Pressestimmen zu Trumps Entscheidung "Amerika ist zu alter Größe zurückgekehrt"

Was hält man in Israel, Frankreich und den USA von Trumps Entscheidung, aus dem Iran-Abkommen auszusteigen? Die Presseschau.

Iranische Zeitungen am Mittwoch
AFP

Iranische Zeitungen am Mittwoch


US-Präsident Donald Trump ist, wie seit Monaten angekündigt, aus dem Atomabkommen mit Iran ausgeschert. Die Vereinigten Staaten fühlen sich demnach nicht mehr an die Vereinbarungen gebunden (mehr zu den Hintergründen lesen Sie hier).

Was das für den Nahen Osten bedeutet und ob Iran nun doch an seinem Atomprogramm weiterarbeiten wird, ist wenige Stunden später noch nicht klar. Zustimmung für seinen Schritt kann Trump aber aus Europa erst einmal nicht erwarten - waren doch der französische Präsident Emmanuel Macron und Kanzlerin Angela Merkel gerade erst zu ihm gereist, um ihn noch von seiner Entscheidung abzubringen.

Anders sehen Reaktionen in Israel aus. Die regierungsnahe Zeitung "Israel Hajom" begrüßt die Entscheidung in ihrem Leitartikel unter dem Titel "Amerika ist zu alter Größe zurückgekehrt". Washington stelle seine klare Unterstützung für die israelische Führung unter Beweis, die sich von Teheran "schwer und unmittelbar" bedroht sieht. Die USA sollten noch weiter gehen und weitere Sanktionen verhängen, um der "zerrütteten Wirtschaft und seiner militärischen Macht einen Todesstoß zu versetzen."

Ein Kommentator der Zeitung "Maariv" schrieb: "Die Möglichkeit, dass die Welt die schiitische Atombombe stoppen wird, ist sehr viel näher gerückt." Es sei jedoch "unklar, was Trumps Plan B nach seinem Rücktritt aus dem Iran-Deal ist", titelte die "Times of Israel".

Eine deutlich kritischere Haltung nahm die linksliberale israelische Zeitung "Haaretz" ein. "Die hart formulierte Erklärung Trumps (...) erhöht die Gefahr einer Konfrontation in der Region", hieß es dort. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu denke vielleicht, die Israelis sollten Trump dankbar sein, "aber gegenwärtig gefährdet der Ausstieg der USA die Welt und bedroht Israel." Anstatt die Spannungen zwischen Israel und Iran zu verringern, würden sie nun weiter angeheizt.

Über allem schwebt die Frage: Wie soll es nun weitergehen? "Nichts deutet darauf hin, dass Trump ernsthaft für den 'Tag danach' geplant hat", schreibt die "Neue Zürcher Zeitung". Das schlimmste Szenario sei nun, dass Teheran noch entschlossener vorgehe, meint die Londoner "Times". Eine der großen langfristigen Folgen dürfte darin bestehen, dass die Hardliner ermutigt und die eher nüchternen Gesprächspartner im Iran an den Rand gedrängt würden.

Der Schweizer "Tages-Anzeiger" schreibt: "Donald Trump hat es nun fertiggebracht, diese einzige Fessel zu lösen, die Iran nach zähen Verhandlungen angelegt werden konnte."

So r eagieren Politiker aus aller Welt auf den US-Ausstieg:

"Ein schwerwiegender Fehler"

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In den USA selbst ist das Presseecho ebenfalls kritisch. Die "Washington Post" nennt diesen Ausstieg ohne klare Strategie "waghalsig und höchstwahrscheinlich kontraproduktiv." Trump habe oft gesagt, dass er keine weiteren Kriege im Nahen Osten wünsche. Aber: "Seine Entscheidung hat einen Krieg wahrscheinlicher gemacht."

Die "New York Times" bescheinigt Trump, ihm fehle "völlig das tiefergehende politische Konzept oder die strategische Weitsicht und Geduld." Das "Wall Street Journal" springt dem US-Präsidenten hingegen bei: Er habe das Iran-Atomabkommen "richtigerweise als 'in seinem Kern mangelhaft' bezeichnet".

"Die USA sind nicht länger eine stabilisierende Macht"

Experten und Kommentatoren fürchten nun, dass die US-Entscheidung zum Rückzug aus dem Iran-Deal auch Auswirkungen auf die anstehenden Verhandlungen mit Nordkorea haben könnten. "Wie wollen die USA in einigen Wochen beim Gipfeltreffen mit Nordkorea glaubwürdige Zusagen machen, wenn sie gegenüber Iran soeben wortbrüchig geworden sind?", fragt die "Neue Zürcher Zeitung". "Falls dieses Atom-Abkommen endgültig untergeht, wird die Zukunft von zwei Bedrohungen belastet. Kurzfristig eine Konfrontation zwischen Israel und Iran. Längerfristig ein allgemeiner Neustart des Rennens nach der Atomwaffe", schreibt die konservative französische Zeitung "Le Figaro".

In Frankreich ist die Entrüstung über den Entschluss Trumps sehr groß - Präsident Macron hatte sich deutlich gegen einen Ausstieg der USA aus dem Abkommen ausgesprochen und in Washington Alternativen vorgeschlagen. Alles umsonst. "Wir wissen nun, dass es sich bei Trump nicht auszahlt, ihm den Hof zu machen", bilanziert die französische Regionalzeitung "La Montagne". Macron werde sich daran erinnern. Der Iran-Deal sei aber "nicht tot", betonte der französische Außenminister Jean-Yves Le Drian am Mittwoch.

Welche globalen Auswirkungen der US-Rückzug aber dennoch haben kann, fasst die belgische Zeitung "De Tijd" zusammen: "Europa, Russland und China können versuchen, das Abkommen mit dem Iran trotzdem aufrechtzuerhalten, um dessen nukleare Ambitionen zu zähmen. Die Frage ist, ob das gelingt." Die Spannungen zwischen dem schiitischen Block rings um Iran und dem sunnitischen Lage unter Führung von Saudi-Arabien würden zunehmen. "Die USA sind nicht länger eine stabilisierende Macht. Im Gegenteil."

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vks/dpa



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