Reaktionen zu Trumps Treffen mit Putin "Einzigartig naiv oder vorsätzlich ignorant"

"Der Kreml kann sich niemand Besseren im Weißen Haus wünschen": Internationale Medien sehen Wladimir Putin als Sieger des Gipfels mit Donald Trump. Die US-amerikanische Presse rechnet mit ihrem Präsidenten ab.

Donald Trump (l.), Wladimir Putin
AP

Donald Trump (l.), Wladimir Putin


In einer Sache waren sich US-Präsident Donald Trump und Kremlchef Wladimir Putin bei ihrem ersten Gipfeltreffen besonders einig: Eine Einmischung der russischen Regierung in die US-Präsidentschaftswahl 2016 hat es nicht gegeben - ganz gleich, zu welchem Ergebnis der amerikanische Geheimdienst zuvor gekommen war (lesen Sie hier einen Kommentar zu dem Thema). Putin legte anschließend in einem Interview noch nach und sagte, die Ermittlungen der USA interessierten ihn "kein bisschen". Selbst US-Republikaner zeigten sich empört über die fehlende Gegenwehr ihres Präsidenten.

Während Trump nun versuchen muss, in der Heimat die Wogen zu glätten, legt die internationale Presse nach. Lesen Sie hier eine Auswahl.

"New York Times", USA: "Das Spektakel war schwer zu begreifen: Herr Trump stand nur Zentimeter neben einem autokratischen Gangster, der Staatsgebiet stiehlt und seine Widersacher ermorden lässt, und untergrub die einstimmige Schlussfolgerung seiner eigenen Sicherheitsdienste und Strafverfolgungsbehörden, dass die russische Regierung sich mit dem Ziel, Trump zum Sieg zu verhelfen, in die Wahl 2016 eingemischt hat. (...) Herr Trump scheint einzigartig naiv oder vorsätzlich ignorant darüber zu sein, warum seine leitenden Berater zu nationaler Sicherheit Russland neben China als einen von Amerikas obersten Gegnern identifiziert haben."

Twitter-Wutrede von Arnold Schwarzenegger gegen Trump im Video:

Twitter/@Schwarzenegger

"Washington Post", USA: "Präsident Trump hat weitreichenden Erfolg in einem klaren, unangekündigten Ziel: Russland wieder großartig zu machen (to Make Russia Great Again). Trumps Gipfel in Helsinki hat einen weiten Weg zurückgelegt, um Putins am höchsten geschätztes Ziel zu erreichen: seine riesige und komplizierte Nation zurückzuführen zu ihrem erhabenen geopolitischen Status, den sie als Teil der Sowjetunion lange genossen hat. (...) Die netteste Analyse wäre noch, dass Trump für Putin einfach ein nützlicher Idiot ist. Trump stützt diese Ansicht mit seiner atemberaubenden Ignoranz von Geschichte und Kontext."

"Nesawissimaja Gaseta", Russland: "Die USA versuchen Russland auf ihre Seite zu ziehen - vor allem bei den internationalen Konfrontationen mit anderen Mächten wie mit Iran und China. Auch das lässt sich zwischen den Zeilen der Verhandlungen zwischen Trump und Putin in Helsinki lesen. Schon während der Begrüßung haben beide sofort alle wichtigen Punkte des historischen Gipfels abgeklopft. Alles kam wie erwartet. Doch gleichzeitig hat sich der Chef des Weißen Hauses das Thema China auf die Fahne geschrieben. Und nun kann man sich ausmalen, dass er sich wünscht, Putin in diesen Handelskrieg hineinzuziehen."

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Trump trifft Putin: Der Gipfel von Helsinki

"Handelsblatt", Deutschland: "Dass Trump dabei ist, sowohl die EU - die er zuletzt Amerikas Feind nannte - wie auch die Nato zu spalten, spielt Putin in die Hände. Putin braucht eine Schwächung und Spaltung der EU, um Russlands Stellung in Europa auszubauen, die EU-Staaten energiepolitisch vom Kreml abhängig zu machen, die Sanktionen gegen sein Land zu vereiteln und seine geostrategische Position zu stärken. Es ist deshalb an der Zeit, dass im Westen einige wach werden, vor allem im Europa zersetzenden, immer autoritärer werdenden Osten der EU. Sonst wiederholt sich Geschichte eben doch als Farce. Es ist dringend geboten, dies zu durchkreuzen - gegenüber Putin und Trump."

"Neue Zürcher Zeitung", Schweiz: "Was Trump mit seiner eigenartigen Anbiederung an Putin bezweckt, bleibt ein Rätsel. Sicher ist nur, dass sich der Kreml keinen besseren Akteur im Weißen Haus wünschen kann als ihn - einen Mann, der es in kürzester Zeit geschafft hat, das westliche Bündnis zu zerrütten und die einst so wichtigen Beziehungen mit Berlin, London und Paris toxisch zu machen, der aber auch die amerikanischen Institutionen untergräbt und zugleich naiv darüber hinwegsieht, wie Russland die USA auf dem nahöstlichen Schachbrett ausmanövriert. (...) Wie schon von seinem bombastischen Gipfeltreffen mit dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un in Singapur kehrt Trump auch aus Helsinki nur mit dem vagen Versprechen auf Fortschritte in der Zukunft zurück."

