Auslandseinsatz Trump will US-Truppen aus Syrien abziehen

Es sollen sich "andere Leute" kümmern: Der US-Präsident überrascht mit einer Aussage, sich aus dem Konflikt in Syrien zurückziehen zu wollen. Es ist ein Alleingang. Außen- und Verteidigungsministerium wussten von nichts.

US-Präsident Donald Trump in Ohio
DPA

US-Präsident Donald Trump in Ohio


US-Präsident Donald Trump hat überraschend einen baldiges Ende des Syrien-Einsatzes seines Landes angekündigt. "Wir werden sehr bald aus Syrien abziehen", sagte Trump am Donnerstag in einer Rede vor Industriearbeitern im Bundesstaat Ohio. Die US-Soldaten sollten "zurück in unser Land kommen, wo sie auch hingehören".

Trump hatte die Abzugs-Ankündigung offenbar nicht mit seinem Kabinett abgestimmt: Das Außenministerium in Washington wusste nach eigenen Angaben nichts von einer entsprechenden Entscheidung. Auf die Frage, ob sie über die Pläne im Bilde sei, sagte Ministeriumssprecherin Heather Nauert: "Bin ich nicht, nein. Nein."

Auch steht die Aussage im Gegensatz zur Ansicht des Verteidigungsministeriums, wie mehrere US-Medien berichteten. Pentagon-Sprecherin Dana White hatte nur wenige Stunden vor Trumps Rede gesagt, in Syrien gebe es noch viel zu tun, um einen dauerhaften Sieg über die Extremisten sicherzustellen.

Verteidigungsminister James Mattis und Ex-Außenminister Rex Tillerson hatten sich für einen Verbleib ausgesprochen. Auch Tillersons designierter Nachfolger Mike Pompeo und der Nationale Sicherheitsberater John Bolton sehen "Politico" zufolge eine weitere Rolle für die USA in Syrien.

Wirre Rede

In seiner von populistischen Tönen durchzogenen Rede zog Trump eine verheerende Bilanz der US-Interventionen im Nahen Osten: "Wir haben sieben Billionen Dollar im Nahen Osten ausgegeben - und was haben wir dafür bekommen? Nichts."

Um Syrien sollten sich nun "andere Leute" kümmern, sagte Trump weiter. Wen er damit meint, sagte der US-Präsident aber nicht. Neben den USA haben noch Russland und der Iran größere Truppenkontingente in Syrien stationiert, beide unterstützten allerdings den syrischen Machthaber Baschar al-Assad und sind erklärte politische Gegner der USA.

Machtverhältnisse in Syrien
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Machtverhältnisse in Syrien

Trump rechtfertigte einen Rückzug der US-Truppen auch damit, dass das von der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) ausgerufene "Kalifat" weitgehend besiegt sei. In seiner streckenweise unzusammenhängenden Rede sagte er: "Sehr bald - sehr bald kommen wir raus. Wir werden hundert Prozent des Kalifats haben, wie sie es nennen - manchmal auch bezeichnet als 'Land' - holen alles zurück schnell, schnell."

Unterdessen verlassen immer mehr Menschen die umkämpfte Region Ost-Ghouta nahe der syrischen Hauptstadt Damaskus. Hunderte Kämpfer und ihre Angehörigen hätten Busse bestiegen, die sie in die noch immer von Rebellen gehaltene Stadt Idlib bringen sollen. Seit Beginn der Evakuierungsaktion vor einer Woche sollen fast 32.000 Menschen den von der Gruppe "Armee des Islam" kontrollierten Süden von Ost-Ghouta verlassen haben, wie die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sanaa berichtet. Seit Beginn der Offensive Mitte Februar sollen syrischen Medien zufolge 135.000 Menschen die Region verlassen haben. Etwa 400.000 Menschen lebten in Ost-Ghouta.

Explosion eines Sprengsatzes tötete zwei US-Soldaten

Die syrische Regierung habe ein Ultimatum gestellt, wonach Kämpfer der Rebellen innerhalb von drei Tagen die Stadt Douma in der Region Ost-Ghouta in Richtung Nordsyrien verlassen haben müssen. Ansonsten werde es einen Großangriff geben, drohte die Führung in Damaskus. Die Rebellen widersprachen am Freitag Berichten, wonach sie sich ergeben und Douma verlassen wollten.

Die US-geführte Militärkoalition gab am Freitag bekannt, dass zwei ihrer Soldaten am Donnerstagabend bei der Explosion eines Sprengsatzes in der nordsyrischen Stadt Manbidsch getötet worden seien. Fünf weitere Soldaten seien verletzt worden. Aus dem Pentagon verlautete, dass einer der beiden Toten ein US-Soldat sei. Damit stieg die Zahl der in Syrien und Irak im Kampf gegen den IS getöteten US-Soldaten auf 14. Die Nationalität des anderen getöteten Soldaten wurde nicht genannt.

