Debatte um Neuauszählung Jetzt streut selbst Trump Zweifel am Wahlergebnis

Donald Trump ist genervt von der Diskussion über eine mögliche Neuauszählung von Wählerstimmen. Als Reaktion greift er Hillary Clinton an - und spekuliert selbst über Millionen "illegale Wähler". Was treibt ihn?

Donald Trump
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Von , Washington


Zum Thanksgiving-Wochenende hatte Donald Trump eine besondere Botschaft an alle US-Amerikaner. Er bete dafür, so betonte der neu gewählte US-Präsident in einem kurzen Video, dass sein Land nach der heftigen Wahlkampfsaison nun zusammenfinden werde: "Es ist an der Zeit, das Vertrauen unter den Bürgern wiederherzustellen. Denn wenn Amerika vereint ist, gibt es nichts, was für uns unerreichbar ist."

Das waren ungewohnt freundliche Sätze - nur hielten sie nicht lange vor: Offenbar schwer genervt von der Diskussion über eine mögliche Neuauszählung der Stimmen in Wisconsin, Michigan und Pennsylvania beendete der Milliardär am Wochenende wieder seine versöhnliche Tonlage. Auf Twitter arbeitete er sich an Hillary Clinton ab, und am Sonntagnachmittag ließ er sich zu der Behauptung hinreißen, "Millionen Menschen" hätten "illegal gewählt". Ziehe man diese ab, so Trumps These, hätte er neben den Wahlmännern auch die Mehrheit der insgesamt abgegebenen Stimmen geholt - jene Kategorie also, in der die Demokratin einen klaren Vorsprung hat.

Belege für die angeblich so vielen "illegalen Wähler"? Gab's nicht.

Man hat ja schon Vieles erlebt in diesem Jahr, aber dass ein gewählter Präsident selbst Zweifel an jenem Ergebnis streut, das ihn zum Sieger machte, ist schon ein besonderer Vorgang.

Trump hat eigentlich viel zu tun: Er muss das tief gespaltene Land auf den Regierungswechsel vorbereiten, er muss sein Kabinett füllen und die großen Linien seiner Präsidentschaft erarbeiten. Stattdessen aber verbreitet er eine Verschwörungstheorie und befeuert damit eine Debatte darüber, wie sehr dem System zu vertrauen ist. Paul Krugman, der große amerikanische Ökonom, sieht sein Land bereits auf dem Weg in eine Bananenrepublik.

Noch am Sonntagabend kursierten gleich mehrere mögliche Erklärungen für Trumps Agieren. Die einen spekulierten, der Wahlsieger wolle all jenen eins auswischen, die sich immer noch nicht mit seinem Sieg abfinden können. Andere meinten, Trump könne schlicht den Ärger über die anstehenden Neuauszählungen nicht unter Kontrolle halten. Wieder andere glaubten, er wolle von der Diskussion über seine Interessenkonflikte ablenken oder schon mal vorsorglich einen Hinweis darauf geben, dass das Wählen unter ihm noch schwerer werden könnte als ohnehin.

Für welche Variante auch immer man sich entscheidet: Wirklich beruhigend ist keine von ihnen. Trump sitzt bald im Oval Office und man fragt sich, wie er eigentlich reagieren wird, wenn es mal wirklich eine Krise in seinem Land gibt.

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Trump lässt seiner Aufregung bei Twitter freien Lauf

Wie sehr ihn die Diskussion um eine Neuauszählung der Stimmen in einigen wenigen Staaten beschäftigt, zeigte sich bereits, als Trump aus seinem Luxusanwesen Mar-a-Lago in Florida um kurz nach sieben Uhr am Sonntagmorgen eine ganze Serie an Tweets absetzte. Er erinnerte unter anderem daran, dass Clinton am Morgen nach der Wahlnacht öffentlich ihre Niederlage eingestanden habe. "Wir müssen das Ergebnis akzeptieren und in die Zukunft blicken. Donald Trump wird unser Präsident sein", twitterte Donald Trump die entsprechenden Zitate der Demokratin. Die Neuauszählung koste nur Geld und Zeit, kritisierte der Milliardär: "Für das gleiche Ergebnis! Traurig."

