Clinton gegen Trump Woche der Entscheidung

Plötzlich ist der US-Wahlkampf wieder spannend. Clinton gerät in die Defensive, Trump verspürt Aufwind. Wie stehen die Chancen der Kandidaten für den Einzug ins Oval Office? Um diese fünf Fragen geht es jetzt.

Oval Office des US-Präsidenten im White House
REUTERS

Oval Office des US-Präsidenten im White House

Von , New York


So schnell geht das. Vor nicht mal zwei Wochen verließ Donald Trump das Spielermekka Las Vegas als Verlierer. Nachdem er auch die letzte TV-Debatte gegen Hillary Clinton in den Sand gesetzt hatte, schien sein Schicksal besiegelt.

Am Sonntag kehrte Trump triumphal an den "Strip" zurück, die Casino-Meile von Las Vegas. Im Ballsaal des Luxushotels Venetian peitschte er die Menge zu frenetischen "Lock her up!"-Rufen auf: Clinton habe sich "kriminelle Handlungen" zuschulde kommen lassen - "absichtlich, vorsätzlich, zielbewusst".

Die jüngsten Enthüllungen um Clintons E-Mail-Probleme haben Trump Aufwind gegeben. Die Nachricht, dass das FBI bis zu 650.000 weitere E-Mails entdeckt habe, hat die Affäre wieder hochgespült, den Fokus auf Clinton verschoben und den Wahlkampf noch mal völlig durcheinandergewirbelt.

So etwas heißt hier "October Surprise", Oktober-Überraschung: eine dramatische Wende kurz vor der Wahl. Der Brandbrief von FBI-Chef James Comey fällt in diese Tradition - ein Albtraum für Clinton, die sich schon auf der Zielgeraden wähnte.

Und so ziehen die Kandidaten - Clinton erschöpft, Trump ermutigt - in diese letzte Woche vor der Wahl, die noch viel ungewisser, unvorhersehbarer ist als sonst. SPIEGEL ONLINE zeigt, wo es jetzt noch einmal richtig spannend werden könnte.

FBI-Direktor James Comey
REUTERS

FBI-Direktor James Comey

1. Weitere E-Mail-Enthüllungen

Wie geht es weiter in der Affäre? Zentrale Fragen bleiben unbeantwortet. Was wusste Huma Abedin, Clintons engste Vertraute? Der Laptop, auf dem die neu entdeckten Mails aufgetaucht sind, gehörte ihrem Mann, dem skandalverfolgten Ex-Kongressabgeordneten Anthony Weiner, von dem sie inzwischen getrennt lebt. Abedin soll den Computer mitgenutzt haben. Sind die E-Mails privat? Dienstlich? Geheime Staatssache? Oder völlig unbedeutend? Erst am Sonntagabend bekam das US-Justizministerium die gerichtliche Genehmigung, das Material zu sichten - was aber nicht heißt, dass es alsbald publik wird. Gerüchten zufolge soll Weiner überdies mit den Behörden zusammenarbeiten. Hier schlummern sicher noch Tretminen.

2. FBI-Direktor Comey

Es ist historisch beispiellos, dass sich das FBI so kurz vor einer Wahl einschaltet - mit solch vagen Informationen. Comey gerät unter Druck, womöglich verstieß er sogar gegen das Gesetz. Fast 100 Ex-Staatsanwälte und Top-Juristen, darunter der frühere Justizminister Eric Holder und etliche Republikaner, nannten das Verhalten Comeys in einem offenen Brief "perplex" und "besorgniserregend". Schon gibt es Rufe nach einem Rücktritt des FBI-Chefs. Auch die Rolle des FBI selbst gerät ins Fadenkreuz - so wussten Mitarbeiter schon seit Wochen von den neuen E-Mails.

Hillary Clinton
AFP

Hillary Clinton

3. Der pralle Terminkalender

Beide Seiten nutzen diese Woche, um durch die entscheidenden Swing States zu tingeln. Trumps Ehefrau Melania Trump spricht am Donnerstag in einem Vorort von Philadelphia - ihr erster Auftritt seit dem Parteitag, wo sie eine Rede gehalten hatte, die teils von Michelle Obama abgekupfert war. Präsident Obama wird auch noch mal für Clinton trommeln, in Ohio, North Carolina und Florida. Außerdem auf Tournee: Joe Biden, Bill Clinton, Senatorin Elizabeth Warren und Vorwahlrivale Bernie Sanders.

