Zwei Wochen Trump Das leise Wimmern der Demokratie

Nach zwei Wochen im Amt ist klar: Donald Trump hat damit begonnen, die amerikanische Demokratie in eine Diktatur zu verwandeln. Wann ist der Punkt ohne Wiederkehr erreicht?

Anti-Trump-Proteste in Washington
DPA

Anti-Trump-Proteste in Washington

Eine Kolumne von


This is the way the world ends
This is the way the world ends
This is the way the world ends
Not with a bang but a whimper.

T.S. Eliot

Donald Trump hat damit begonnen, die amerikanische Demokratie in eine Diktatur zu verwandeln. Man kennt das Verfahren aus anderen Ländern: Ungarn, Türkei, Russland. Jetzt die USA. Der Prozess ist schleichend.

Die Demokratie stirbt leise, sie macht kein Geräusch. Ein berühmtes Gedicht von T.S. Eliot trägt den Namen: "The Hollow Men - Die hohlen Männer". Es endet mit den berühmten Zeilen: So geht die Welt zugrunde / Nicht mit einem Knall: mit Gewimmer. Es ist unsere Welt, von der da die Rede ist. Es ist unsere Demokratie, die nicht mit einem Knall untergeht - sondern mit einem Wimmern.

Die Vereinigten Staaten von Amerika waren die führende Nation der westlichen Welt. Sie brachten den Deutschen einmal Frieden und die Demokratie. Jetzt wurde dort ein fünfjähriger Junge festgenommen. Oder verhaftet. Oder festgesetzt. Es gibt sicher einen juristischen Terminus, der korrekt beschreibt, was die amerikanischen Sicherheitsbehörden mit diesem Jungen angestellt haben. Fünf Stunden lang hielten sie ihn ohne seine Eltern an einem Flughafen fest. Er ist amerikanischer Staatsbürger, aber aus Iran eingereist.

Und Iran steht auf der Liste jener Länder, aus denen nach einem Federstrich des amerikanischen Präsidenten Besucher aller Art unerwünscht sind. Ein Federstrich der vollkommenen Willkür. Und der Grausamkeit. Der Sprecher dieses Präsidenten sagte nachher, es wäre ein Fehler, nur aufgrund von Alter und Geschlecht den Schluss zu ziehen, dass ein Mensch keine Bedrohung darstelle.

Willkür und Grausamkeit - sind das nicht die Merkmale der Diktatur?

Die Demokratie schafft sich selber ab

Diktatur ist ein ernstes Wort. Wir haben Vorstellungen davon, was eine Diktatur ist. Schwere Tritte im Treppenhaus morgens um halb fünf. Verhaftungen. Vermisste. Willkür. Mit solchen Diktaturen kennen gerade wir Deutschen uns aus. Und die schwer bewaffneten Polizisten, die an den Flughäfen den wahnwitzigen Einreiseerlass des Präsidenten durchsetzen, sie ähneln noch unserem Bild von Diktatur. Aber das ist nur die Oberfläche. Das wahre Gesicht der Diktatur sieht heute anders aus.

Die Demokratie stirbt nicht an einem Tag. Sie schafft sich langsam selber ab. Trump wurde gewählt. Orbán wurde gewählt. Erdogan auch. Das Muster ist ähnlich. Ein Populist lügt sich an die Macht. Er installiert seine Verbündeten an den Schaltstellen des Systems, vor allem in der Justiz, im Sicherheitsapparat. Und er neutralisiert die Medien.

In einem bemerkenswerten Aufsatz über die Zerbrechlichkeit der modernen Demokratien, der jetzt im amerikanischen Magazin "Atlantic Monthly" erschien, heißt es: "Der Vorteil, einen modernen Staat zu kontrollieren, liegt weniger darin, die Unschuldigen verfolgen als die Schuldigen verschonen zu können." Ein kluger Satz. Denn obwohl es die klassischen Mechanismen der Diktatur noch gibt - in Russland und in der Türkei - hat sich eine moderne Form von Diktatur entwickelt.

Regeln werden gebeugt, Nachrichten manipuliert

Die Wahlen sind frei. Es wird niemand auf offener Straße erschossen. Und wer unzufrieden ist, darf jederzeit das Land verlassen. Aber die Justiz urteilt nicht mehr unabhängig. Die Medien berichten immer seltener aufrichtig. Öffentliche Aufträge werden nach politischer Freundschaft vergeben. Die Steuerbehörden prüfen gehäuft die Kritiker des Systems. Korruption wird zur Normalität. Die Regeln werden gebeugt, die Nachrichten werden manipuliert, und ein Teil der Elite wird in Mittäterschaft verstrickt.

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Nach den ersten zwei Wochen seiner Amtszeit kann kein Zweifel bestehen: Donald Trump will aus den USA eine solche moderne Diktatur machen. Ein Prozess hat begonnen, der sehr schwer aufzuhalten sein wird. Denn wer schützt die Demokratie? Man sollte sich auf keine Partei verlassen. Für die Macht tun viele alles. Trump vermischt persönliches und öffentliches Interesse? Er betreibt offene Vetternwirtschaft? Russische Hacker halfen ihm ins Amt? Er brüstet sich seines unwürdigen Umgangs mit Frauen? Die Konservativen tragen alles mit. Warum? Wegen der Macht.

Und weil sie sich nicht vorstellen können, was ihnen, dem Land, der Welt, noch alles blühen kann.

Als Adolf Hitler zum deutschen Reichskanzler ernannt worden war, schrieb Theodor Wolff, Chefredakteur des "Berliner Tageblatts": "Mag sein, dass man eine stille Gefügigkeit erzwingen, dass man in diesem Lande, das stolz war auf die Freiheit des Denkens und des Wortes, jede freimütige Regung niederhalten wird. Es gibt eine Grenze, über die hinweg die Gewalt nicht dringt."

Was für ein Irrtum.



insgesamt 547 Beiträge
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Seite 1
DasEinfacheVolk 02.02.2017
1. Haha
Aber bei Ihnnen muss man dabei ehrlich fragen. WELCHE Demokratie Herr Augstein? Ich und viele andere wissen, das das Wort Demokratie eine FESTE Definition hat. Aber wenn ich mich recht entsinne haben SIE sich das Wort Demokratie so umgedichtet, das man das Volk vor sich selber schützen muss. Sich das Wort "Demokratie" so interpretieren wie man möchte scheint bei den Kolumnisten vom Spiegel besonders "in" zu sein. mit besten Grüßen DasEinfacheVolk
itajuba 02.02.2017
2.
Ja, "wann ist der Punkt ohne Wiederkehr erreicht?" In der Türkei passiert es genau so, und dennoch spricht fast niemand mehr davon, und Merkel reist sogar hin.
philosophus 02.02.2017
3. Manifest der Demokratie...
?Demokraten aller Länder, vereinigt euch"... Hier und Jetzt... Morgen ist ZU SPÄT...
karl-ecker 02.02.2017
4. The point of no return?
Übertreiben Sie mal nicht, verehrter Herr Augstein jun. Die USA haben schon andere Faktoren überstanden.
TheBear 02.02.2017
5. Bei aller Liebe
Bei aller Liebe zur Kritik am Bösewicht, mir wäre es lieber, wenn mit der gleichen Intensität die Zustände in D und der EU kritisiert würden, bevor auch wir, wenn sich nichts ändert, auch wir "unseren Trump" bekommen. Im Nachbarland wird schon von seiten der "Elite" (Fillon) heftig darauf hingearbeitet.
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