Trumps Aufregung ist auch insofern erstaunlich, als dass er sich eigentlich in einer recht komfortablen Lage befindet. Die von der grünen Präsidentschaftskandidatin Jill Stein angestoßene Neuauszählung in Wisconsin ist kein wirklich vielversprechendes Manöver. Trumps Vorsprung dort ist mit rund 10.000 Stimmen zwar recht knapp, aber selbst wenn der "recount" überraschend Clinton als Siegerin ergäbe, müsste die Demokratin außerdem das Ergebnis in Michigan und Pennsylvania drehen, um doch noch ins Weiße Haus einzuziehen.

Ob dort überhaupt noch einmal nachgezählt wird, ist auch angesichts des Vorsprungs von Trump in Pennsylvania offen: Er führt dort mit 70.000 Stimmen, eine Umkehrung des Wahlergebnisses ist äußerst unwahrscheinlich. Und so dürfte es für ihn wohl nur dann wirklich ungemütlich werden, wenn die Untersuchungen gezielte Manipulationen an den Wahlcomputern zeigten. Dafür gibt es bislang aber keine Anzeichen.

Nicht einmal in Clintons Team geht man davon aus, dass sich am Resultat etwas ändert.

In ihrer Mannschaft weiß man, wie umstritten Steins Manöver ist, auch in den eigenen Reihen: Gerade im Lager von Präsident Barack Obama, der auf einen möglichst unkomplizierten und ruhigen Machtwechsel drängt, hält man nichts davon.

Clintons Anwälte wollen der grünen Kandidatin die Initiative überlassen, haben allerdings betont, die Neuauszählung unterstützen zu wollen - auch, um jegliche Zweifel an der Legitimität des Ergebnisses auszuräumen. Das war offenbar Grund genug, um Trump aus der Fassung zu bringen. Die "schlimm besiegten und demoralisierten" Demokraten würden nun der grünen Partei beispringen, schimpfte er.

Statt Steins Plan ins Leere laufen und die Demokraten streiten zu lassen, riskiert Trump mit seiner Einmischung nun, dass sich selbst die, die von der Neuauszählung nichts halten, für sie erwärmen könnten. Wenn selbst der Präsident meint, es sei bei der Abstimmung nicht alles mit rechten Dingen zugegangen, ist es schwer, gegen eine Überprüfung zu argumentieren.

Jill Stein könnte davon profitieren. Sie sammelt noch immer Geld für ihre Anfechtungen. Die nächste Frist, gegen das Ergebnis Einspruch zu erheben, läuft an diesem Montag aus - in Pennsylvania.

insgesamt 151 Beiträge
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TF-Pilotin_WI.us-army 28.11.2016
1. Das gab es doch schon bei der Wahl wo Bush das erste mal zum Präsidenten gewählt wurde
Das gab es doch schon bei der Wahl wo Bush das erste mal zum Präsidenten gewählt wurde. Da hatte sein Gegner auch eine Neuauslesung bewirkt, die dann aber wieder gestoppt wurde. Und die wird auch diesmal wieder gestoppt werden, weil man der Meinung ist, dass die USA nicht wollen, dass man sich dann wieder verzettelt.
fschaffer 28.11.2016
2. Trump halt
Es wird schon seinen Grund haben, dass er aus den Reihen seiner eigenen Partei als pathologischer Luegner bezeichnet wird. Er bestaerkt damit nur seinen Ruf als Egomane, ein taktisches Manoever ist fuer mich nicht erkennbar. Uebrigens sollte doch gerade ein Trump einer Neuauszaehlung in Wisconsin gelassen entgegensehen koennen, da dieser Staat am Endergebnis nicht aendern wuerde, ein fuer ihn positiver recount haette dagegen das Zeug zum Bumerang fuer seine Gegner.
naeggha 28.11.2016
3. beruhigendes Gefühl
wenn Amerika so sehr mit sich selbst beschäftigt ist halten die Amis sich endlich mal aus allem anderen raus. Das kommt für den Rest der Welt einer Verlängerung der Lebenserwartung gleich.
karljosef 28.11.2016
4. Wenn dieser Donald an die Spitze der Nation kommt,
die sich als Bewahrer der westlichen Werte versteht, werden wir genau diese Werte ganz neu kennenlernen! Befürchte ich...
josefinebutzenmacher 28.11.2016
5. Illegale Wähler?
Ist doch klar: Alle, die nicht weiß, alt und männlich sind. Und im Zweifel nicht für Trump gestimmt haben. Wie beim kleinen Dicken aus Nordkorea.
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