Atomgipfel in Vietnam zwischen Kim und Trump Friedensnobelpreis? Hanoi!

Erst Denuklearisierung, dann Friedensvertrag und schließlich: Nobelpreis. So hat sich Donald Trump seine Verhandlungen mit Kim Jong Un wohl vorgestellt. Jetzt ist der US-Präsident - wie die Vorgänger, über die er sich gern lustig machte - gescheitert.

Aus Hanoi berichtet


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Der Mittagstisch ist gedeckt. Eine lange Tafel unter einem gemalten Wolkenhimmel, zwölf goldene Polsterstühle, Silberbesteck, Blumensträuße, Platzkarten. Apfel-Foie-Gras-Pudding soll es geben, Fisch als Hauptspeise und zum Dessert britischen Banoffee Pie mit Ginseng-Tee.

Es soll nicht sein. Kurz vor dem festlichen Abschiedsessen weiht US-Regierungssprecherin Sarah Huckabee Sanders die Reporter ein: Der Gipfel werde spontan "verkürzt", Präsident Donald Trumps Pressekonferenz vorverlegt auf die Uhrzeit der geplanten Unterzeichnung einer gemeinsamen Abschlusserklärung - die ganz ausfällt.

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Trump trifft Kim: Das Gipfel-Fiasko

Sie wollen also nicht mal mehr miteinander essen. So abrupt platzt Trumps zweiter Atomgipfel mit dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un in Hanoi. Zugleich zerfällt Trumps Image vom unfehlbaren Dealmaker, das daheim schon beim Shutdown-Drama gelitten hat, nun auch auf der internationalen Bühne - und damit, bis auf weiteres, seine Hoffnungen auf den heiß ersehnten Friedensnobelpreis. "Manchmal muss man gehen", versucht Trump den Flop vor den vielen Journalisten schönzureden.

Noch ist nicht verifiziert, was genau hinter den Kulissen geschah zwischen den Höflichkeiten, mit denen sie das Treffen morgens in Vietnams Hauptstadt fortgesetzt hatten, und der übereilten Abreise Trumps. So wie dieser es darstellt, scheiterten die Gespräche an der Forderung Kims, dass die USA alle Sanktionen gegen Nordkorea aufheben sollten - im Gegenzug für nur halbherzige Maßnahmen zum Abbau seines Atomprogramms: "Das", sagt Trump, "war nicht genug."

Daheim stiehlt ihm Cohen die Show - und in Hanoi versagt er selbst

Doch wie sehr kann man Trump glauben, dem wenig wichtiger ist als der Ruf der Stärke? Die Wahrheit von Hanoi, so hört man, ist etwas komplizierter: Die Verhandlungen sollen von Anfang an auf der Kippe gestanden haben, trotz aller Schmeicheleien. Nicht zuletzt auch wegen der offenbar chaotischen Vorbereitung durch Trumps Team, das über die Nordkorea-Frage intern zerstritten bleibt und vom Präsidenten selbst kaum Hilfe erhoffen kann.

Dies ist ein Desaster für Trump - das Finale zweier katastrophaler Tage fern der Heimat, in denen er sich erneut als von der Politik überfordert erweist, von der hohen wie der niederen. Denn zu Hause stiehlt ihm sein Ex-Anwalt Michael Cohen die Gipfel-Schlagzeilen, indem er ihn vor dem Kongress als Rassist und Rechtsbrecher bezichtigt. Das Drama verfolgte Trump bis nach Vietnam: In einer auffallend langen Nachmittagspause am Mittwoch habe er so davon viel verfolgt, "wie ich konnte", sagte er.

Nach außen gaben sich alle bis zuletzt optimistisch. Nicht nur der Tisch im Hotel "Metropole", in dem das Treffen stattfand, war gedeckt. Auch die Unterzeichnung der gemeinsamen "Vereinbarung" war akribisch geplant, für exakt 14.05 Uhr. Die USA könnten eine Vertretung in Pjöngjang eröffnen, wird gemunkelt. Oder sogar mit einer Friedenserklärung das offizielle Ende des Koreakriegs einleiten - ein historischer Erfolg, mit dem Trump für seine Wiederwahl 2020 werben wollte.

Bei der Frühstücksrunde schienen sie noch guter Dinge. Kim antwortete sogar - erstmals überhaupt - auf Fragen von US-Reportern. "Ich würde nicht sagen, dass ich pessimistisch bin", sagt er auf Koreanisch. Ob er zu kompletter Denuklearisierung bereit sei? "Sonst wäre ich nicht hier."

