Latino-Gang MS-13 in den USA Jung, nervös, brutal

Um Einwanderer zu dämonisieren, beschwört US-Präsident Donald Trump oft die Latino-Gang MS-13. Dabei spielt die Vereinigung in den USA nur eine relativ geringe Rolle. Doch die Hetze geht auf.

MS-13-Gangmitglieder in San Salvador
REUTERS

MS-13-Gangmitglieder in San Salvador

Von , New York


Brentwood nennt sich das "Juwel von Long Island". Der Ort, eineinhalb Autostunden östlich von New York gelegen, umfasst nur wenige Straßen, die Holzhäuser sind schlicht, aber gepflegt. Mehr als zwei Drittel der Einwohner sind Latinos.

Doch erst Donald Trump hat Brentwood richtig bekannt gemacht. Vergangenen Sommer besuchte der US-Präsident das örtliche College. Seither kam er regelmäßig auf Brentwood zu sprechen, darunter auch in seiner Rede zur Lage der Nation. Zu der lud er sogar ein paar Leute aus Brentwood als Ehrengäste nach Washington ein.

Trump ist aber weniger daran interessiert, für Long Islands Idylle zu werben. Im Gegenteil: Er beschreibt das stille Brentwood und seine Nachbargemeinden als "blutgetränkte Schlachtfelder", die es nun zu "säubern" gelte. "Wir befreien unsere amerikanischen Städte!", brüllte er bei seiner Visite - und hat das inzwischen zu einem Slogan gemacht, den er bei fast jedem Auftritt wiederholt.

Trump 2017 in Brentwood, Long Island
AFP

Trump 2017 in Brentwood, Long Island

Befreien - wovon? Von der Latino-Gang MS-13: Trump bezeichnet die Gruppe als "Kartell" und ihre Mitglieder als "Tiere", was inzwischen auch offizieller Sprachgebrauch des Weißen Hauses ist.

Er hat die MS-13 zur Gefahr für die nationale Sicherheit erklärt und das Heimatschutzministerium sowie dessen Einwanderungspolizei ICE beauftragt, sie notfalls sogar mit militärischen Mitteln "auszurotten".

Um zu demonstrieren, wie bestialisch die MS-13 sei, umgibt sich Trump mit Hinterbliebenen ihrer Opfer - etwa besagten Ehrengästen in Washington - und ergeht sich in Gewaltfantasien: "Sie stechen auf einen ein und lassen einen langsam sterben." Wobei sich seine konfuse Syntax oft - kaum durch Zufall - so anhört, als meine er alle Einwanderer.

Demagogische Wunderwaffe

Trump hat in der MS-13 eine demagogische Wunderwaffe entdeckt, um seine Anti-Latino-Einwanderungspolitik durchzuboxen und die weiße Basis für die Midterm-Wahlen zu mobilisieren.

Seine Horrorstorys wirken offenbar: In einer kürzlichen Umfrage erklärte fast jeder zweite US-Amerikaner, die MS-13 sei eine "sehr ernste" oder "ernste" Bedrohung fürs Land. Am höchsten war dieser Anteil bei Trump-Wählern (85 Prozent), von denen 51 Prozent zudem Angst bekundeten, der MS-13 persönlich zum Opfer zu fallen.

Es ist eine perfide Strategie. Trump schürt Panik vor einer - hierzulande zuvor kaum bekannten - Gangsterbande, mit einer aufgeheizten Rhetorik, die Stimmung macht gegen eine gesamte ethnische Gruppe. Das gibt es auch in Europa und Deutschland - doch in den USA wird es zentral von ganz oben gesteuert: vom Weißen Haus.

"Mächtige Zwerge"

Dabei ist die MS-13 in Wahrheit zwar schlagzeilenträchtig brutal, doch zumindest in den USA weder ein "Kartell" noch landesweit organisiert: Ihre US-Mitglieder sind junge, lose Latino-Cliquen. "Die MS-13 ist eine Bedrohung - nur nicht, wie der Präsident das darstellt", sagte Tom Manger, der Polizeichef von Montgomery, einem Vorort von Washington, wo die Gang im vergangenen Jahr fünf Morde verübte, der "New York Times" unlängst. "Sie sind eine Bedrohung der kommunalen Sicherheit, aber keine nationale Bedrohung."