4. Die Umfragen

Selten waren die Umfragen so launisch. Letzte Woche lag Clinton in Florida noch knapp vor Trump, ist seither aber schon wieder abgerutscht. Landesweit bleibt es Kopf an Kopf, mit leichtem Vorteil für Clinton. Dass sich Trump so gut hält, begründet Wahlexperte Sam Wang mit der Polarisierung Amerikas. "Wenn Sie sich wundern, ob noch jemand übrig ist, der sich überreden lässt", schreibt er in der "New York Times", "dann ist die Antwort wahrscheinlich nein". Hinzu kommt das "early voting": In 35 Bundesstaaten und Washington wird schon gewählt. Insgesamt wurden bereits fast 20 Millionen Stimmen abgegeben - die Hälfte in Swing States.

Trump-Anhänger in North Carolina
AP

Trump-Anhänger in North Carolina

5. Eine weitere "October Surprise"

Auch Trump ist nicht sicher vor einem neuen Last-Minute-Skandal - oder dem Talent, sich selbst zu sabotieren. Doch die jüngsten Kapriolen um Clinton haben seine Anhänger noch fanatischer und auch handgreiflicher gemacht; einen Wahlsieg der Demokratin dürften sie nun erst recht nicht akzeptieren. Anderswo ist zu hören, dass Trumps engster Zirkel längst begonnen hat, den Blick über eine Wahlniederlage hinaus zu richten: "Trumps Berater arbeiten hart, um ihre eigene Zukunft zu planen, während sie versuchen, das Achterbahn-Finale dieses Wahlkampfes zu überstehen", schreibt Gabriel Sherman im "New York Magazine".

Alle Fakten zum neuen E-Mail-Fund und zur Rolle des FBI lesen Sie hier.

Video zu Frauen im US-Wahlkampf: Warum wir Donald Trump wählen - trotz allem

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insgesamt 61 Beiträge
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chopperreidhere 31.10.2016
1. Sie meinten wohl...
...über 100 Staatsanwälte und Richter mit demokratischen Parteibuch, die scharf sind auf einen Posten in der Clintonadministration. ;-)
felisconcolor 31.10.2016
2. Wahlkampf?
spannend? Ich glaube das kann nur noch jemand behaupten, der das Nachmittagsprogramm der privaten Sender für großes Kino hält. Man ist ja von vorangegangenen Wahlen in den USA schon einiges gewohnt. Aber dieses zur Zeit ist nur noch Schmierentheater. Und sowas von einer Nation die auf der Welt anderen beibringen will was gut und was schlecht ist? Ich muss M.M. Westernhagen Recht geben wenn er sagt "Die Leute sind zu dumm für Demokratie geworden". Das Ganze ekelt mich nur noch an.
r.muck 31.10.2016
3. ca. 80%
Das ist der Anteil der Deutschen die nach einer Umfrage für Hillary Clinton als US-Präsidentin sind. Ich sehe das anders. Mag Trump der grottenschlechte Demagoge sein, der Frauen als bloßes Sexobjekt sieht, der eine Mauer an der mexikanischen Grenze errichten will, der Minderheiten verhöhnt und in ihren Rechten beschneidet. So what? Für D ist das alles unerheblich. Deutschland und Europa wären mit der Bellizistin Clinton deutlich schlechter bedient als mit dem Isolationisten Trump. Und darauf kommt es für Europa an, nicht was Trump in den Staaten treibt.
udo l 31.10.2016
4. Ich würde
den US-Wahlkampf, analog zu einem anderen Bericht über diesen, einfach nur erbärmlich nennen.
Phil2302 31.10.2016
5. Es bleibt spannend
" Doch die jüngsten Kapriolen um Clinton haben seine Anhänger noch fanatischer und auch handgreiflicher gemacht" Das ist sicherlich richtig. Andersherum stimmt das jedoch auch, nur liest man hier nichts von Trumpanhängern, die von Clintonanhängern verprügelt werden. Zweitens: Es scheint unglaublich beliebt worden zu sein (seit wann eigentlich?), dass man nur noch den Nachrichtenüberbringer kritisiert, die Nachricht selbst ist weniger interessant. Man stelle sich vor, das FBI hätte jetzt so kurz vor der Wahl etwas gegen Trump veröffentlicht. Die Headline wäre etwa so: "Größter Skandal seit Watergate zwingt das FBI dazu, kurz vor der Wahl gegen Trump zu ermitteln". Da es gegen Clinton geht, sind sie leider nur die Buhmänner.
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