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08. Februar 2017, 14:43 Uhr

Leaks über Donald Trump

Hilferufe aus dem Weißen Haus

Von und , Washington und New York

Geplante Dekrete, vertrauliche Telefongespräche und Details aus dem Leben von Donald Trump: Selten wurde so viel aus dem Weißen Haus an die Medien durchgestochen. Dahinter stecken Machtkämpfe - und Sorgen.

Es war das bizarrste Dementi seit Donald Trumps Amtsantritt. "Ich glaube nicht, dass der Präsident einen Bademantel besitzt", belehrte Regierungssprecher Sean Spicer die Reporter, ohne die Miene zu verziehen. "Auf jeden Fall trägt er keinen."

Anlass war ein Bericht der "New York Times": "Wenn Mr. Trump nicht in seinem Bademantel fernsieht", schrieb die Zeitung über die einsamen Abende des US-Präsidenten in Washington, "erkundet er manchmal die ungewohnte Umgebung seines neuen Heims." Es war ein prägnantes Bild: Trump, wie er nachts einsam durchs Weiße Haus wandelt.

Die Frotteefrage, schnell #bathrobegate tituliert, provozierte einen CNN-Live-Talk und den üblichen Internet-Spott. Dabei steckte etwas sehr viel Ernsteres dahinter. Der Bademantel war nur ein eher nebensächliches Detail in einem langen Artikel der "Times" über das haarsträubende politische Chaos im Weißen Haus. Machtkämpfe, Machenschaften, Konfusion, Inkompetenz, Ignoranz: Der Bericht enthüllte, was während Trumps "schwindelerregenden ersten zwei Amtswochen" hinter den Kulissen vorgegangen ist.

Im Video: #Bathrobegate und andere "Fake News"

Alle plappern hinter vorgehaltener Hand

Wichtiger noch: Dieser Bericht nährte sich aus vielen anonymen Insider-Quellen. Die "Times" stützte ihre Recherchen auf "dutzende Regierungsvertreter, Kongressreferenten, Ex-Mitarbeiter des Weißen Hauses und andere Beobachter der neuen Regierung, von denen viele um Anonymität baten". Will heißen: Sie alle plapperten - hinter vorgehaltener Hand.

Solche Leaks aus dem Herzen der Macht sind üblich - doch nicht zu Beginn einer neuen Regierung. Über die Motive der Informanten aus Trumps Umfeld wird in den USA nun viel diskutiert. Sollen Rivalen kaltgestellt werden, die Autorität des Präsidenten unterwandert werden, steckt Kränkung oder Kalkül dahinter? Oder sind die Leaks Hilferufe aus dem Weißen Haus - nach dem Motto: Seht her, so chaotisch läuft es hier ab?

"Angesichts der erratischen Natur und der mangelnden Erfahrung Trumps, vor allem in der Außenpolitik, sind diese Leaks wichtiger denn je", sagte David Corn vom investigativen Magazin "Mother Jones" der "Washington Post". "Sie lassen uns sehen, wie er seine Arbeit macht."

Und was man da sieht, ist selten positiv:

1. Machtkämpfe

Manche Leaks deuten auf einen Machtkampf im Weißen Haus hin. Die "Times" berichtet bereits von "Rissen im West Wing", wo der wahre Strippenzieher Trumps rechtsnationaler Chefberater Steve Bannon sei. Bannon habe sich quasi selbst in den Nationalen Sicherheitsrat befördert, eine historisch beispiellose Machtposition für einen Politstrategen. Trump soll sich - nach dem er das fragliche Dekret unterzeichnete - beschwert haben, dass er nicht in vollem Umfang über den Inhalt informiert war. Ein Zehn-Punkte-Plan zur internen Befehlsstruktur, den Trumps eher moderater Stabschef Reince Preibus erarbeitet habe, sei dagegen verworfen worden.

Auch viele andere Informationen, die aus dem Weißen Haus dringen, richten sich immer mehr gegen Bannon und seinen Einfluss. So wurde offenbar von einem Bannon-Kritiker an CNN gestreut, dass der Chefberater den umstrittenen Einreisestopp selbst formuliert und das Heimatschutzministerium, das dagegen Einwände hatte, persönlich ausgebootet haben soll.

2. Telefonate

Es sind nicht nur Details aus Trumps Alltag, die an die Öffentlichkeit gelangen. Vergangene Woche wurden nicht autorisierte Mitschriften von Telefongesprächen des US-Präsidenten mit seinem Amtskollegen in Mexiko sowie dem australischen Premierminister öffentlich. Gegenüber Enrique Peña Nieto soll Trump angedroht haben, US-Truppen nach Mexiko zu schicken. Im Gespräch mit Malcolm Turnbull soll Trump über den Flüchtlingsdeal zwischen den USA und Australien geschimpft und nach 25 Minuten abrupt aufgelegt haben.

Unter normalen Umständen hätte die Öffentlichkeit kaum etwas mitbekommen: Üblicherweise veröffentlicht das Weiße Haus nach solchen Telefonaten ein abgestimmtes, meist nichtssagendes Statement, genannt "Readout", Details werden selten bekannt. Interna solcher Anrufe sind nicht unbedingt immer im Sinne der Regierung - insbesondere, wenn dabei so wichtige Partner wie Australien öffentlich angegangen werden. Ein Team des Weißen Hauses wurde deshalb nun offenbar angewiesen zu untersuchen, wer den Inhalt der Gespräche der Presse steckte.

3. Dekrete

In anderen Fällen geht es wohl darum, politische Vorhaben des Präsidenten zu sabotieren oder zu verhindern, indem man öffentlichen Druck aufbaut. So berichteten etliche US-Medien übereinstimmend von Plänen, der US-Präsident wolle das von Barack Obama erlassene Diskriminierungsverbot von homo- und transsexuellen Mitarbeitern in der Bundesverwaltung aufheben. Statt eines Dekrets folgte Tage später eine Mitteilung des Weißen Hauses, wonach sich Trump von solchen Plänen distanzierte. Tochter Ivanka und ihr Ehemann Jared Kushner sollen ihn dazu bewegt haben.

Trump - der bedingungslose Loyalität fordert - äußerte sich öffentlich zunächst kaum zu den Leaks. Die Informationen aus den Telefonaten redete er klein: Man solle sich keine Sorgen machen, wenn man etwas über harte Gespräche höre, sagte er nach den Berichten über sein Telefonat mit Turnbull. Da musste Sprecher Spicer nachlegen: "Der Präsident nimmt diese Leaks sehr ernst."

4. Imagefragen

Doch dann kamen die Berichte über Trumps einsames Leben im Weißen Haus und die Rolle Bannons - und die konnte Trump nicht unkommentiert stehen lassen.

Denn am meisten regt er sich über Berichte auf, die an seinem Image kratzen - etwa dass er einsam, isoliert und hilflos sei, ein Bild, das an Watergate-Präsident Richard Nixon in seinen letzten Monaten erinnert.

Nach Ansicht eines Autors der "Washington Post" ist die Situation noch gravierender. Trumps Berater - oder jene, die für die Leaks verantwortlich sind - vermittelten das Bild eines "ahnungslosen Kindes". Der Präsident werde als impulsiver Mensch gezeichnet, der den Ratschlag von Leuten ignoriere, die es eigentlich besser wüssten als er. Noch nie seien Informationen so schnell und mit ähnlicher Verachtung für das Staatsoberhaupt an Medien durchgestochen worden, so der Journalist. Die Botschaft, die damit zugleich übermittelt werde, sei: "Wir wissen, dass man ihn managen muss, sonst sagt er dummes Zeug. Wir sind dran."

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