Von etwa 1,4 Millionen US-Gangmitgliedern gehören gut 10.000 der MS-13 an - knapp 0,7 Prozent. Auch hat sich diese Zahl seit 2003 kaum erhöht, trotz Trumps Behauptung, die MS-13 "überrollt" das Land. Von den jährlich mehr als 17.000 Morden in den USA wurden zuletzt nur 35 auf die MS-13 zurückgeführt.

Die investigative Journalistin Hanna Dreier, die viele Anhänger interviewt hat, vergleicht sie mit "gelangweilten, nervösen, hormongetriebenen Teenagern, nur mit Macheten". Manche Cops auf Long Island nennen die oft jungen Mörder "mächtige Zwerge".

Verbindungen nach Mittelamerika

Doch anders als die berüchtigten und weitaus größeren Banden "Crips" oder "Bloods" hat die MS-13 eindeutige Verbindungen nach Mittelamerika, die sich politisch ausschlachten lassen: Die meisten Mitglieder stammen aus El Salvador und suchen mit ihren Familien Asyl in den USA - ironischerweise oft auf der Flucht vor MS-13-Gewalttaten in ihrem Heimatland.

Die MS-13 - Kurzform für Mara Salvatrucha, was so viel heißt wie Guerilla-Gang - gründete sich in den Achtzigerjahren in Los Angeles aus Kindern von Einwanderern, die vor dem Bürgerkrieg in El Salvador flohen. Viele wurden wieder deportiert. Die Folge: Die MS-13 dehnte sich auf andere Länder aus und schickte ihre Mitglieder dann wiederum in die USA zurück.

In Kalifornien und anderen Latino-Enklaven, zum Beispiel Long Island, dient die Gang als - exzessiv blutrünstige - Ersatzfamilie für entwurzelte Jugendliche und Kinder. Auf Long Island hat die MS-13 in den vergangenen Jahren etliche brutale Gewalttaten verübt.

Erst kürzlich klagte die New Yorker Staatsanwaltschaft zwei Dutzend mutmaßliche MS-13-Mitglieder wegen Mordes, Körperverletzung und Brandstiftung an. Doch all diese Vorwürfe liegen mittlerweile Jahre zurück. Auch in Brentwood geschah der letzte MS-13-Mord im April 2017 - drei Monate vor Trumps Antrittsbesuch.

insgesamt 119 Beiträge
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Seite 1
Kurt-C. Hose 28.07.2018
1. Erstaunlich
dass sich SPON berufen fühlt, ausgerechnet eine der brutalsten Gangs der Welt zu verharmlosen. Aber als Argument gegen DT ist offenbar nichts abseitig genug. Und ja, eine Gang mit mehreren 100.000 gewaltbereiten (sonst wird man gar nicht aufgenommen) Mitgliedern und Verbindungen in die südamerikanischen Drogenkartelle IST ein nationales Problem.
Hundefuerst 28.07.2018
2. "Mächtige Zwerge"
Weil ohnehin nur 10.000 Gang-Mitglieder? Wikipedia: Die Mitgliederzahl der Mara Salvatrucha liegt Schätzungen zufolge zwischen 50.000 und 100.000 Und die Mara Salvatrucha ist nur eine unter mehreren Latino-Gangs. Crips, Bloods, Nuestra Familia, Mexican Mafia und die 18th Street Gang, etc. - alle ganz lieb und klein. Bitte nicht böse sein, aber Verharmlosung ist zu diesem Thema unangebracht.
tiram 28.07.2018
3. Verharmlosung
Es kommt nicht auf die Anzahl der Morde an . Diese Gangs nutzen die Demokratien aus um Ihre Schandtaten im Untergrund zu begehen. Auf Rauschgiftkriminalität folgt später Jonalistenbedrohung.Dann mexikanische Verhältnisse.
fg3wrfv 28.07.2018
4. ...
SPON verharmlost brutalste Gang-Gewalt, um gegen Trump Kampagne zu machen. Genauso armselig wie Trump selbst.
spon-1280768952714 28.07.2018
5. Nur mit Macheten?
Die investigative Journalistin Hanna Dreier, die viele Anhänger interviewt hat, vergleicht sie mit "gelangweilten, nervösen, hormongetriebenen Teenagern, nur mit Macheten". Na, dann ist ja alles halb so schlimm, wenn es nur um brutale Mörder und gelangweilte Jugendliche mit Macheten geht.
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