Trump und seine Anhänger Lästern, lügen, lynchen

"Willkommen zur Trump-Revolution!" Bei einem Auftritt in Las Vegas tobt die Menge, fast kommt es zu einem Lynchmord. Wer sind diese Leute, die Donald Trump zum Spitzenreiter der republikanischen Präsidentschaftskandidaten gemacht haben?

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Aus Las Vegas berichtet  


Es fängt, wie alles, ganz harmlos an. Das letzte Mal, so erinnert sich Robbie Brown mit glänzenden Augen, habe sie an dieser Stelle gestanden, um Elvis zu sehen. Sein letzter Auftritt, August 1975, der nahende Tod stand dem "King" da schon ins Gesicht geschrieben.

Das Las Vegas Hilton war mal eines der legendärsten Casino-Hotels Amerikas. Heute heißt es Westgate und ist alles andere als exklusiv. Trotzdem ist Ronnie Brown zurückgekehrt, um hier erstmals wieder einen König zu bejubeln, der ihre Augen glänzen lässt - Donald Trump.

"Er spricht mir aus dem Herzen", sagt die 61-Jährige, die als Blackjack-Dealerin in einem anderen Casino arbeitet, am berühmten "Strip". Dessen Namen möge man bitte nicht nennen, "wir haben ja so viele Gäste aus dem Nahen Osten", und die gäben gutes Trinkgeld.

Trinkgeld hier, Islamophobie da: Es ist einer von vielen Widersprüchen, die an diesem Abend durch den eiskalten Ballsaal des Westgate wabern, in dem Hunderte Fans von Donald Trump auf ihr Idol warten. Der Milliardär ist ihr Elvis: "Wir wollen Trump! Wir wollen Trump!", brüllen sie sich warm.

Doch wer sind diese Anhänger, deren Begeisterung Trump zum anscheinend uneinholbaren Spitzenreiter im Vorwahlzirkus der US-Republikaner gemacht hat? Und die ihn immer lauter bejubeln, je abstruser, abwegiger, beleidigender und verlogener er herumpöbelt?

Es sind ältere, nette Damen wie Robbie Brown, die einem auf den ersten Blick keineswegs - anders als Trump - rassistisch oder gar faschistisch veranlagt vorkommen. Sondern sie wirken wütend, am Ende ihrer Geduld - und stolz darauf, dass endlich mal einer für sie spricht.

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Wahlkampf in Las Vegas: Trump und seine Anhänger
"Hinter den kann ich mich stellen"

Brown klagt über "die Illegalen" aus Mexiko, die meist nur "Mord und Vergewaltigung" nach Las Vegas brächten, und über die Araber, die am 11. September 2001 an ihrem Blackjack-Tisch gesessen und zur Feier des Tages "Champagner bestellt" hätten. Amerika sei schwach und verlogen geworden. Trump dagegen sei stark und ehrlich: "Er hat einen Plan."

"Wir sind es leid", sekundiert Browns Blackjack-Kollegin Carol Collins und rückt ihre Sonnenbrille zurecht, die mit winzigen Revolvern aus Edelstein dekoriert ist. Rassismus? "Was soll's, findet euch damit ab."

Trumps Anhänger, das sind aber auch viele Männer. Derbe Männer, die man eher in der Kneipe sieht als bei Politikerreden. Chris Patterson, 44, ist Bühnenarbeiter. Er war mal Demokrat, nun ist er Republikaner: "Zum ersten Mal bin ich überzeugt: Hinter den kann ich mich stellen."

Patterson nennt die gleichen Schlagworte wie die meisten hier: Amerika sei schwach, Washington sei korrupt. Sie selbst seien zu lange die vergessene, "schweigende Mehrheit" gewesen - eine fast ausschließlich weiße Mehrheit, die sich in der Weite des halbleeren Saals verliert. Viele stützen sich auf Gehhilfen oder rollen in Wägelchen an, mit Eimern, in denen die Beute vom Casino klimpert.

Überall Trump-Toupets, Trump-Masken, sogar einen Trump-Imitator gibt es: Robert Ensler heißt der. Sein Haar ist echt, dessen Farbe nicht, und das Rouge extra dick. "Ein lebensechtes Porträt des Mannes, seines Geldes, seiner Attitüde und seiner Präsidentschaftskandidatur!", hat er auf seine Visitenkarte gedruckt.

