Putin trifft Trump bei G20 Ein Handschlag, das wäre ja schon mal was

Seit Monaten wünscht sich Wladimir Putin ein Treffen mit Donald Trump. Nun bekommt er es im Miniformat auf dem G20-Gipfel. Viel erwartet Moskau nicht mehr - eine Chronologie der Enttäuschung.

Donald Trump und Wladimir Putin
AFP

Donald Trump und Wladimir Putin

Von , Moskau


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Wladimir Putin trifft Donald Trump. Endlich.

Seit dem Amtsantritt des US-Präsidenten wird das Thema in Moskau diskutiert. Wo und wann begegnen sich die beiden Staatschefs? Womöglich auf Island, auf neutralem Boden? Oder in Slowenien, Heimatland von Trumps Frau Melania? Manch einer spekulierte sogar über ein Treffen, als Putin Ende Mai zum französischen Präsidenten flog. Trump, auf Antrittsbesuch bei der Nato, sei doch in der Nähe, war in russischen Zeitungen zu lesen. Das Problem: Trump saß da in Wahrheit längst in der Air Force One zurück nach Washington.

Nun also schütteln sie am Freitag in Hamburg das erste Mal Hände. Der Kreml will diese Begegnung unbedingt, auch wenn es nur eine Mini-Zusammenkunft auf einem Gipfel ist. In Moskau musste man zusehen, wie Trump seit Januar Dutzende Staats- und Regierungschefs traf, selbst den ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko empfing er. Für Putin aber griff er lediglich dreimal zum Telefonhörer. Eine Beziehung auf Augenhöhe sieht anders aus.

In Russland hat sich Frust breit gemacht. Von der großen Vorfreude auf Trump, der Hoffnung auf mögliche Deals, befeuert von der Euphorie der Staatsmedien ist nichts mehr übrig. Von "unnormalen Beziehungen" ist nun die Rede, einem Tiefstand seit dem Kalten Krieg, da sind sich Kreml-nahe wie -kritische Fachleute einig.

Dabei sah alles so gut aus: Mit Trump wurde ein Mann US-Präsident, der im Wahlkampf versprochen hatte, das Verhältnis zu Russland zu verbessern. Und schlechter als unter Vorgänger Barack Obama, meinte man im Kreml, könnten die Beziehungen ja nicht werden.

Doch, konnten sie.

Aus der Sicht des Kreml - die Rückschläge in den ersten Trump-Monaten:

  • 14. Februar: Sicherheitsberater Flynn tritt zurück
    Den ersten großen Dämpfer bekommt das Verhältnis an dem Tag, als Sicherheitsberater Michael Flynn zurücktritt. Er hatte sich für eine Verbesserung der Beziehungen mit dem Kreml eingesetzt. Nach Trumps Wahlsieg telefonierte Flynn mehrmals mit dem russischen Botschafter Sergei Kisljak, der inzwischen nach Moskau zurückgerufen wurde, informierte darüber aber Vizepräsident Mike Pence nicht.
Michael Flynn (ganz rechts) am 28. Januar bei Trumps ersten Telefonat mit Putin
REUTERS

Michael Flynn (ganz rechts) am 28. Januar bei Trumps ersten Telefonat mit Putin

Diese Zusammenhänge werden in russischen Medien kaum thematisiert, dafür aber die Reaktionen: Eine "aggressive Kampagne" und "Hexenjagd" sehen russische Politiker; Flynn bezeichnen sie als Opfer antirussischer Stimmung; der Geschäftsmann Trump sei gefangen in den Zwängen des Washingtoner Politikbetriebs, mit wenig Spielraum so zu agieren, wie er es wolle.

Gestört werde das Verhältnis zu Moskau nicht von Trump und seiner Regierung, sondern dessen Gegnern: den Demokraten, die von ihrer Wahlniederlage mit einer antirussischen Kampagne ablenken wollten, so auch Putins Lesart. Dass die mutmaßlich russischen Hackerattacken im US-Wahlkampf die Debatte in den Vereinigten Staaten maßgeblich befeuert, blendet er dabei großzügig aus.

