Neue Nukleardoktrin Trump soll Mini-Atomwaffen bekommen

Die USA wollen Russland abschrecken - mit kleinformatigen Nuklearwaffen. Das sieht ein Entwurf der neuen amerikanischen Atomwaffendoktrin vor. Kritiker fürchten, dass ein Krieg wahrscheinlicher wird.

B-2-Bomber beim Testabwurf einer B61-Bombe
AFP

B-2-Bomber beim Testabwurf einer B61-Bombe

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Mal wieder typisch, dachten viele in Europa und vor allem in Deutschland: Jetzt will der US-Präsident auch noch neue Atomwaffen entwickeln lassen, und das obendrein mit dem Ziel, sie leichter einsetzen zu können. Gemeint ist George W. Bush, der sich 2005 sogenannte Mini-Nukes zulegen wollte. Doch er scheiterte am Widerstand des Parlaments. Sowohl Abgeordnete als auch die Fachwelt befürchteten, dass die neuen Bomben die Hemmschwelle für einen Atomschlag senken könnten.

Jetzt unternehmen Washingtons nukleare Hardliner den nächsten Anlauf, wie aus einem jüngst bekannt gewordenen Entwurf der neuen US-Atomwaffendoktrin hervorgeht - und diesmal könnten sie erfolgreich sein. Denn im Weißen Haus sitzt jetzt mit Donald Trump ein bekennender Freund von Atomwaffen. Und das Parlament 2018 ist nicht gerade dafür bekannt, sich dem Willen des Präsidenten zu widersetzen.

Der letzte "Nuclear Posture Review" (NPR) entstand 2010, kurz nach der berühmten Prager Rede von Trumps Vorgänger Barack Obama, in der er die Vision einer atomwaffenfreien Welt entwarf. Davon aber kann im Entwurf der neuen Nukleardoktrin, den die "Huffington Post" zuerst veröffentlicht hat, keine Rede mehr sein. Seine Kernthesen:

  • Die globale Bedrohungslage habe sich "dramatisch verschlechtert". Russland und China hätten sich neue Atomwaffen zugelegt, deren Bedeutung in ihren Strategien erhöht und agierten zugleich immer aggressiver. Nordkorea sei dabei, sich ein nukleares Arsenal zuzulegen, und Iran könnte binnen eines Jahres das gleiche tun, sollte das Regime in Teheran den Atomvertrag mit dem Westen brechen.
  • Die nukleare Abschreckung der USA weist eine Lücke auf: Gegner könnten sich ermutigt sehen, begrenzte Schläge mit kleinformatigen Atomwaffen durchzuführen, weil die USA keine genau passende Antwort parat hätten und deshalb vor einem verheerenden Gegenschlag zurückschrecken könnten.
  • Deshalb brauche man statt eines "Einheitsgrößen-Ansatzes" eine "flexible, maßgeschneiderte Nuklearstrategie" mit "vielfältigen Fähigkeiten", darunter neue taktische Atomwaffen.

Seit April arbeitet ein Team unterschiedlicher Autoren an der Doktrin, die im Februar veröffentlicht werden soll. Experten gehen davon aus, dass der jetzt bekannt gewordene Entwurf weitgehend der finalen Version entspricht. "Es wird keine bedeutenden Änderungen mehr geben", sagt Hans Kristensen von der Federation of American Scientists. "Alle Vier-Sterne-Generäle haben den Entwurf abgezeichnet, und er hat wahrscheinlich auch den Segen des Verteidigungsministeriums."

Die angeblich größte Bedrohung? Russland

Für die größte Bedrohung halten die Autoren des Entwurfs offenbar Russland. Im Kreml herrsche der Glaube, dass ein "begrenzter nuklearer Erstschlag" mit Waffen geringerer Sprengkraft einen Vorteil in einer Krise bieten könnte - weil die USA zögern würden, mit ihren deutlich stärkeren Waffen zurückschlagen. Es sei wichtig, "solche Fehlwahrnehmungen zu korrigieren", heißt es im Entwurf.

Unabhängige Experten halten das für wenig überzeugend. "Die USA würden sich quasi selbst abschrecken, weil sie nicht exakt dieselben Waffen haben wie Russland? Das ist reine Fantasie", meint Kristensen. Es gebe zudem keinerlei Beweise, dass die russische Regierung überhaupt so denke, wie es die Autoren behaupteten.

Ebenso ins Reich der Fantasie gehöre die Aussage, die USA verfügten über zu wenig Atomwaffen geringerer Sprengkraft. Zwar gibt es keine fest definierte Grenze zwischen den kleineren taktischen Atomwaffen, die üblicherweise über Stärken von weniger als einer Kilotonne TNT bis hin zu Dutzenden Kilotonnen verfügen, und strategischen Waffen, die bis in den Megatonnen-Bereich reichen können. Kristensen aber hat errechnet, dass die US-Streitkräfte allein mehr als 1000 Waffen mit weniger als 20 Kilotonnen besitzen.

"Das ist ein Viertel des gesamten US-Arsenals", sagt Kristensen. Dass die USA sich erst noch eine "flexible" Nuklearstreitmacht zulegen müssten, sei Unsinn. Ähnlich äußert sich Alexandra Bell, frühere Beraterin im US-Außenministerium und jetzt beim Thinktank Center for Arms Control and Non-Proliferation. Das aktuelle US-Arsenal reiche aus, um die Welt viele Male hintereinander zu zerstören, sagte sie der "Huffington Post". "Deshalb kann man nicht gerade behaupten, dass der Präsident noch mehr von diesen Fähigkeiten benötigt."

