45. US-Präsident Nur ein Amerikaner unter vielen

Wie lebt es sich in den USA unter Trump? SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Roland Nelles über einen chaotischen Präsidenten, echte Probleme und aufmüpfige Amerikaner.

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Nennt mich einen unverbesserlichen Optimisten, aber ich bin mir sicher, dass die USA und wir alle diese Präsidentschaft des Wahnsinns mit einigermaßen heiler Haut überleben werden. Ich glaube einfach nicht daran, dass Donald Trump die USA oder gar die Welt grundlegend verändern wird.

Dazu ist er zu chaotisch. Vor allem aber ist Trump nicht Amerika. Der Präsident ist hier nicht allmächtig, sondern wird durch alle möglichen Institutionen und Regeln eingehegt und beschränkt. Amerika ist unfassbar groß, vielfältig, pluralistisch, ein starker Rechtsstaat, eine wunderbare Demokratie, mit ziemlich widerspenstigen, selbstbewussten Bewohnern - und deshalb einfach für niemanden leicht zu regieren.

Das habe ich verstanden, seitdem ich in Washington lebe und gleichzeitig an vielen unterschiedlichen Orten im Land unterwegs bin. Natürlich hat Trump seine Unterstützer. Sie würden für ihn über glühende Kohlen laufen. Aber sie machen vielleicht ein Drittel der Bevölkerung aus. Das zeigen auch aktuelle Umfragen, in denen er auf Beliebtheitswerte zwischen 30 und 40 Prozent kommt. Aber: Der Rest des Landes hat entweder keine klare Meinung oder ist klar gegen ihn.

Diese Menschen verschwinden jetzt nicht einfach oder halten den Mund, nur weil der Mann regiert. Viele stellen seine Politik in Frage, in den Medien, in den Universitäten, im Kongress, in liberalen Bundesstaaten wie Kalifornien oder New York, sie bremsen Trump aus, klagen vor Gericht, ärgern ihn, demonstrieren.

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Trump ist nicht Amerika. Bestimmt hat Trump sich das mit dem Präsidentenjob alles viel einfacher vorgestellt, als er vor einem Jahr auf den Stufen des Kapitols in Washington seine düstere Antrittsrede hielt. Damals versprach er, alles anders zu machen, Amerika vollständig zu erneuern, politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich. Er rief so etwas wie die Trump-Revolution aus, aber das, was bislang passiert ist, würde ich allenfalls als "Revolutiönchen" bezeichnen.

Die Wirtschaft läuft rund, aber das entspricht einem normalen Zyklus. Trumps Steuerreform hätte so oder ähnlich wahrscheinlich auch jeder andere republikanische Präsident umgesetzt. Die Gesundheitsreform "Obamacare" hat er nicht abgeschafft, sondern nur in Teilen verschlimmbessert. Und beim Thema Einwanderung hat er bis jetzt auch nur Stückwerk vorgelegt. Seinen groß angekündigte Infrastrukturplan wird er ohne Zustimmung der Demokraten wohl kaum finanziert bekommen.

In der Außenpolitik ist es ähnlich: Da stiftet er zwar viel Durcheinander, etwa im Nahostkonflikt oder mit seinen wirren Drohgebärden in Richtung Nordkorea. Aber die Eckpfeiler amerikanischer Außenpolitik bleiben unberührt: Er hält an der Nato fest, obwohl er sie im Wahlkampf noch als "obsolet" bezeichnet hatte. Er versucht, Russland einzuhegen. Er sucht gemeinsame Lösungen mit den Chinesen in Handelsfragen.

Idiotische Tweets

Natürlich kann man sich jeden Tag darüber aufregen, welchen Unsinn Trump anstellt. Seine Tweets sind meistens idiotisch, seine Angriffe auf die Presse und sein teils offener Rassismus sind eines Präsidenten unwürdig. Er verletzt Menschen, er ist ein großes Ärgernis für viele Amerikaner, auch für viele, die ihn gewählt haben und dies inzwischen sicher bereuen.

Aber das eigentliche Problem an Trumps Politik ist aus meiner Sicht ein ganz anderes: Unter Trump bleiben einfach zu viele wichtige Dinge unerledigt. Das Land, die Welt, wir alle verlieren vier wichtige Jahre, oder acht, wenn es ganz schlimm kommt.

Seit ich in den USA lebe, ertappe ich mich dabei, dass ich denke: Amerika ist ein großartiges Land. Aber Trump hat mit seiner Kritik an manchen Dingen auch recht. Deshalb hat er wahrscheinlich die Wahl gewonnen. Es gäbe für einen Präsidenten eigentlich so viel zu tun. Doch es geschieht: Nichts. Oder fast nichts. Das Land entwickelt sich nicht voran, sondern eher zurück.

Armut in den Städten und auf dem Land

Das Gesundheitssystem ist für jemanden, der aus Deutschland kommt, tatsächlich ein Wahnsinn, ein "Desaster", wie Trump sagt. Trotz "Obamacare". Kein Mensch blickt durch. Die Pharmaindustrie ruft Mondpreise auf, ein und dasselbe Medikament kann in der Apotheke 76 Dollar kosten oder 600 Dollar - je nachdem, welche Versicherung man abgeschlossen hat. Beim Zahnarzt kann ein ganz normaler Routinecheck ohne Bohren 400 Dollar kosten. Die Leute zahlen hohe Prämien für ihre Versicherungen und müssen trotzdem oft noch viele tausend Dollar aus der eigenen Tasche zuzahlen, wenn sie zum Beispiel eine Operation haben.

