Trumps Schweden-Bashing Wie Bullerbü in die Schlagzeilen geriet

Schweden wird oft als Musterland in Europa gefeiert. Doch es gibt noch ein anderes Bild, das rechte Kreise in EU und USA verbreiten, auch Trump. Das skandinavische Land gleicht darin einem "failed state". Warum nur?

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Für viele ist Schweden ein Vorbild. Das Land hat nicht nur Astrid Lindgren, wunderbare Natur und tolle Mode- und Möbeldesigner. Es wird auch gefeiert als wahr gewordene Vision in Sachen Gleichberechtigung, Wohlfahrtstaat, Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Europäische Politiker kommen gerne, um Kitas, Firmen und all die anderen Erfolge zu besichtigen. Vor allem Linke und Grüne sehen ein Zukunftsmodell.

Schweden dient als Projektionsfläche. Aber auch für die politisch andere Seite: für Rechte und Rechtspopulisten. Für sie ist Schweden so etwas wie ein gescheiterter Staat, ein Land, das in Gewalt versinkt. Aktuell werden diese rechten Theorien mit großer Wucht in sozialen Medien verbreitet, etwa bei Twitter.

Das Schreckensbild ist nicht neu. Aber nachdem Schweden neben Deutschland die offenste Flüchtlingspolitik Europas verfolgte, erlebt die Erzählung von den angeblich schlimmen Zuständen dort eine neue Hochphase - auch bei rechten amerikanischen Medien. Und nun wird sie befeuert durch den US-Präsidenten.

Donald Trump hatte erst von großen Problemen in Schweden und einem angeblichen Anschlag dort gesprochen und dann - als er wegen seiner falschen Aussage scharf kritisiert wurde - gesagt, er habe sich auf einen Beitrag des Senders "Fox News" bezogen. Tage nach Trumps Ausspruch gab es dann in Stockholm tatsächlich Krawalle . Und viele fühlten sich bestätigt - auch Trump selbst.

Er wird nachträglich gar zum Propheten erklärt. Berichte über Ausschreitungen in Schweden von vor drei Jahren werden massenhaft geteilt. Befeuert wird die aktuelle Debatte durch schwedische Rechtspopulisten, die im amerikanischen Fernsehen Trump dafür danken, die angebliche Situation in dem skandinavischen Land angesprochen zu haben - während der CNN-Reporter in Stockholm am Tag nach den Krawallen keine Anzeichen von Chaos mehr finden kann.

Wie ist die Lage in Schweden wirklich?

Weder ist Schweden das Bullerbü-Paradies, als das es manchen Linken gilt. Noch ist Schweden ein Land im Chaos.

In weltweiten Ranglisten rangiert es bei Themen wie Sicherheit, Zufriedenheit, Gesundheit, Umweltschutz, Gleichberechtigung immer ganz vorne. Einen islamistischen Terroranschlag gab es in Schweden zum Beispiel seit 2010 nicht, damals sprengte sich ein Attentäter in Stockholm in die Luft. Weitere Tote gab es nicht.

Probleme (und Politiker, die darauf nur zögerlich reagieren) hat das Land trotzdem. Wie übrigens auch die anderen reichen, westlichen EU-Staaten. Eine Kluft zwischen den Ärmsten und den Reichsten gibt es auch in Schweden. In den Wohnblocks, die der Staat in den Siebzigerjahren bauen ließ, wohnen oft fast ausschließlich sozial schwache Einwandererfamilien, viele von ihnen ohne Job und Perspektive. In Sachen Bildung ging es im internationalen Vergleich in den vergangenen Jahren für die Schweden bergab.

Und immer wieder sorgen Verbrechen oder Krawalle für Aufsehen - wie etwa die Ausschreitungen in einem Vorort von Stockholm im Jahr 2013 oder aktuell mehrere Morde auf offener Straße in Malmö. Der oder die Täter sind unbekannt. In den vergangenen Jahren kam es bei Musikfestivals zu sexuellen Übergriffen, die Täter sollen junge Asylbewerber gewesen sein.

Auf der anderen Seite erstarkten die rechtspopulistischen Schwedendemokraten, es gab fremdenfeindliche Übergriffe, Hass und Hetze.