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Angriffe auf Ost-Ghuta: Aleppo 2.0

Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte traf der Sprengsatz einen Konvoi im Zentrum von Manbidsch. Auch vier örtliche Gemeindevertreter seien getötet worden. Manbidsch war von kurdischen Kämpfern mit Unterstützung der US-geführten Koalition vom IS befreit worden. Die an einer Schnittstelle von verschiedenen Einflusszone liegende Stadt könnte sich aber zu einem neuen Konfliktherd entwickeln.

Manbidsch liegt 30 Kilometer südlich der türkischen Grenze - unweit der umkämpften Region Afrin. Die USA sind dort mit Spezialkräften präsent. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat mehrfach mit einem Angriff auf die von der Kurdenmiliz YPG kontrollierte Stadt gedroht - dies könnte zu einer direkten Konfrontation zwischen den USA und der Türkei führen.

Im Osten Syriens sind mehr als 2000 US-Soldaten im Einsatz, die den Kampf diverser Milizen gegen den IS unterstützen. Die IS-Miliz hatte im Juni 2014 ein "Kalifat" in großen Teilen Syriens und des Irak ausgerufen. Durch den Einsatz einer von den USA angeführten Militärkoalition verloren die Dschihadisten seitdem aber stark an Boden.

Im Januar hatte der damalige Außenminister Rex Tillerson noch angekündigt, den US-Militäreinsatz in Syrien auszuweiten, um die IS-Miliz weiter zu bekämpfen und Assad aus dem Amt zu drängen. Trump hat Tillerson Mitte März entlassen.

Schlacht um Ost-Ghuta - Die Bilder des Krieges:

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Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes war die Rede von sieben Milliarden Dollar, die US-Präsident Donald Trump zufolge im Nahen Osten investiert worden seien. Dies war nicht korrekt. Der US-Präsident sprach von sieben Billionen, im Original "Trillion". Unklar ist, auf welchen Zeitraum er sich mit dieser Aussage bezog.

jat/dpa/Reuters/AFP

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Außenpolitiker 30.03.2018
1. Sehr gut Mr. Trump
Man muss auch fähig sein, jemanden zu loben den man persönlich nicht mag. Sehr gute Entscheidung, die eine Hillary Clinton mit Sicherheit nicht getroffen hätte. Die USA müssen sich aus der Region zurückziehen, nur ohne fremde Besatzer kann Frieden entstehen!
butzibart13 30.03.2018
2. Karten werden dann neu gemischt
Es ist zwar einerseits gut, wenn die USA sich aus dem Wirrwarr in Syrien zurückziehen, dann ist eine Hauptmacht weniger da. Aber den Rest vom IS dürfte es freuen, da sich die Türken und Syrer weniger um diese Miliz kümmern. Die Türken, aber auch die Russen können die direkte Konfrontation mit den USA vermeiden. Leidtragende bleiben dabei die Kurden, die sich gezwungenermaßen mit Assad verbünden müssen. Auch der Einfluss des Iran dürfte schwer abzuschätzen sein.
joG 30.03.2018
3. Vermutlich ist es mit...
...den Saudis und Israel abgesprichen worden. Aber sonst? Es ist doch richtig abzubrechen, wenn man nicht bereit ist zu tun, was notwendig ist um Ziele zu erreichen. Europa war nicht bereit sich substativ einzubringen und eine tragende Rolle zu übernehmen, obwohl die Amerikaner gern geholfen hätten. So blieb es an ihnen wieder hängen. Anders als Obama will Trump nun sich nicht weiter vorführen lassen.
soerenschein 30.03.2018
4. Ein Traum
Ein Amerika, welches im Nahen Osten nichts als Chaos und verbrannte Erde hinterlassen hat, zieht sich endlich zurück. Man hätte sich von vornherein nicht dort einmischen sollen, aber der Blick auf potentielles Öl hat den Blick der Verantwortlichen für Sinn und Unsinn von US-Interventionen vernebelt. Langfristig kann nur ein Abzug aus der Region diese wieder stabilisieren. Amerika sollte sich in Zukunft aus den Belangen der Welt heraushalten.
derhey 30.03.2018
5. Entweder oder
so her gesehen hat er ja nicht Unrecht. Andere Leute - man muß wohl hinterfragen, wie es sein kann, daß der Herr aus Ankara in Nordsyrien einmarschiert, ohne daß Rußland robust protestiert, auch die USA halten sich zurück, jetzt erst recht. Great deal - ohne Verschwörungstheorien anzudenken, so zufällig läuft da wohl nichts ab. An der Südflanke hat Rußland einen neuen Partner, Estland, Lettland und Litauen müssen aufpassen.
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