man ihn wählt?

Ach so, das war alles nur so dahingesagt, im Eifer des Wahlkampfs, wie manche jetzt argumentieren. Als Präsident werde er viel gemäßigter auftreten, so wie bei seiner ersten Rede am Abend seines Wahlsieges. Da sprach er plötzlich davon, Präsident aller Amerikaner zu sein. Keine Spur mehr von der Großmäuligkeit der vergangenen Monate. Also alles gar nicht so schlimm?

Trump hat das politische Klima vergiftet

Doch. Denn Trump mag es nicht so gemeint haben, vielleicht war alles nur eine Show, aber viele seiner Anhänger nehmen ihn beim Wort. Sie werden sich künftig erst recht nichts dabei denken, wenn sie Menschen, die sie für Muslime, Mexikaner oder sonst irgendwie fremd halten, beschimpfen und ihnen an den Kopf werfen, sie sollten doch "dahin gehen, wo sie herkommen". Sie werden erst recht glauben, dass sie ihren Willen durchsetzen dürfen - wenn es sein muss, auch mit anderen als demokratischen Mitteln. Sie werden sich noch mehr Waffen besorgen. Sie werden Rassismus für eine normale Umgangsform und sexistisches Verhalten für Romantik halten.

Trump hat das politische Klima vergiftet. Er hat jene Grundstimmung geschaffen, für die ihn Populisten in aller Welt bewundern. Le Pen, Wilders, Orban, die AfD, selbst die islamistische AKP, die in ihrer autoritären Verblendung gar nicht kapiert, dass Trump für all das steht, was die AKP hasst, sie alle feiern Trump und haben nun Oberwasser.

Populisten, ob rechts oder links, islamistisch oder christlich, bringen zum Teil durchaus berechtigte Kritik vor. Wenn die AfD im Zusammenhang mit dem Islam von "Faschismus" spricht, hat sie ja nicht unrecht - wer wollte behaupten, die Ideologie der Terrormiliz "Islamischer Staat", aber auch anderer extremistischer Gruppen wäre nicht faschistisch? Aber sie tun es auf eine Art und Weise, die jeden Dialog unmöglich machen. Sie tun es, indem sie pauschalisieren, stigmatisieren und ganze gesellschaftliche Gruppen ausgrenzen, immer nahe an der Grenze zur Gewalt. Und ihre Anhänger überschreiten diese Grenze regelmäßig.

Populisten sind keine Demokraten

Vor allem aus diesem Grund brauchen wir eine neue politische Debattenkultur. Mehr Differenzierung, in die Tiefe gehende Information, kulturellen Austausch, Dialog. Wir müssen Populisten bekämpfen und dürfen nach dem Wahlergebnis in den USA nicht dem Irrglauben verfallen, ihre Art des Diskurses sei akzeptabel. Populisten sind keine Demokraten, auch wenn sie immer dann, wenn es ihnen passt, auf Meinungsfreiheit pochen. Und sich auf Wahlen freuen, weil das dann eine "Abrechnung" werde mit dem "System".

Auch Trump will ein anderes, ein neues System. Vielleicht wird er, man mag es heute nicht für möglich halten, doch ein guter Präsident. Aber seine Anhänger glauben, einen Freibrief für verbale und auch physische Gewalt zu haben, dank seiner Worte im Wahlkampf. Und diese Haltung, diese Taten müssen wir Demokraten politisch bekämpfen. In jeder Debatte, in jedem Gespräch. Tun wir es nicht, ist unsere Demokratie wirklich in Gefahr.

insgesamt 157 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ackergold 11.11.2016
1.
Sie fragen ernsthaft, "wie kann so jemand US-Präsident werden? Wie kann man ihm all diese Worte durchgehen lassen, ihn sogar dafür belohnen, indem man ihn wählt?" Die Antwort ist reichlich einfach: Indem man selbst so ist.
Mardor 11.11.2016
2. Abwarten
Auch ich hätte mir HRC als das kleinere Übel gewünscht. Auch ich fand Trumps Wahlkampf abstoßend. Aber alles Lamentieren hilft nicht, der Mann ist gewählt und die Welt wird damit leben müssen - und sie wird nicht untergehen, genauso wenig, wie sie unter Bush junior oder Reagan untergegangen ist. "Vielleicht wird er, man mag es heute nicht für möglich halten, doch ein guter Präsident." Ähnlich dachten vor 36 Jahren viele über Reagan - der heute von vielen, zumindest von vielen Amerikanern, als einer der besten Präsidenten in langer Zeit gesehen wird.
tmhamacher1 11.11.2016
3. Es gibt keine Hoffnung!
Als G.W. Bush Präsident wurde, gab es vielleicht noch die Hoffnung, es würde nicht so schlimm. Eine Weltwirtschaftskrise und zwei schlimme Kriege später gibt es keine Veranlassung mehr, sich irgendwelcher Illusionen hinzugeben. Es wird irgendwie weitergehen, zweifellos, aber Donald Trump wird die Welt tiefgreifend verändern. Es ist erbärmlich, wie viele seiner Kritiker jetzt einknicken. Seine Gegner, die sich z.B. den Luxus erlaubt haben, dem Politclown Bernie Sanders nachzutrauern und an Hillary Clinton herumzumäkeln, werden dafür mindestens 4 Jahre lang büßen müssen, indem sie bei Wind und Wetter auf die Straße gehen, um von dort aus einen Widerstand zu formieren. Außerdem muss durch 4-jährige Basisarbeit sichergestellt werden, dass bei der nächsten Wahl ein Kandidat zur Verfügung steht, um Trump abzulösen. Trump hat die Wahl nur aus einem einzigen Grund gewonnen: Durch die Schwäche und Zerstrittenheit der Liberalen, und um ihn einzudämmen, werden diese Schwächlinge sich jetzt endlich aufraffen und für ihre Ideale kämpfen müssen! Aber so, wie es aussieht, werden sie wohl lieber dem nun legalisierten Haschisch fröhnen und sich die Welt schönrauchen.
jackohnereacher 11.11.2016
4. Jedese Land hat genau das Staatsoberhaupt, welches es verdient.
Durch jahrelange gemeinsame Arbeit haben die Mächtigen in den USA erreicht, das die Armut, das Bildungsniveau und das politische Interesse in diesem Land immer tiefer gesunken sind. Trump als Präsident der nächsten 4 Jahre ist also das Ergebnis dessen. Hoffentlich wird er alle Geister, die er rief, wieder los.
privatbahn 11.11.2016
5. ...und SPON präsentiert schon den nächsten Zeugen für Trumps Politik
Donald Trump ist noch nicht einmal in Amt und Würden und bei SPON wird man nicht müde mit stetig neuen Kommentaren, quasi als Beleg der Trumpschen Politik, bereits den Beweis seiner Law & Order Haltung zu belegen. Ich lese hier nur noch "Haßprediger", "Hetzer", "Brandstifter". Wie wäre es mal mit ein wenig verbaler Abrüstung. Selbst dabei ist der zukünftige Präsident Trump der deutschen Politik und weiten Teilen des deutschen Journalismus schon wieder einen Schritt voraus.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.