Schlagabtausch mit Premier Imran Khan Trump-Tweets stürzen USA in Krise mit Pakistan

US-Präsident Trump teilt via Twitter gegen Pakistan aus. Premier Khan, dort ebenso aktiv, keilt via Kurznachrichten zurück - und lässt den US-Botschafter einbestellen.

Donald Trump
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Es begann wie so oft bei Donald Trump mit einer undiplomatischen Aussage. In einem Interview mit "Fox News" verteidigte der US-Präsident am Sonntag seine Entscheidung, mehrere hundert Millionen Dollar, die als Entwicklungshilfe für Pakistan vorgesehen waren, nicht auszuzahlen. "Ich habe es beendet, weil sie nichts für uns tun, sie tun keine verdammte Sache für uns", schimpfte er.

Dann legte er am Montag via Twitter nach. Die USA hätten Osama Bin Laden viel früher erwischen müssen, nicht erst im Mai 2011, als er in einer geheimen US-Militäraktion im pakistanischen Abbottabad aufgespürt und getötet wurde. "Wir haben Pakistan Milliarden von Dollar gezahlt, und sie haben uns nie gesagt, dass er dort lebt. Idioten!"

Diese harsche Kritik wollte die pakistanische Regierung nicht auf sich sitzen lassen. Premierminister Imran Khan, ebenfalls ein Populist und ebenso gern auf Twitter unterwegs wie Trump, antwortete mit mehreren Kurznachrichten - und diplomatischen Konsequenzen.

Trumps "falsche Behauptungen" würden die Verletzungen vergrößern, die Pakistan ohnehin schon im "Krieg gegen den Terror" der USA bezüglich Menschenleben, Destabilisierung und wirtschaftlicher Kosten erlitten habe. "Er muss über historische Fakten informiert werden", schrieb er über Trump. "Pakistan hat genug gelitten dadurch, dass es den Krieg der USA führt. Ab jetzt tun wir, was am besten für unser Volk und in unserem Interesse ist."

Fakten und Diplomatie gegen Trumps Behauptungen

In weiteren Tweets liefert Khan einige Fakten, die Trumps Ansichten widersprechen. So sei kein einziger Pakistaner in die Terroranschläge vom 11. September involviert gewesen, dennoch habe Pakistan an der Seite der USA gekämpft. Im Zuge des Antiterrorkriegs seien 75.000 Pakistaner getötet worden, Pakistans Wirtschaft habe 123 Milliarden Dollar verloren - die US-Hilfe hingegen habe "unbedeutende 20 Milliarden Dollar" betragen. Stammesgebiete entlang der Grenze zu Afghanistan seien zerstört worden, Millionen Menschen hätten ihr Zuhause verloren. "Der Krieg hatte drastischen Einfluss auf das Leben einfacher Pakistaner."

Imran Khan
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Imran Khan

Und dann: "Anstatt Pakistan zum Sündenbock für ihre Fehler zu machen, sollten die USA eine ernsthafte Einschätzung vornehmen, warum, trotz 140.000 Nato-Soldaten plus 250.000 afghanischer Soldaten und angeblich einer Billion Dollar für den Krieg in Afghanistan, die Taliban heute stärker denn je sind."

Doch mit dem Schlagabtausch via Twitter war die Sache für die Regierung nicht erledigt. Am Dienstag bestellte das pakistanische Außenministerium in Islamabad den Geschäftsträger der dortigen US-Botschaft ein. Staatssekretärin Tehmina Janjua brachte gegenüber Botschafter Paul Jones die Enttäuschung ihrer Regierung über die "ungerechtfertigten und unbegründeten Anschuldigungen" zum Ausdruck. Eine solche Rhetorik, wie Trump sie pflege, sei "völlig inakzeptabel".

Antiamerikanische Proteste in Pakistan (Archivbild)
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Antiamerikanische Proteste in Pakistan (Archivbild)

Ungleiche Partnerschaft

Die Beziehungen zwischen den USA und Pakistan sind schon seit Jahren geprägt von Ablehnung und Partnerschaft gleichermaßen. Pakistan ist nicht erst seit 9/11 ein Partner der USA - bereits in den Siebziger- und Achtzigerjahren war das Land der wichtigste Verbündete im Kampf der Amerikaner gegen die Rote Armee in Afghanistan. Kaum waren die Sowjets allerdings besiegt, ließ Washington damals seinen Partner fallen.

Gleichwohl ist Kritik an Pakistan durchaus berechtigt: Militärdiktator Zia ul-Haq hatte in dieser Zeit, mithilfe von Geld aus den USA, das Land radikal islamisiert, Tausende von Koranschulen gegründet, eine islamische Gesetzgebung eingeführt und eine Armee von Gotteskriegern herangezüchtet, die er künftig im Interesse Pakistans einsetzte - vor allem in Afghanistan und im Kampf gegen Erzfeind Indien.

