Atompoker zwischen USA und Nordkorea Bombast und Bluff

Steht der Nordkorea-Konflikt wirklich vor einem Durchbruch? Im Vorfeld ihres geplanten Gipfels schaukeln sich Donald Trump und Kim Jong-Un mit dramatischen Statements gegenseitig hoch. Vorsicht ist angebracht.

Kim Jong Un (l.) und Donald Trump, Nachrichtensendung auf dem Seouler Bahnhof
DPA

Kim Jong Un (l.) und Donald Trump, Nachrichtensendung auf dem Seouler Bahnhof

Von , New York


Ri Chun Hee, die Propaganda-Queen des nordkoreanischen Staatsfernsehens KCTV, erscheint immer dann auf den Bildschirmen, wenn es Dramatisches zu verkünden gibt: Atomtests, Errungenschaften, weise Worte des Herrschers. Wegen ihrer rosafarbenen Kimonos auch "Pink Lady" genannt, sitzt sie dabei stets vor einer Fototapete des heiligen Bergs Paektusan und verliest mit melodramatisch-bebender Stimme die jüngsten Direktiven von Kim Jong Un.

An diesem Samstag aber verlas sie in der Tat etwas noch nie Dagewesenes: Der "Oberste Führer" habe angeordnet, alle Atom- und Raketentests mit sofortiger Wirkung einzustellen, ebenso den Betrieb der Testanlage Punggye-ri im Nordosten des Landes. In Punggye-ri hatte Nordkorea jeden seiner sechs Atomtests durchgeführt, den letzten und stärksten im September 2017.

Die bereits tags zuvor von der Staatsagentur KCNA verbreitete Nachricht hatte freilich einen Hauptadressaten: US-Präsident Donald Trump.

Zwei "Mad Men" auf Kollisionskurs

Der reagierte prompt auf seinem eigenen Verlautbarungskanal - Twitter: "Sehr gute Nachrichten für Nordkorea und die Welt - großer Fortschritt!" Dann widmete sich Trump auch schon wieder einem anderen, wohl dringlicherem Thema - seinem Anwalt Michael Cohen. Der steht unter Druck, gegen ihn auszusagen: Cohen, "ein feiner Mensch", werde das nie tun, schrieb Trump, bevor er sich in Florida zu seiner üblichen Samstagsrunde Golf aufmachte.

Nach Jahrzehnten erfolgloser Atomdiplomatie zwischen Washington und Pjöngjang taumeln beide Seiten nun also auf einen erhofften Durchbruch zu - mit Statements, die jedoch gleichermaßen ein gesundes Maß an Skepsis erfordern. Denn Trump ist seinem Gegenüber Kim viel ähnlicher als seine US-Vorgänger, die diskrete, rationale Verhandlungen vorzogen: Er liebt Bombast und Bluff, er widerspricht sich, er hält es mit der Wahrheit nicht so genau und agiert unberechenbar - und oft nur, um sein Ego zu befriedigen.

Vielleicht wäre es tatsächlich von Vorteil, wenn Kim in Trump seinen Meister gefunden hätte - zwei "Mad Men", die sich im Vorfeld ihres historischen Gipfeltreffens hochschaukeln. Doch wohin dieser Kollisionskurs führt, zum spektakulären Erfolg oder spektakulären Scheitern, ist unklar. Beider Motive bleiben undurchsichtig. Vorsicht ist angebracht.

Video: Nordkorea verkündet Stopp von Atomwaffentests

Schon Kims Ankündigung ist zweischneidig - kein Wort darüber, dass er sein Atomprogramm aufgeben und die Waffen zerstören wolle. Im Gegenteil: Das Programm sei "perfekt zu Ende gebracht" und ein "wundersamer Sieg".

Selbst Trumps Vasallen warnen, die Entwicklungen falsch zu interpretieren. "Kims Worte sind nur Schall und Rauch, was zählt, sind seine Handlungen", sagte der Asienexperte Harry Kazianis auf Fox News, Trumps Haussender. "Er lügt und hat seine Versprechen oft gebrochen." Eine symbolische Abkehr von Atomtests sei keineswegs ein "Sieg" für Trump, sondern womöglich nur eine Finte, um zu garantieren, dass das geplante Gipfeltreffen überhaupt stattfinde - denn schon das wäre für den Prestige-bewussten Kim ein Erfolg.

Auch wäre es mit diesem Treffen kaum getan. Ein Ende des Konflikts involviert komplexe Schritte, die sich nicht durch Tweets lösen lassen - und die wahrscheinlich weit über Trumps Amtszeit hinaus andauern würden.

Inszenierung ist alles

Trumps Strippenzieher hinter den Kulissen ist CIA-Chef Mike Pompeo, der designierte US-Außenminister. Als der jetzt nach Nordkorea reiste, um Kim zu treffen und das Treffen mit Trump vorzubereiten, nahm er keine Vertreter des State Departments mit, sondern nur ihm vertraute Geheimdienstler - ein Zeichen, dass der neue Ansatz nicht mehr auf klassischer Diplomatie beruht, zumal Trumps Außenministerium weitgehend verwaist ist.