"Willkommen zur Trump-Revolution!"

Er sei immer schon ein Trump-Fan gewesen, sagt Ensler. Dessen Erfolg beschere ihm jetzt ein unverhofftes Geschäft als Doppelgänger.

Doch Trump lässt sie warten. Erst gibt es ein Gebet, einen Fahneneid - und den Aufruf des Republikaner-Bezirkschefs zum Aufstand aller "Christen und Waffenträger": "Willkommen zur Trump-Revolution!"

Schließlich erscheint der höchstselbst - und schnell sind alle gutmütig-glaubhaften Ehrbekundungen seiner Jünger wie weggewischt.

Auch Trump fängt harmlos an. "Es ist mir eine Ehre, hier zu sein", ruft er und stürzt sich dann in eine freie, wahnwitzige Rede. Ein zusammenhangloses Kompendium aus Parolen, Worten, Halbsätzen und Tausenden Gedanken, die er anfängt, ohne sie zu Ende zu führen.

"Der Iran-Deal!" Die Menge buht beglückt. "Bergdahl!" Auch diesen Schlüsselreiz erkennen sie: Bowe Bergdahl, der mutmaßliche Afghanistan-Deserteur, ist einer ihrer vielen Feindbilder. "Erschießen!", ruft jemand, Trump nickt wohlwollend. "Ich höre, er solle ohne Gefängnisstrafe davonkommen", lügt er, das Gegenteil ist der Fall.

Lästern, lügen, die Wahrheit sagen - es macht keinen Unterschied. Immer mehr Amerikaner, ruft Trump mit rotem Kopf, würden von illegalen Einwanderern "vergewaltigt, zum Analverkehr gezwungen, gekillt". Er bringt einen Schwarzen auf die Bühne: Jamil Shaw aus Los Angeles, er erzählt, wie sein 17-jähriger Sohn "von einem Illegalen" erschossen wurde, "durch die schützenden Hände in den Kopf".

Ein Protestierender, ebenfalls schwarz, schreit etwas dazwischen. Alle Köpfe wenden sich, geballte Fäuste schießen in die Höhe, ein wütender Mob wogt auf den Störenfried zu. "Trump! Trump! Trump!", skandieren sie. Drei bullige Trump-Wärter schleifen den jungen Mann aus dem Saal.

"Lügner! Abschaum! Das Allerletzte!"

Immer wieder wird Trump von Zwischenrufern gestört: Aktivisten der Gruppe Black Lives Matter, strategisch im Saal verteilt, opfern sich der wütenden Menge. Als die einen weiteren Schwarzen zu Boden ringt, ruft ein Weißer zur Lynchjustiz auf: "Zündet den Motherfucker an!"

Trump nutzt das, um die Journalisten zu beschimpfen, die auf einem Podium stehen. "Lügner! Abschaum! Das Allerletzte!" Die buhende Menge wogt wieder in eine andere Richtung, Trump grinst.

Kreuz und quer geht es in seinem endlosen Bewusstseinsstrom: Mauer zu Mexiko, Bollwerk gegen alle Muslime, China zockt uns ab. "Keiner hat solche Menschenmassen wie ich", erst recht nicht Hillary Clinton mit ihren Hosenanzügen und Telepromptern. "Mein Haar ist echt, man glaubt es nicht". Dann diese ganzen Flüchtlinge aus Syrien, "alles junge, kräftige Männer, keine Frauen und Kinder", ein "trojanisches Pferd" für Terroristen - "ich liebe, was wir gemeinsam tun werden!"

Auch Angela Merkel greift er ab. Was die Kanzlerin Deutschland angetan habe mit ihrer schrecklichen Flüchtlingsliebe: "Was für ein Chaos, mit der ganzen Kriminalität und den Problemen."

Nach einer Stunde werden Trumps Sätze immer wirrer und die Menschen immer müder. Zu Dutzenden verlassen sie den Saal, schlurfen zurück zu den Roulettetischen und den einarmigen Banditen. "Naja", seufzt eine ältere Dame. "Wenigstens war's unterhaltsam."

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