Fakten über Pakistan
Staatsgründung
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Pakistan entstand 1947 aus den überwiegend muslimischen Teilen von Britisch-Indien. Zunächst bestand es aus den beiden Landesteilen West- und Ostpakistan, zwischen denen mehr als 1500 Kilometer Entfernung lagen. Beiden Teilen mangelte es jedoch an einer gemeinsamen nationalen Identität. Nach einem Krieg, bei dem Indien dem Osten half, entstand 1971 als neuer Staat Bangladesch .
Kaschmir-Konflikt
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Seit der Staatsgründung führte Pakistan zwei große Kriege mit dem Nachbarn Indien um die Grenzregion Kaschmir , 1947/48 und 1965. Der Fürstenstaat Kaschmir hatte sich zunächst zu Indien zugehörig erklärt. Der islamische Staat Pakistan beanspruchte das überwiegend von Muslimen bewohnte Kaschmir jedoch für sich und gewann die Herrschaft über den westlichen und nördlichen Teil der Region. Doch auch Indien betrachtete Kaschmir als sein Territorium. Die von der Uno 1948 vorgeschlagene und vom indischen Premierminister versprochene Volksabstimmung, in der die kaschmirische Bevölkerung selbst über ihre Zukunft entscheiden sollte, wurde nie durchgeführt.

Seit den achtziger Jahren kämpfen im indischen Teil Kaschmirs muslimische Rebellen für die Unabhängigkeit der Region oder einen Anschluss an Pakistan. 1999 kam es wieder zu größeren militärischen Auseinandersetzungen mit mehreren hundert Toten, und 2001 standen die Atommächte Indien und Pakistan erneut am Rande eines Krieges. 2004 wurde ein Friedensprozess zwischen Neu-Delhi und Islamabad eingeleitet.

Der pakistanische Geheimdienst ISI steht im Verdacht, Kontakte zu islamistischen Terroristen zu pflegen. Indien wirft Pakistan die Unterstützung muslimischer Terroristen vor. Auch hinter der Anschlagserie in Mumbai 2008 vermutet Neu-Delhi islamistische Terroristen aus Pakistan.

Islam
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Mit der Verfassung von 1956 wurde Pakistan die erste islamische Republik der Welt. Der Islam ist Staatsreligion, gleichzeitig garantiert die Verfassung jedoch Religionsfreiheit. 96 Prozent der Pakistaner sind Muslime, der Präsident muss ebenfalls Muslim sein. Seit der Staatsgründung haben Spannungen zwischen verschiedenen Gruppen über die Rolle des Islam im Staatsverständnis die Innenpolitik beherrscht.

Immer wieder gab es auch islamistische Tendenzen. So führte Diktator Zia ul-Haq die Scharia , die islamische Rechtsprechung, ein. 1997 erkannte Pakistan als erster Staat das extremistische Taliban -Regime in Afghanistan an und unterstützte es bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001 . Während die Zentralregierung in Islamabad zu einem der wichtigsten Verbündeten der USA im Anti-Terror-Krieg avancierte, erstarkte die islamistische Opposition im Land.

Macht der Taliban
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In den Stammesgebieten in der nordwestlichen Provinz an der Grenze zu Afghanistan hat die pakistanische Zentralregierung nur begrenzten Einfluss. Dort herrschen islamistische Extremisten und pakistanische Taliban , die sich teilweise auf die Hilfe der regionalen Stammesführer stützen. Die Enttäuschung über die korrupte staatliche Justiz und Verwaltung erhöhte die Attraktivität des Islamismus in der Bevölkerung.

Verstärkung erhielten die radikalen Islamisten von afghanischen Taliban aus den Reihen von Mullah Omar sowie Qaida -Kämpfern, die aus Afghanistan geflohen sind. Militante betreiben hier in Waziristan auch Ausbildungslager für international operierende Dschihadisten.

Kampf gegen die Extremisten
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Die pakistanische Armee führte ab 2003 wiederholt Militäraktionen im Nordwesten gegen die Taliban - und Quaida -Terroristen durch. Als Reaktion verübten Terroristen verheerende Anschläge in pakistanischen Städten.

Die Amerikaner versuchen, die islamistischen Extremisten in ihren pakistanischen Verstecken mit ferngesteuerten Präzisionsraketen zu treffen. Doch diese Drohnen -Angriffe sind bei der Bevölkerung äußerst unpopulär und treiben die Menschen in die Arme der militanten Islamisten.