Und dann die Armut in den Städten und in manchen Gegenden: Ich war in Ohio, Michigan, Pennsylvania, New Jersey, da gibt es Gegenden, die sind so heruntergekommen, es gibt so viele Arme, dass man sich fragt: Was haben die Präsidenten der letzten zwei Dekaden, was hat Barack Obama eigentlich gegen diese Probleme wirklich unternommen?

Oder das Thema Einwanderung: Warum, frage ich mich, lassen die USA so viele Menschen aus bitterarmen Ländern ins Land, die hier dann weitestgehend ihrem Schicksal überlassen werden? Und warum haben es hochqualifizierte Ausländer manchmal so schwer, eine Arbeitsgenehmigung zu erhalten? Es gibt scheinbar kein stimmiges Konzept, keine Einwanderungsstrategie. Niemand kümmert sich wirklich um die Neuen aus Lateinamerika oder Asien, niemand sorgt dafür, dass sie die Sprache lernen oder anständig bezahlte Jobs bekommen. Sie leben oft am Rande der Gesellschaft, werden als billige Hilfskräfte ausgebeutet, der "American Dream" scheint für sie unerreichbar.

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Man denkt: Republikaner und Demokraten müssten sich zusammenraufen, um wirklich funktionierende Lösungen zustande zu bringen. Nur sie tun es nicht. Statt dessen ist die Atmosphäre vergiftet, wie man jetzt wieder an dem aktuellen Haushaltsstreit sehen kann. Und Trump ist für die Aufgabe des Anführers ungeeignet. Er bringt die Menschen bisher nicht zusammen, sondern vertieft nur die Gräben. Es wäre an der Zeit, dass er seine große Ankündigung umsetzt und das Land "heilt". Aber will er das überhaupt?

Trump ist nicht Amerika. Das bedeutet auch: Amerika ist mehr als Donald Trump. Das Leben geht vielerorts weiter seinen Gang, die Menschen haben ihre eigenen Sorgen, ihren Alltag. Fährt die U-Bahn pünktlich, was kostet der Sprit? Was gibt es Neues in der Schule? Wie läuft es im Job? Man mag es kaum glauben, aber nicht alle Welt denkt hier den ganzen Tag darüber nach, was Donald Trump jetzt schon wieder bei Twitter angestellt hat. Krisen wie der aktuelle "Shutdown" werden achselzuckend ertragen. Dass sich ihre Politiker gegenseitig blockieren, das kennen die Amerikaner schon. Das gab es unter Barack Obama und Bill Clinton auch schon.

Der Präsident, er ist in vielerlei Hinsicht eben nur ein Amerikaner unter vielen. Der Alltag der meisten Menschen verändert sich nicht grundlegend, nur weil er jetzt im Weißen Haus regiert. Die Amerikaner, denen ich begegne, sind so freundlich, aufgeschlossen, mutig wie eh und je. Und zwar ganz gleich, ob sie Trump gut finden oder nicht.

Es gibt in der amerikanischen Politik die Pendel-Theorie: Sie besagt, dass die politische Stimmung im Land mal in die eine Richtung, mal in die andere Richtung schwingt. So gesehen müsste der nächste Präsident oder die nächste Präsidentin nach Trump ein Versöhner sein, weise, freundlich und erfolgreich. Das wäre doch mal schön.

insgesamt 126 Beiträge
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Seite 1
merlin 2 20.01.2018
1. Besuch aus den USA
Wir hatten gerade Besuch aus den USA. Ich mach es kurz: Kein Plan zum Parteiprogramm, aber make amerika great again für wichtig erachten, keine Ahnung für was der Präsi eigentlich so steht, Immigrant sein, aber ihn wählen, die Mauer als etwas Gutes empfinden, weil damit die "Illegalen" nicht mehr so einfach ins Land kommen können und Waffen sind wichtig. Ach, ich vergaß. Was wollte man sehen? Die Bunker aus dem Krieg, die hier doch irgendwo noch rumstehen müßten. Sorry, aber die Person hat studiert. Gute Nacht USA!
kas075 20.01.2018
2. Systemfehler
Dass Trump zum Präsidenten gewählt wurde, beruht auf grundlegenden Fehlern im politischen System der USA. 1.) das Wahlmännerverfahren ermöglicht eben einem Kandidaten, der die Minderheit der Stimmen erhielt, den Sieg. Auch wenn das dem förederalen Prinzip dient, so ist es nicht sinnvoll, dass eine Stimme aus Wisconsin dreimal soviel zählt wie eine kalifornische. 2.) 99% aller amerikanischen Politiker hängen am Finanztropf der Konzerne, ohne Unterstützung der Lobbyisten kann kein Wahlkampf finanziert werden!
noalk 20.01.2018
3. ... bin mir sicher, dass die USA und wir alle ...
... diese Präsidentschaft des Wahnsinns mit einigermaßen heiler Haut überleben werden. - - - Genau das ist die ganz große Sch****! Genau deshalb, weil alle es überlebt haben werden, wird The Really Unbelievable Mr. President für eine zweite Amtszeit kandidieren - und das mit Erfolg.
Kleinklein2 20.01.2018
4. Pedeltheorie
Die Simpsons haben Trump als Präsidenten vorausgesagt, und danach kommt Lisa Simpson, eine Versöhnerin.
Topf Gun 20.01.2018
5. Anscheinend
Anscheinend reichen Achselzucken und Freundlichkeit aber schon lange nicht mehr aus. Die Amerikaner sollten eine Regierungsform einführen, die ein Mehrparteiensystem unterstützt. So wird das nix, mit "Make America great again"......
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