  • 7. April: US-Vergeltungsschlag gegen Syrien

    Trump lässt Marschflugkörper auf eine Luftwaffenbasis in der Nähe von Homs schießen. Der US-Präsident will damit keine groß angelegte Syrien-Intervention. Trotzdem zeigt der Vergeltungsschlag für den C-Waffenangriff gegen syrische Zivilisten, dass Trump vor gezielten Angriffen auf Moskaus Verbündeten Baschar al-Assad nicht zurückschreckt.
"Tomahawk"-Marschflugkörper abgefeuert vom US-Kriegsschiff "USS Porterconducts"
AFP/ US Navy

"Tomahawk"-Marschflugkörper abgefeuert vom US-Kriegsschiff "USS Porterconducts"

Moskaus Reaktion fällt vergleichsweise milde aus, auch nachdem die USA einen Kampfjet des Assad-Regimes am 18. Juni bei Rakka abschießen. Zwar ist Russland aus dem Abkommen mit Washington über eine gemeinsame Vermeidung von Luftzwischenfällen inzwischen ausgestiegen, aber eine Eskalation will man im Kreml nicht. Syrien und der viel beschworene Kampf gegen des Terrorismus sind der Bereich, in dem man Anknüpfungspunkte mit Trump sieht. Doch was will Trump in Syrien eigentlich? Darüber herrscht in Moskau Rätselraten.

  • 20. Juni: Sanktionen ausgeweitet
    Die Hoffnung, die Sanktionen gegen Russland wenn nicht abzuschaffen, aber wenigstens abzumildern, zerschlägt sich endgültig. Dass der republikanisch dominierte US-Senat neue Sanktionen Mitte Juni beschlossen hat, die noch durch das Unterhaus und den Präsidenten zu billigen sind, ist die eine Sache. Die andere, dass das US-Finanzministerium anlässlich des ersten Besuchs von Poroschenko in Washington 38 weitere russische Geschäftsleute, Unternehmen und Beamte auf seine Sanktionslisten setzt.
Petro Poroschenko im Weißen Haus
AFP

Petro Poroschenko im Weißen Haus

Die Enttäuschung in Moskau ist groß. Es ist Trumps Regierung selbst, die gegen Russland vorgeht. Eine "extrem destruktive Politik" sei das, heißt es im Außenministerium.

Braucht Trump Putin überhaupt?

Dementsprechend niedrig sind nun die Erwartungen, auch weil man den dauertwitternden Trump für unberechenbar hält. Er will beispielsweise den mittel- und osteuropäischen Ländern künftig amerikanisches Flüssiggas liefern, um sie so unabhängiger vom russischen Gas zu machen - ein Affront.

Zudem ist nach wie vor nicht klar, was Trump eigentlich von Putin will. Der Kreml-Chef hingegen weiß genau, was er von den Amerikanern will - anders als das Weiße Haus hat er eine ganze Liste an Themen: Syrien, Terrorismus, die Ukraine, Rüstungskontrolle, Nordkorea. Hinzu kommt, dass man in Russland nach wie vor nicht einschätzen kann, welchen Einfluss der in Moskau respektierte Ex-Ölmanager und US-Außenminister Rex Tillerson in der US-Regierung hat.

In Russland erwartet man deshalb ein Kennenlernen - mehr nicht. Außenpolitikexperte Fjodor Lukjanow spricht bereits von einem "Treffen ohne Perspektive". Vielleicht vereinbarten die Präsidenten ja Ort und Zeit für ein Einzeltreffen, so die leise Hoffnung.

Wenn nicht, dann bleiben wenigstens die ersten Bilder von Putin und Trump. Schon darüber ist man in Moskau in diesen Zeiten froh.


Zusammengefasst: Zum ersten Mal trifft Wladimir Putin den US-Präsidenten Donald Trump auf dem G20-Gipfel in Hamburg. Seit Monaten arbeitet der Kreml auf diese Zusammenkunft hin, die nun im kleinen Rahmen stattfindet. In Moskau ist die Euphorie über den Wahlsieg Trumps in Enttäuschung umgeschlagen - nach etlichen Rückschlägen in den ersten Monaten des US-Präsidenten.



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