Das pakistanische Militär scheute zunächst die ernsthafte Konfrontation mit den Extremisten. Die Armee und der pakistanische Geheimdienst ISI haben diese Gruppierungen zum Teil Anfang der achtziger Jahre selbst aufgebaut, um im Kampf gegen die Sowjets in Afghanistan mitzumischen, und haben sie später im Kaschmir-Konflikt eingesetzt. Und noch immer betrachten viele Offiziere die Taliban nicht als ihren eigentlichen Gegner – der wahre Feind sei Indien .

Um die Aufständischen in den Stammesgebieten ruhigzustellen, versuchte schon Präsident Pervez Musharraf , Abkommen mit ihnen zu schließen, und versagte. Im April 2009 scheiterte ein Friedensabkommen, das sein Nachfolger, Staatschef Asif Ali Zardari , ausgehandelt hatte: Die Taliban sollten die Waffen niederlegen und im Gegenzug in der Region Malakand, zu der das Swat-Tal und fünf weitere Distrikte gehören, die Scharia anwenden dürfen. Mit Hilfe des islamischen Rechts können sich die Taliban die Bevölkerung legal gefügig machen - wer sich gegen ihre Herrschaft auflehnt, wird geköpft. Statt einer Feuerpause brachten sie vom Swat-Tal aus mehrere Distrikte unter ihre Kontrolle und rückten bedrohlich nahe an die Hauptstadt Islamabad heran, bis die Armee im Frühjahr 2009 eingriff und die Gebiete zurückeroberte. Im Oktober 2009 begann das Militär außerdem einen Krieg gegen die Taliban in der Region Südwaziristan.

Atomwaffen
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1985 wurde in Pakistan erstmals Uran angereichert, seit 1998 besitzt das Land nachweislich Atomwaffen : Nur Tage nach indischen Atomtests zündete Pakistan im Mai 1998 in der Nähe der unbewohnten Chagai-Berge erfolgreich Kernwaffen. Die genaue Zahl der atomaren Sprengköpfe ist nicht bekannt, aber es sollen 60 bis 100 sein, die an verschiedenen Stellen im Land gelagert und von rund 10.000 Soldaten bewacht werden.

Damit gehört Pakistan neben den fünf offiziellen Atommächten USA, Russland, Großbritannien, Frankreich und China sowie Indien, Israel und Nordkorea zum Kreis der neun Nuklearmächte, was die Bedeutung des verarmten Landes stark erhöht.

Militärbeobachter befürchten, Nuklearwaffen aus dem pakistanischen Waffenarsenal könnten aufgrund der Instabilität des Landes in die Hände von Extremisten fallen. Diese hätten damit ein Mittel in der Hand, dem Westen ihre Bedingungen zu diktieren. Geschürt wird die Angst vor diesem Horrorszenario dadurch, dass die Taliban in den vergangenen Monaten ihre Basis in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan ausgebaut haben. Im April 2010 rückten sie bis auf 100 Kilometer Entfernung auf die Hauptstadt Islamabad vor, bevor sie vom pakistanischen Militär zurückgedrängt wurden.

Auch der Vorwurf Trumps, Pakistan habe später nicht genug gegen Bin Laden getan, ist nicht gänzlich falsch. Tatsächlich hat Bin Laden jahrelang unbehelligt an verschiedenen Orten in Pakistan gelebt - zuletzt abgeschirmt in einem von einer hohen Mauer umgebenen Haus. So gut wie nie verließ er das Gebäude, und nur in einer jahrelangen, aufwendigen Fahndung mithilfe von Satelliten und DNA-Prüfungen ließ er sich aufspüren.

Dass er jedoch ganz in der Nähe der wichtigsten pakistanischen Militärakademie und damit in einer besonderen Sicherheitszone lebte, wo jeder Bewohner genau registriert wurde, lässt nur zwei Schlüsse zu: Entweder gab es eine Komplizenschaft zwischen pakistanischen Militärs und Bin Laden, oder die Armee und ihr Geheimdienst ISI waren inkompetent. Offiziell beruft die Regierung in Islamabad sich darauf, in diesem Fall hätten die Sicherheitsbehörden versagt. Aber vielleicht ist das auch nur weniger peinlich als eine Komplizenschaft.

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Richtig ist, dass Pakistan große Opfer gebracht hat im Kampf gegen Terroristen. Kein anderes Land hat so viele Terroranschläge erlitten, weil Extremisten es ab dem Moment, als das Land sich 2001 zum Partner der USA im Krieg gegen die Taliban erklärte, als Feind sahen. Tatsache ist aber auch, dass ein pakistanisches Gericht den Arzt Shakil Afridi, der den USA bei der Suche nach Bin Laden half, wegen Hochverrats zu einer langjährigen Gefängnisstrafe verurteilt hat, anstatt ihn zum Helden zu erklären.

