Trumps Amerika Wenn Demokratien kippen

Über den bedrohlichen Präsidenten Donald Trump und die Medien.

SPIEGEL-Titel der Ausgabe 6/2017
Edel Rodriguez/ Der Spiegel

SPIEGEL-Titel der Ausgabe 6/2017

Ein Kommentar von


Tödlich ist am Ende die Gleichgültigkeit. Die Apathie. Das Gefühl von Machtlosigkeit. Und darum dann das tatenlose Schweigen. Man könne halt sowieso nichts tun, so denken Bürger, so denken Journalisten. In der Türkei war es so, in Ungarn auch, in Russland und China ist es seit Langem so; wird es so in den USA werden?

Wenn Demokratien kippen, geht das selten schnell. Nur den einen Augenblick, in dem es konkret wurde, den kann man in der Rückschau gut festmachen, denn meist war es eine Wahl. Wie konnte die Türkei Erdogan wählen, Russland Putin, Ungarn Orbán, wie konnte sich Amerika klaren Verstandes für Donald Trump entscheiden? Wenn politischer Diskurs dazu führt, dass dieser Diskurs sich selbst durch Demagogie ablöst, und wenn dann der Demagoge durch den demokratischen Prozess an die Macht gebracht wird, ersetzt sich die Demokratie womöglich selbst durch die Autokratie.

Und alles andere geschieht dann langsam; während manche Medien vor sich hin träumen und umso obsessiver jeden Warnenden für hysterisch erklären müssen.

Donald Trump also, der Frauen verachtende und rassistische Geschäftsmann, dem in fünf Wahlkampftagen 87 Falschaussagen nachgewiesen wurden, ist kein Wahlkämpfer mehr. Er sitzt im Weißen Haus. Drei Erkenntnisse über diesen seit dem 20. Januar amtierenden amerikanischen Präsidenten:

  • Donald Trump hat in den zweieinhalb Wochen seit seiner fürchterlichen Rede zur Amtseinführung gezeigt, dass er das tut, was er angekündigt hat: eine Mauer zwischen Mexiko und den USA in Auftrag geben; ausländerfeindliche Gesetze verfügen; Washington und Amerikas Verbündete und internationale Institutionen und damit die gesamte Weltpolitik erschüttern. Iran und Nordkorea haben bereits Drohungen erhalten, und all das ist nicht überraschend, denn dass Trumps Berater Stephen Bannon Kriege für sinnvoll hält, wussten Trumps Wähler.
  • Und Trump hat, zweitens, gezeigt, dass er vieles tut, was er nicht angekündigt hat. Er befiehlt, dass Wissenschaftler nicht forschen und veröffentlichen dürfen, was Trump nicht erforscht und veröffentlicht haben möchte; den Klimawandel hat es nicht zu geben, er meint das ernst. Er hat seine engste Vertraute "alternative Fakten", also eine zweite Wahrheit neben der wahren, erfinden lassen. Trump nimmt seine Kinder mit zu Staatsterminen, holt den Schwiegersohn ins Weiße Haus, verschont Länder, in denen er Geschäfte macht, von seinem Einreiseverbot für Bürger mehrheitlich muslimischer Staaten, gibt seine Firmenbeteiligungen nicht auf, veröffentlicht nicht (obwohl es versprochen war) seine Steuererklärung und lässt seinen Sprecher sagen: "Das interessiert die Wähler nicht." Die Regulierung der Banken soll fallen, damit "meine Freunde" (Trump) leichter an Geld kommen. Bereitet er die Bereicherung im Amt vor?
  • Und Trump hat, drittens, manches belegt, was wir von ihm wussten. Was ihn mehr als alles andere interessiert, ist, wie er wirkt: Nichts war ihm in den ersten zweieinhalb Wochen wichtiger als die Größe der Menschenmenge bei seiner Amtseinführung. Trump lügt chronisch und belegt das Tweet für Tweet. Trump verachtet die Presse ("Oppositionspartei", "Krieg gegen die Medien") und die Justiz, namentlich "diesen sogenannten Richter", der nicht so urteilte, wie sein Herrscher es wünschte. Demonstranten, die gegen Trump demonstrieren, nennt er "bezahlt".

Nein, es ist nicht absurd zu vermuten, dass es, falls es keine Gegenwehr gibt, so weitergehen wird:

Die Demonstrationen werden seltener und schwächer besucht werden, weil nach und nach das Interesse schwindet und die Ohnmacht einsetzt. Die Medien werden sich dem Weichen und Bunten zuwenden, das bedeutet weniger Ärger. Politiker, die zunächst Widerstand geschworen hatten, werden merken, dass das Leben leichter ist, wenn sie sich einreihen. Konzerne werden Aufträge erhalten, wenn sie sich einreihen. Viele Menschen werden reich und befördert werden, wenn sie sich einreihen, und wenn sie das nicht tun, werden sie sehen, wie andere es tun. So formen sich Autokratien, "nicht mit Gewalt", so hat es David Frum im amerikanischen Magazin "The Atlantic" geschrieben, sondern durch einen "langsamen, demoralisierenden Prozess von Korruption und Betrug".

Wir vom SPIEGEL haben Anfang 2016 erstmals auf dem Titel vor Trump gewarnt; weitere Titel, unter anderem "Fünf Minuten vor Trump" sieben Wochen vor der Wahl, folgten. Wir machen Fehler, aber Donald Trump unterschätzt zu haben, zählt nicht dazu. Am vergangenen Samstag haben wir eine Titelgeschichte veröffentlicht, die mit einem Kunstwerk, einer Karikatur des Zeichners Edel Rodriguez illustriert war, eines kubanischen Einwanderers, der in New Jersey lebt. Auf dem Bild hat ein brüllender Mann ohne Augen und ohne Nase, zweifelsfrei Trump, der Freiheitsstatue den Kopf abgeschlagen und hält diesen und das blutige Messer in den Händen. "America First" steht da, mehr sieht und liest man nicht, alles andere entsteht, so wie es bei Kunst sein soll, im Kopf des Betrachters.