"Tiefpunkt in der Geschichte der amerikanischen Präsidentschaft"

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"De Telegraaf", Niederlande: "Wladimir Putin (...) ist vom mächtigsten Mann der Welt (...) zurück an die Spitze gebracht worden. Er ist dort, wo er sein wollte. Auf Augenhöhe mit Trump. (...) Donald Trump machte, ähnlich wie beim Gipfeltreffen mit Kim Jong Un, wieder einmal deutlich, dass er eine Vorliebe für sogenannte starke Führer hat. Ein Ausdruck, der zu flau ist, um dem korrupten Regime von Putin gerecht zu werden, und lächerlich angesichts des diktatorischen Regimes von Kim Jon Un. Im Fall Putins scheint Trump gar fast dem Kurs Moskaus zu folgen. Putin reibt sich die Hände, denn die EU wird durch einen Handelskrieg geschwächt und die Einheit der Nato wird durch den unberechenbaren amerikanischen Kurs bedroht."

"El Mundo", Spanien: "Europa blickt mit Sorge auf die Früchte des ersten Treffens von Donald Trump und Wladimir Putin. Der Griff, mit dem beide Führer den Kontinent festhalten, ist zunehmend besorgniserregend. (...) Von Russland war nie viel zu erwarten, zumindest nicht seit Putin an die Macht kam. Aber jetzt gilt das gleiche für die Vereinigten Staaten, die von einem Trump geführt werden, der einen Handelskrieg gegen die EU angezettelt hat und diese jedes Mal kritisiert, wenn er europäischen Boden betritt. Die Diplomatie verblasst vor der Realpolitik, die die beiden Führer praktizieren."

"La Vanguardia", Spanien: "Putin war gestärkt durch den organisatorischen Erfolg der WM nach Helsinki gekommen, und Trump kam, nachdem er rechts und links gegen seine Nato-Verbündeten gewettert und die britische Premierministerin kritisiert hatte. Putin verlässt die finnische Hauptstadt, nachdem er ein Doppelziel erreicht hat: internationale Legitimität und die Anerkennung von Russland als Weltmacht. Trump hinterlässt das Gefühl, seinem "Konkurrenten", wie er Putin definierte, viele Zugeständnisse gemacht zu haben. Beide stimmen aber darin überein, dass sie an einer geschwächten Europäischen Union interessiert sind."

Handschlag zwischen Donald Trump und Wladimir Putin
AP

Handschlag zwischen Donald Trump und Wladimir Putin

"Hospodarske noviny", Tschechien: "Der direkte Dialog ist besser als Schweigen oder die Übermittlung von Nachrichten über die Medien. Doch angesichts der ihm beigemessenen Bedeutung erscheinen die Ergebnisse des Gipfeltreffens am Ende ein wenig mager. Trump und Putin haben grundsätzlich übereingestimmt, dass sie versuchen werden, zusammenzuarbeiten und Vereinbarungen zu erreichen - zum Beispiel in der Frage einer möglichen nuklearen Abrüstung, bei der weiteren Entwicklung in Syrien und in der Ukraine sowie beim Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Eine konkrete Initiative haben sie indes nicht vorgestellt. Und selbst die allgemein formulierten Themenbereiche einer möglichen Zusammenarbeit sind mit grundsätzlichen Fragezeichen versehen."

"Times", Großbritannien: "Das Schweigen Trumps zur Ukraine war beschämend. Aber vielleicht am beunruhigendsten war die Weigerung des US-Präsidenten, sein eigenes Land zu verteidigen, als er gefragt wurde, ob er an eine russische Einmischung bei den amerikanischen Wahlen glaube. Es ist schwer vorstellbar, dass auch nur einer seiner Amtsvorgänger eine derart prorussische Linie vertreten hätte.(...) Alles in allem hat der Gipfel einen schalen Beigeschmack hinterlassen, der dem Ziel Russlands dient, den Westen zu irritieren. Während Trump grob zu seinen offenkundigen Verbündeten in Europa war, verhielt er sich Putin gegenüber kriecherisch. Es ist klar, dass die Bündnisse, auf denen sich die Weltordnung gründet, in Gefahr sind."

"Politiken", Dänemark: "Dass sich die Präsidenten der USA und Russlands treffen und miteinander reden, sollte gut sein. Aber zu sehen, wie Donald Trump die USA repräsentiert, ist schmerzhaft. [...] Die Pressekonferenz in Helsinki war grotesk. Trump war mehr daran interessiert, auf Abstand zur Justiz in seinem eigenen Land zu gehen, als an Putins Versuch, Russlands Unschuld zu beteuern. [...] In einer Sitcom würde das übertrieben rüberkommen. Dass allerdings der US-Präsident so unzusammenhängend, umständlich und schlecht überlegt spricht, ist peinlich und beängstigend. [...] Für Europa ist Trump ein Albtraum geworden, der überstanden werden muss. Für die USA ist Trump ein reguläres Problem, das der amerikanischen Glaubwürdigkeit, ihrem Ruf und Status schadet."

"La Croix", Frankreich: "Russland war geschwächt in diese Gespräche gegangen. Aber Wladimir Putin, der seine Verhandlungen 'sehr gelungen und wichtig' fand, geht aus ihnen gestärkt hervor. In dieser ganzen Angelegenheit hat Donald Trump den US-Kongress und seine Regierung getäuscht, die auf einer harten Linie gegenüber Moskau beharrt hatten. Er hat seine Verbündeten der Nato und der EU irritiert, nachdem er ihnen in der ganzen vergangenen Woche Rügen erteilt hatte. Diese Spektakel-Diplomatie ist wie der von Donald Trump begonnene Handelskrieg beunruhigend und bereitet ganz sicher nichts Handfestem den Weg."

aev/dpa

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