Die USA wiederum haben Pakistan immer wieder enttäuscht, zum Beispiel mit mehreren Spionageaffären und dem jahrelangen Drohnenkrieg im Westen Pakistans, der Tausende von Menschenleben gefordert hat. Immer wieder hat Washington Hilfsgelder zusammengestrichen und mit einem Abbruch der Beziehungen gedroht. Am Ende waren beide Länder dann doch wieder aufeinander angewiesen.



insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
quantumkosh 20.11.2018
1. Einerseits...
...hat Trump ja nicht unrecht, ohne Kontakte in hohen pakistanischen Rängen hätte bin Laden niemals sein "Safe House" in dort unterhalten können. Wenn man hingegen das politische Parkett betrachtet bleibt manches besser unausgesprochen, in der Hinsicht verhält sich Trump (mal wieder) wie jemand der den Füllstand eines Tanks mit einem brennenden Streichholz prüft.
MyMoon 20.11.2018
2. Trumpismus
Wenn man sich das so anschaut kommt einem der Verdacht daß Trump wirklich von den Russen installiert wurde so wie er alle möglichen langjährigen, treue Alliierte vergrault. Keine russische oder chinesische Politik würde das so schnell hinbekommen wie die Trump Regierung. Ganz Afrika und die dritte Welt als shithole countries beleidigen, Beziehungen zu Mexiko und Kanada schadigen, Klima- und Iran Abkommen einseitig kündigen, Botschaft nach Jerusalem statt Tel Aviv. Die Nato für obsulet erklären und sich dann wundern wenn die EU sich selbst verteidigen möchte.... Handelskrieg mit China und Sanktionen für Russland sind das einzige was noch nicht ins Bild passt. Sonst wüsste man wer der Auftraggeber Trumps ist. Nun Pakistan vergraulen, China und Russland freuen sich und müssen nur die Scherben aufsammeln.
Atheist_Crusader 20.11.2018
3.
Zitat von quantumkosh...hat Trump ja nicht unrecht, ohne Kontakte in hohen pakistanischen Rängen hätte bin Laden niemals sein "Safe House" in dort unterhalten können. Wenn man hingegen das politische Parkett betrachtet bleibt manches besser unausgesprochen, in der Hinsicht verhält sich Trump (mal wieder) wie jemand der den Füllstand eines Tanks mit einem brennenden Streichholz prüft.
...zumal das Land ja erst kürzlich wieder vor den Islamisten in die Knie ging. Was Pakistan im Krieg gegen den Terror erlitten hat in unbestreitbar, kann man aber nur zum Teil den USA anlasten. Der Rest der Schuld liegt bei ihnen selbst. Wer Terroristen als fromme Gläubige verklärt, wer gar noch versucht sie als Werkzeuge gegen seine Feinde einzusetzen (z.B. gegen die Inder), der muss sich nicht wundern wenn sie zurückbeißen. Diese Menschen glauben es sei ihr gottgegebenes Recht über alles zu herrschen, entsprechend wird die pakistanische Regierung auch nur vorübergehend geduldet. Auf lange Sicht muss sie entweder mit Islamisten besetzt werden - oder beseitigt. Das weiß die Regierung, oder zumindest müsste sie das. Dennoch hat sie sich eins ums andere Mal der Unterstützung oder zumindest Duldung dieser Leute schuldig gemacht. Wer jeden Tag mit Benzin duscht, ist zwar zu Recht verärgert über den Typen der mit Streichhölzern spielt, aber ist eben auch mit Schuld an seiner Lage. Aber Trump ist halt der Letzte der ein Recht hat das zu kritisieren. Sein Islambild kennen wir ja: Muslime die ihm Geld geben (wie die Saudis) sind die Guten, alle anderen sind die bösen.
dirkcoe 20.11.2018
4. Es ist doch wie immer
Trump dreht frei und in seinem Paralleluniversum ist eben alles so, wie sein ach so großes Hirn es sich gerade zusammen phantasiert. Fakten sind da sinnlos - die erreichen Opa Trump ja nicht einmal.
nachdenklich1 20.11.2018
5. In einem Rechtsstaat
hat auch ein mutmaßlicher Straftäter Anspruch auf ein ordentliches Gerichtsverfahren. Übrigens wurde Bin Laden zwar für vieles verantwortlich gemacht, aber nie von der US Justiz für die Verbrechen von 9/11 angeklagt. Im Steckbrief über bin Laden steht nichts dergleichen...
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