"Stunning", schreibt die "Washington Post", "atemberaubend". "One Helluva statement", "was für ein Statement", so die Zeitschrift "Mother Jones". Demonstranten tragen das Bild durch die Straßen Amerikas. "Das großartige Titelbild macht die Runde hier in den USA und erweckt nur Begeisterung", schreibt uns die Schriftstellerin Irene Dische aus New York. Auch die Bewertungen unserer Leser und Leserinnen in Deutschland sind fulminant, nämlich zahlreich und leidenschaftlich in zwei Richtungen, von "genial" bis "das ist krank, ihr braucht einen Therapeuten"; manche schreiben, der Titel sei allzu brutal.

Das stilbildend autoritätsverzückte Portal "Bild.de" schimpft via Twitter und auf durchaus schlaue Weise: Es verliert kein Wort über die Verfremdung, die Karikatur oder die Freiheit von Kunst und Meinung und behauptet stattdessen, dass der SPIEGEL Trump als IS-Terroristen zeige, als wär's eine Fotomontage; dieser verdrehten Voraussetzung folgt dann die superlativ-schäumende Wut. Doch auch ernst zu nehmende Kollegen von SZ oder FAZ meinen, der SPIEGEL sei zu weit gegangen, denn was solle nach solch einem Titel noch folgen?

Im Branchendienst Kress schreibt der Publizist Franz Sommerfeld: "Wenn Trump der Ernstfall ist, dann haben die Medien Alarm zu schlagen. Möglichst fundiert und informativ, so wie es die Titelgeschichte des neuen 'Spiegel' auch leistet. …Und dazu gehören natürlich auch Karikaturen und andere Formen der publizistischen Auseinandersetzung."

Worauf sollen wir warten?

Darauf, dass Trump zeigt, dass er es ernst meint? Er zeigt das.

Darauf, dass er seinen ersten Krieg beginnt?

Darauf, dass die USA wegdämmern, dass sie Trump ertragen und folglich geschehen lassen, was irgendwann dann tatsächlich nicht mehr zu vermeiden sein wird?

Trump hat auf dem SPIEGEL-Titel keinen Menschen enthauptet, sondern ein Symbol. Die Freiheitsstatue ist seit 1886 das amerikanische Sinnbild von Freiheit und Demokratie, sie begrüßt Flüchtlinge, Migranten, all "die Heimatlosen, vom Sturm Herumgeworfenen", so lautet ihre Inschrift. Donald Trump verachtet und gefährdet die liberale Demokratie, er verachtet und gefährdet die Weltordnung, er ist der mächtigste Mann der Welt. Der Ernstfall ist da.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 376 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
joG 07.02.2017
1. Ich habe in den letzten Wochen viele...
....solcher Tatbestände nachgeprüft, wie sie Trump zur Last gelegt werden. Ich mag Trump überhaupt nicht und als President ist er kontraindiziert. Aber ich habe die Texte gelesen oder ggf die Videos geschaut. Die Berichterstattung ist postfaktisch hier und in Teilen der US Medien. Die Situation wird aufgebauscht. Die Berichterstattung ist einfach falsch in sehr vielen Punkten. In den Staaten ist klar, wieso seine politischen Feinde hetzen. Wieso die Politiker in der EU oder Deutschland dies tun, erklärt sich vermutlich über die Notwendigkeit einen Außenfeind zu haben um die EU zu festigen. Interessieren würde mich, wieso die nicht dem Staatssektor zuzurechnenden Medien sich anschließen, ist mir nicht ganz klar.
Georg_Alexander 07.02.2017
2. Danke für die Zusammenfassung
Für ZWEI Wochen eine unglaubliche Bilanz. Trump IST der Ernstfall. Wer jetzt noch abwiegelt, der handelt fahrlässig.
Ruth aus der Kurpfalz 07.02.2017
3. Die Trumps kommen und gehen.
Ein Demokratie kann nur dann kippen, wenn ihre Grundlagen nicht in Ordnung sind, also wenn: - Das SYSTEM (unabhängig von den Personen) fehlerhaft ist, z.B. Verfahren der Gewaltenteiligung stümperhaft geregelt sind oder nicht mehr funktionieren. - Das Staatsvolk die Demokratie nicht WILL (wie in der Endphase der Weimarer Republik) Wenn aber die Grundlagen einer Demokratie - Also die verfassungsmäßigen Verfahren und Institutionen, also das SYSTEM, und zudem die Menschen, die in dem Staat leben, in Ordnung sind, dann kann eine Wahl, von wem auch immer, dieses gefestigte, stabile System nicht zerstören. Dass die amerikanische Demokratie funktioniert, z.B. die amerikanische Gewaltenteilung, die "checks and balances", intakt ist, erkennen wir sehr schön daran, dass ein Gericht Präsidenten-Dekrete stoppen kann. Das ist ein Lehrstück in Politik und Demokratietheorie. Die Trumps kommen und gehen. Doch die amerikanische Demokratie besteht und ist stabil.
rjb 07.02.2017
4.
Niemand wird sagen können, er hätte es nicht gewusst!
wjf51 07.02.2017
5. Dem ist nichts hinzuzufügen
super Beitrag!!! Danke für die klaren Worte!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.