Für Aufsehen sorgen seit Jahren auch die laut Statistik hohen Vergewaltigungszahlen in Schweden. Rechtspopulisten in aller Welt behaupten: Das liege eben an den vielen Einwanderern in dem Land. Nachweisen lässt sich diese Behauptung nicht. Einordnen lassen sich die Zahlen ohnehin nur schwer. Immer wieder heißt es, die hohen Fallzahlen kämen zustande, weil sich in Schweden mehr Menschen trauten, Übergriffe anzuzeigen - oder weil die Definition, was eine Vergewaltigung ist, weiter gefasst sei.

Warum schafft es ausgerechnet Schweden in die Schlagzeilen in den USA?

Trumps Wähler seien "besessen" von Schweden, schreibt etwa Björn af Kleen, Journalist bei der schwedischen Zeitung "Dagens Nyheter".

Er beschreibt in einem Artikel zu der jüngsten Aufregung, wie er bei einem Abendessen in Colorado mit einem Bergarbeiter zusammensaß. Als dieser sorgenvoll nach der "Islamisierung von Schweden" fragte, hätten alle Gäste im Restaurant innegehalten. Und als der bekennende Trump-Wähler dann seine Theorie zur "Vergewaltigungskultur aus dem Nahen Osten" erklärte, der sich die freien schwedischen Frauen unterwerfen müssten, habe ein anderer Gast sein Bier geleert und gesagt, er müsse gehen, es werde ihm zu emotional. Das kleine Schweden wühlt die Menschen sogar in Colorado auf - das zeigt diese Anekdote.

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Trump gegen Schweden: Skandinavisches Idyll oder Ort des Schreckens?

In dem "Dagens Nyheter"-Artikel zeichnet der Journalist af Kleen mithilfe des schwedisch-amerikanischen Historikers Lars Trägårdh nach, warum Schweden seit vielen Jahrzehnten in der amerikanischen Innenpolitik eine Rolle spielt. Bereits in den Dreißigerjahren habe ein US-Journalist ein Buch über den schwedischen Mittelweg zwischen Kommunismus und Kapitalismus geschrieben - noch lobend.

Später dann dominierte ein anderes Schweden-Bild die Debatte. Die Rede war in Artikeln und Büchern von der "schwedischen Sünde", von übermäßigem Alkoholkonsum, hohen Selbstmordraten. US-Präsident Dwight D. Eisenhower geißelte einst mit markigen Worten den dortigen Wohlfahrtsstaat. Im Kalten Krieg wurde Schweden in den USA wegen seiner militärisch neutralen Rolle zwischen den Blöcken argwöhnisch betrachtet.

Nach Barack Obamas Amtsantritt 2009 gab es eine neue Welle des Schweden-Bashings. Wegen seiner geplanten Gesundheitsreform wurde Obama von konservativer republikanischer Seite unterstellt, er wolle "schwedische Zustände" herstellen.

Aktuell kommt in Bezug auf das Schwedenbild eine neue Konfliktlinie hinzu - so erklärt es Historiker Trägårdh. Diese verläuft zwischen dem von Trump propagierten Nationalismus und Protektionismus auf der einen und Globalisierungsbefürwortern auf der anderen Seite. Aus Sicht von Trump und seinen Anhängern sei Schweden so etwas wie eine Gefahr: Wenn ein Land einen funktionierenden Wohlfahrtstaat habe, Freihandel und eine offene Einwanderungspolitik, und wenn dieses Modell auch noch gelänge, dann gingen dem Trump-Lager die Argumente aus.

Dass sich das Schweden-Bild in bestimmten Kreisen im Ausland in den vergangenen Jahren zum Negativen gewandelt hat, daran haben auch Politiker der schwedischen Rechtspopulisten mitgearbeitet - mit von ihnen verfassten Texten über Schweden für die ultrarechten Webseite "Breitbart News". Dort wurden die Artikel extrem gut gelesen. Macher des Portals war lange Stephen Bannon, der heute Trumps Chefstratege ist.

Mehrere schwedische Kommentatoren vertreten in der aktuellen Diskussion die Haltung: Probleme benennen, Fakten liefern - und sich damit gegen Trump stellen. Und nicht überdrehen. Eine Kommentatorin der Zeitung "Aftonbladet" schreibt: "Im Großen und Ganzen ist Schweden ein Land, von dem Donald Trump und die meisten Menschen in der Welt nur träumen können."

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