Eine knifflige Frage ist allein der Ort des Gipfels: Kim war bisher nur einmal außer Landes, besitzt kein Flugzeug, das lange Strecken zurücklegen kann, und hat panische Angst vor Anschlägen. Auch das Schicksal von drei Amerikanern in nordkoreanischer Haft dürfte zur Sprache kommen. Das "Wall Street Journal" meldete, Kim habe Pompeo versprochen, dass der Gipfel "mit einer Freilassung verbunden" werden könnte - allein das würde dramatische Fernsehbilder garantieren.

An denen ist auch Trump interessiert. Der frühere TV-Realitystar verzerrte alle bisherigen Statements aus Nordkoreas zu einem Triumph seinerseits - ein riskantes Spiel, das aus internationaler Sicht leicht daneben gehen kann. Nur nicht für Trump: Auch bei einem Scheitern der Gespräche könnte er sich als harter Mann profilieren.

Was Trump wirklich am Herzen liegt, offenbarte er denn auch an diesem Samstag: Inmitten einer Twitter-Kanonade aus Medienschelte und Beileidsbekundungen für die frühere First Lady Barbara Bush, die gerade zu Grabe getragen wurde ("ein wunderschöner Tag!"), fand sich ein Werbeclip für seinen nächsten "Wahlkampfauftritt" Ende April. Motto: "Make America Great Again".

insgesamt 27 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
joG 21.04.2018
1. Kein Mensch interpretiert...
...die Situation so einfach, wie man Trump oft unterstellt. Dass wir hier nun sind hätte man im Weißen Haus sicher vor Einleitung der Verhandlungsstrategie doch wohl erwartet, wenn selbst ich einen ähnlichen Verlauf erwartete. Aber nicht nur das. Vermutlich hat man in im Oval Office auch bereits damals durchdacht wie man handeln muss, wenn Kim seinen Move macht. Washington ist nicht Dilettantenland, wissen Sie?
pragmat 21.04.2018
2. Pitzke
Der Herr Pitzke hat sich in der Vergangenheit als Betroffener von Trump-Paranoia ausgezeichnet. Dieser Artikel ist keine Ausnahme, mit der man US-amerikanische Diplomatie - im Auftrag des Kreml? - schlecht reden möchte. Das war´s dann wohl.
stefan.martens.75 21.04.2018
3. Wenn Trump nun das Problem löst?
Wenn er mit seiner bedingungslosen Art und absoluter Unversöhnlichkeit gegenüber einem Regime den richtigen Weg gefunden hat? Wie beurteilen wir diese Leistung dann? Wie viele Präsidenten vor ihm haben gegenüber Nord Korea versagt? Wann ist die letzte Linie überschritten, wo keine Verhandlung und Toleranz mehr gefragt ist sondern Härte und Kompromisslosigkeit. Wird vielleicht echt hart für uns Trump Verächter.
Outdated 21.04.2018
4. mh zwei in die Ecke gedrängte Regierungschefs
die ganz Oportunistisch eine goldene Zukunft für sich suchen? Könnte klappen. Wer weiss vielleicht ist Nordkorea in ein paar Jahren schon der Treue Verbündete der USA gegen das Imperialistische China?
adieu2000 21.04.2018
5. Ich freue mich über jede noch so kleinen diplomatischen Fortschritte
Für den Autor scheint das größte Problem zu sein, das Trump diese Fortschritte erzielt. Was soll uns der Artikel sagen? Alles ein Bluff von Kim und Trump fällt drauf rein? Heute scheint es ja in zu sein, die Leute als Trump Hater, oder Putin Versteher zu bezeichnen, aber manche Menschen benehmen sich auch so. Kim hat ein Atomprogramm, die meisten Resolutionen der UN richten sich gegen Test von Sprengsätzen und Raketen. Nordkorea hat seine Ziele wie Wirtschaftswachstum, internationale Zusammenarbeit, Aufhebung von Sanktionen und so weiter, dann wird man vielleicht mit Trump einen Weg finden Schritt für Schritt vorwärts zu kommen. Dieser Artikel erweckt eher den Eindruck das man mit Nordkorea nicht verhandeln kann oder darf. Was soll man denn sonst machen? Weg bomben oder die 5. Kolonne schicken? Mit Frau Clinton wäre das nicht passiert, da hätte sich längst ein Grund gefunden um das Testgelände in Nordkorea weg zu beamen. An dieser Stelle sollte man noch erklären warum nur enge Vertraute von Trump das Treffen vorbereiten, weil beide Seiten ihr Gesicht waren wollen woran man in vielen Medien scheinbar kein Interesse hat.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.