Doch beim anschließenden Spaziergang durch den Hotelgarten spürte man schon, dass irgendetwas nicht stimmt. Trump schaute verdrießlich und ungeduldig, die Pause wurde vorzeitig beendet. Manche führten das auf die schwüle Luft zurück, die über der Stadt lag.

Die Reaktionen der US-Presse sind deutlich

Die Illusion von der Annäherung zerplatzte also. Wobei: Die Gespräche der USA und Nordkoreas seit dem Gipfel von Singapur stockten seit einer Weile. Angeblich konnte man sich nicht mal einigen, was unter der "kompletten Denuklearisierung" der koreanischen Halbinsel zu verstehen sei, jener schwammigen Kernforderung Trumps von Singapur. Nordkorea, so heißt es in US-Kreisen, habe sich nicht in die Karten schauen lassen wollen, schon gar nicht von internationalen Inspekteuren.

Daraufhin hätten die USA die Forderung nach einer vollständigen, überprüfbaren Offenlegung des nordkoreanischen Atomprogramms in Hanoi fallengelassen, meldet NBC News am Mittwoch - eine dramatische Konzession, die prompt in der US-Presse zerpflückt wurde.

Im Video: "Grund waren die Sanktionen"

Es ist derselbe Knackpunkt, wegen dem Nordkorea im Jahr 2003 aus dem Atomwaffensperrvertrag ausgeschert war - was lange, frustrierende Verhandlungen zur Folge hatte. Der aktuelle US-Präsident scheitert an den gleichen Widerständen wie seine Vorgänger, über die er sich lustig macht.

Kim war laut Trump zwar bereit, die Urananreicherungsanlage Yongbyon zu demontieren, doch nicht eine zweite, mit der man die Nordkoreaner ohne Vorwarnung konfrontiert habe. "Die waren überrascht", sagt Trump - dabei berichten auch US-Wissenschaftler und die Medien schon seit Längerem von der fraglichen Einrichtung.

Kim, den er am Vortag noch als seinen "Freund" und "großen Führer" umworben hatte, sei "schon ein sehr starker Charakter", sagt Trump. Man wolle auch "weiter gut befreundet" bleiben. Wie nach einer gütlichen Scheidung.

"Ladies and Gentlemen", sagt Trump zum Schluss, "ich werde jetzt in ein Flugzeug steigen und an einen wundervollen Ort zurückfliegen, der Washington, DC heißt." Er hebt den Daumen hoch und verschwindet.


Zusammengefasst: Donald Trump hatte sich von seinem zweiten Treffen mit Kim Jong Un einiges erhofft. Einen PR-Erfolg, Hilfe für den Wahlkampf, vielleicht auch Ablenkung von den innenpolitischen Problemen. Doch nun ist der Gipfel in Hanoi zum Debakel geworden und ohne greifbares Ergebnis vorzeitig geendet. Für den selbsterklärten Dealmaker Trump eine herbe Niederlage.

insgesamt 182 Beiträge
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claus7447 28.02.2019
1. Es wäre ein Disaster
Sollte man überhaupt auf die Idee kommen POTUS amtierend diesen Preis zu kommen zu lassen. Dafür reicht weder sein tun, noch seine handlungsart. Zudem heizt er kräftig den US internen Konflikt an. Warum ein japanischer MP überhaupt auf die Idee kommt? Vielleicht dürfte er dafür beim Golfen in Florida gewinnen.
geboren1969 28.02.2019
2. Tragisch!
No Deal für den größten Dealmaker ever. Jetzt kann er auch nicht mehr von Cohen und Mueller ablenken. Bin auf die "Nachbearbeitung" mittels Twitter gespannt.
bogedain 28.02.2019
3. Thats Life,Donald
So sehr ich mir eine Einigung gewünscht hätte, so freue ich mich auch darüber,dass Trump nicht den Friedensnobelpreis bekommt, und ihm damit für die Wiederwahl gestärkt hätte.
isi-dor 28.02.2019
4.
Trump ist unumwunden die personifizierte Niederlage. Von allen großspurigen Versprechungen ist nichts, aber auch gar nichts übrig geblieben. Mexiko zahlt nicht für die Mauer, Frau Clinton befindet sich immer noch munter in Freiheit, Obamacare ist auch noch in Kraft, weil es was bessere noch nicht gab, im Nahen Osten kein Frieden in Sicht... Very bad performance Mr. President!
hup 28.02.2019
5. Die Überschrift wäre in der STZ vermutlich besser aufgehoben gewesen
Aber es ist ja gerade Karneval, da darf man auch mal im Dialekt kalauern. Rättetee, Rättetee.... Dsching. Bumm.
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