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18. Mai 2017, 14:47 Uhr

Sympathie für Trump

Der Wuschelkopf im Weißen Haus

Eine Kolumne von

Donald Trump soll supertotalechtgeheime Informationen an die Russen weitergegeben haben. Die Empörung ist groß. Vielleicht zu Recht. Vielleicht zeigt der jüngste Trump-Skandal aber auch nur, dass wir alle zu Info-Geiseln der Nachrichtendienste geworden sind.

Was ist denn nun schon wieder in den USA los? Der amerikanische Präsident soll seine russischen Freunde vor einer möglichen Terrorgefahr gewarnt haben. Das ist ja erst mal nett. Es ist nicht gut, wenn ein russisches Flugzeug durch eine Laptop-Bombe vom Himmel geholt wird.

Trotzdem fällt die Weltpresse wieder über Trump her. Wenn das so weitergeht, kann einem der Wuschelkopf im Weißen Haus bald leidtun.

Vielleicht haben wir uns alle in dem Mann getäuscht. Knallharter Immobilientycoon? Von wegen. Vielleicht ist er einfach ein guter Kerl und lässt seinen Kumpel Putin nicht hängen. Kann sein.

Andere Möglichkeit: Trump ist wirklich ein großes, gefallsüchtiges Kind, das kein Geheimnis für sich behalten kann. Und dann gibt es noch die dritte Möglichkeit, dass wir alle zu Spielbällen in der großen Manipulationsshow der Geheimdienste geworden sind und dagegen nichts tun können - außer abschalten.

"Informationen der allerhöchsten Geheimhaltungsstufe"

Es liegt schon eine gewisse Ironie darin, dass die berühmte Whistleblowerin Chelsea Manning genau zu der Zeit aus dem Gefängnis entlassen wird, da ausgerechnet dem amerikanischen Präsidenten vorgeworfen wird, Geheimnisse verraten zu haben. Donald Trump soll "Informationen der allerhöchsten Geheimhaltungsstufe" an den russischen Außenminister Lawrow gegeben haben. Das steht jedenfalls in den Zeitungen.

Die Informationen sind "noch geheimer als streng geheim", so hat das der Terrorismusexperte Peter Neumann formuliert. Nach allem, was man von den Geheimdiensten inzwischen weiß, muss die Frage erlaubt sein: Was soll das bedeuten? Dass sie sich noch vor dem Lesen selbst vernichten?

In den Zeitungen steht auch, dass ein israelischer Geheimdienst den IS infiltriert hat und darum die neueste Idee aus der IS-Bastelwerkstatt kennt: Bomben in Laptops. Das muss man sich vorstellen wie bei der Sendung mit der Maus - nur in böse. Die tüfteln da den ganzen Tag daran herum, wie sie Bomben in Flugzeuge schmuggeln können. Jetzt also: Laptops.

So neu ist die News übrigens nicht. Seit dem 24. März dürfen auf bestimmten, in Nordafrika und dem Nahen Osten startenden Flügen in die USA und nach Großbritannien keine Laptops in die Kabine mitgenommen werden. Man musste schon damals kein Geheimdienstexperte sein, um zu ahnen, dass diese Maßnahme nicht den Zweck hatte, die zwischenmenschlichen Kontakte an Bord zu fördern. Wenn überhaupt, dann hat Trump nur veröffentlicht, was ohnehin bekannt war. Was ihm in der Presse allerdings zusätzlich vorgeworfen wird: seine Informationen könnten zur Identifizierung des israelischen Agenten führen und mithin dessen Leben gefährden.

Vielleicht stimmt das. Vielleicht nicht. Weder die Journalisten, noch die Öffentlichkeit haben irgendeine Möglichkeit, diese Informationen zu überprüfen. Es kann die Wahrheit sein. Oder eine Volte im Machtkampf der Dienste mit Trump. Immerhin hat dieser gerade den Chef des FBI rausgeworfen - und dessen sehr sonderbare Abschiedsbotschaft konnte man durchaus als Aufruf zum Sturz des Präsidenten lesen.

Das einzige, was wir wirklich lernen: Wir sind längst zu Informations-Geiseln ausgerechnet jener Geheimdienste geworden, deren Allmacht seit der Snowden-Affäre weltweit gefürchtet wird. Man fordert uns auf, uns für unser Urteil über Trump auf Informationen jener Dienste zu stützen, denen wir unser Misstrauen ausgesprochen hatten.

Information und Desinformation - untrennbar miteinander verwoben

Wladimir Putin übrigens hat der Presse mitgeteilt, er werde seinem Außenminister Lawrow einen Tadel verpassen müssen: "Er hat uns diese Geheimnisse gar nicht mitgeteilt. Weder mir noch irgendeinem Vertreter der russischen Geheimdienste. Das war sehr böse von ihm." Putin beliebte zu scherzen. Er war bester Dinge, als er der Presse mitteilte, die Vorwürfe gegen den US-Kollegen seien erfunden. Trump habe dem russischen Außenminister Lawrow keine Geheimnisse verraten. Putin hatte ganz offensichtlich Spaß an der Sache. Kein Wunder. Der Ex-KGB-Mann ist zu Hause in einer Welt, in der Information und Desinformation untrennbar miteinander verwoben sind.

Der Immobilientycoon aus New York dagegen ist dieser Welt offenbar nicht gewachsen.

In der "New York Times" wurde Trump Infantilität bescheinigt. Er wurde mit einem 7-Jährigen verglichen, der nicht ruhig auf seinem Stuhl sitzen kann, der in kurzen und wirren Sätze spreche und den es vor allem nach Anerkennung verlange. Die Times nennt Trump einen "hollow man", einen leeren Menschen und schreibt, die Affäre zeige, wie gefährlich ein solcher Mensch sein könne, da die amerikanischen Institutionen charakterfeste Leute brauchten.

Die "Times" meint zweifellos so charakterfeste Leute wie George W. Bush, der die Welt in den Irak-Krieg hineingelogen hat. Oder Barack Obama, unter dem mehr Whistleblower vom Gesetz verfolgt wurden, die auf Missstände in Armee und Verwaltung hingewiesen hatten, als jemals zuvor.

Apropos Kind - "Kinder an die Macht" hieß ja ein Lied von Herbert Grönemeyer aus dem Jahr 1986.

"Gebt den Kindern das Kommando,
sie berechnen nicht was sie tun.
Die Welt gehört in Kinderhände,
dem Trübsinn ein Ende
wir werden in Grund und Boden gelacht
Kinder an die Macht."

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