Rückkehr der USA zu Atomwaffentests möglich

Unterstützung bekommt sie ausgerechnet von John Hyten, Chef des Strategic Command und damit Oberbefehlshaber der US-Atomstreitmacht. Als er seinen Job angetreten habe, sei er überrascht gewesen über die "flexiblen Optionen, die überall in den Plänen sind", sagte der Vier-Sterne-General im März 2017 bei einer Anhörung im US-Kongress. "Wenn etwas Schlechtes in der Welt passiert", erklärte Hyten, stünde alles "von konventionellen Waffen bis hin zur großen Atomwaffe" bereit. Das sei vor 20 Jahren noch ganz anders gewesen.

Was im NPR-Entwurf dagegen nur am Rande vorkommt, sind Diplomatie und nukleare Abrüstung, zu der die USA als Unterzeichner des Atomwaffensperrvertrags eigentlich verpflichtet sind. Man sei zwar offen für neue Verhandlungen, heißt es - aber nur, wenn sie "die Sicherheit der USA, ihrer Verbündeten und Partner stärken". Noch vager ist der NPR-Entwurf im Bezug auf Atomwaffentests, die laut dem Kernwaffenteststopp-Vertrag verboten sind: Eine Rückkehr der USA zu den Tests sei möglich, sofern dies "notwendig ist, um die Sicherheit und Effektivität des US-Atomwaffenarsenals zu gewährleisten".

Kritiker fürchten Atomschlag aus Versehen

Dabei soll genau das vom umfangreichen Programm zur Modernisierung der US-Atomwaffen erreicht werden, das in den kommenden 30 Jahren etwa eine Billion Dollar verschlingen wird. Geplant ist auch das Aufrüsten taktischer Waffen wie den in Deutschland stationierten B61-Fliegerbomben.

Ein Abzug der B61 aus Deutschland, den die Bundesregierung noch vor wenigen Jahren gefordert hat, erscheint deshalb kaum denkbar. Die runderneuerte B61, heißt es im NPR-Entwurf, spiele "eine Schlüsselrolle in der fortgesetzten regionalen Abschreckung". Die Vermutung liegt nahe, dass sich die Stationierung der nun erwünschten neuen Atomwaffen vor allem auf Europa konzentrieren könnte.

Kritiker, darunter ehemalige amerikanische Senatoren und Diplomaten, befürchten eine steigende Wahrscheinlichkeit, dass ein Atomkrieg durch ein Versehen oder ein Missverständnis ausgelöst werden könnte. Die Folgen könnten verheerend sein, denn klein sind heutige taktische Waffen keineswegs. Die Bombe, die Hiroshima verwüstet hat, verfügte über eine Sprengkraft von 13 Kilotonnen TNT. Sie würde heute als "Waffe mit geringer Sprengkraft" durchgehen.


Zusammengefasst: Die neue US-Nukleardoktrin sieht die Entwicklung neuer, kleinformatiger Atomwaffen vor - um vor allem Russland abzuschrecken. Das steht in einem jetzt bekannt gewordenen Entwurf des Dokuments. Experten halten das nicht nur für gefährlich, sondern auch für vollkommen unnötig.

insgesamt 89 Beiträge
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spon-facebook-10000523851 16.01.2018
1. Krieg wird taeglich
wahrscheinlicher. Ist in unserem DNA. Frieden ist lediglich die Abwesenheit von Krieg und wie und die Geschichte lehrt, sind immer groessere Kriege die Vorlaeufer zu laenger anhaltendem Frieden. Wer da glaubt, wir koennten in Frieden und Freude in unserem Weltdorf zusammenleben irrt. Zumindest mal fuer die naechsten 500 oder mehr Jahre. Wir sind einfach nicht so gestrickt und traeumen bringt uns nicht weiter.
hupi84 16.01.2018
2.
Ich warte auf den Tag, an dem sich die Amis ausversehen einfach selber hochjagen. Aber da ist man ja clever genug und stellt den Kram einfach in Europa auf...
Gmorker 16.01.2018
3. strategisch vs. taktisch
Solche "kleinformatige" Atomwaffen, also taktische Waffen, haben normalerweise (sofern man bei Atomwaffen überhaupt von normal sprechen kann) den Sinn, das man sie nicht zur Abschreckung, sondern zur Zerstörung lohnender Ziele einsetzt. Insofern halte ich diese Entwicklung für vollständig in die falsche Richtung. Die großen strategischen Brummer erfüllen den "Zweck", das beide Seiten sie haben und beide Seiten wissen "wenn ich sie einsetze, setzen die anderen sie auch ein und die erde ist futsch"... und die Konsequenz nach "Wargames" ist: schön ruhig bleiben und nicht einsetzen. Bei den kleinen Dingern ist diese Hemmschwelle nicht im selben Maße gegeben, was die Einsatzwahrscheinlichkeit erhöht und das kann kein zivilisierter Mensch für gut erachten.
betonklotz 16.01.2018
4. Wer braucht da Geld?
Droht irgendeine Rüstungsschmiede dichtmachen zu müssen, weil die Folgeaufträge fehlen? So oder so ähnlich stelle ich mir die Hintergründe vor. Rüstungsaufträge werden ja in den seltensten Fällen nach militärischer Notwendigkeit vergeben.
thommy05 16.01.2018
5. ja ja, der alte Albert
manche Leute glauben nach 60. Jahren noch immer , einen Atomkrieg führenbzw gewinnen zu können. Der alte Albert hat noch immer Recht mit seiner Unsicherheit bezüglich der Endlichkeit des Universums vs der menschlichen Dummheit
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