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26. Januar 2017, 13:54 Uhr

Selbstgerechter Protest

Die Vertrumpung der Welt

Eine Kolumne von

Jetzt empören sich jene Eliten über Trump, die ihn doch selbst ermöglicht haben. Das nervt. Sie sollten sich lieber fragen: Was, wenn er Erfolg hat?

Nicht nur die Wirtschaft kennt Globalisierung. Auch die Empörung globalisiert sich. Schwule, Frauen, Journalisten, Städter, Professoren aller Länder - vereint gegen Trump! Jetzt machen alle mit beim Blacklivesmatteroccupywomensmarch. Aber wo war der Protest, als das Fundament für Trumps Erfolg gelegt wurde? Die liberale Gesellschaft hat in der Vergangenheit bitter versagt. Und auf die wichtigste Frage der Zukunft hat sie keine Antwort: Was, wenn Trump Erfolg hat?

Die Sängerin Madonna ist jetzt über ihren neuen Präsidenten so empört, dass sie davon träumt, "das Weiße Haus in die Luft zu jagen". Das hat sie so gesagt. Dümmere Sachen sagt Trump auch nicht. Beim Women's March in Washington haben sich Madonna und all die Frauen mit den rosa Mützen ihre Wut aus dem Leib geschrien. Aber als die Früchte der Globalisierung unfair verteilt wurden, als die Arbeiter ihre Jobs verloren und die Familien ihre Häuser, wie laut war da der Protest?

Selbstgerechtigkeit ist es, wenn die Ungerechtigkeit erst dann zum Anliegen wird, wenn man sich selbst betroffen wähnt.

Die Bürgersfrauen, die Journalisten, die Schwulen, die Professoren, die Künstler, die jetzt gegen Trump protestieren - sie waren in der Vergangenheit die Profiteure eines Systems, das sich um Rechte gekümmert hat, und dabei Gerechtigkeit völlig außer Acht ließ.

"Flyover states" heißt das weite Land, in dem Trump gewonnen hat. Die Flugzeuge fliegen nur darüber hinweg auf dem Weg von Küste zu Küste, wo die liberale Gesellschaft lebt. Das ist nicht nur ein amerikanisches Phänomen: In der ganzen westlichen Welt hat die Masse der Abgehängten in der Vergangenheit den Kondensstreifen der Globalisierung hinterhergeblickt.

Donald Trump, der Milliardär im Gewand des Volkstribuns, ist die Antwort. Er ist der Beweis für ein trauriges Gesetz: In seiner Krise gebiert der Kapitalismus den Faschismus, und die Demokratie ist dagegen nicht nur machtlos, sie bereitet den Weg. Dieser Mann hat sich nicht an die Macht geputscht. Er wurde demokratisch gewählt.

Die Vertrumpung der Welt ist die Tragödie unserer Gegenwart. Denn wir lernen nicht. Das Missverständnis geht weiter, die Spaltung wird tiefer.

In der "New York Times" verspottet ein Linguist die simple Wortwahl des neuen Präsidenten, der nur "rede", nicht "spreche". Diese dumme Arroganz ist ein Beweis der eigenen Sprachlosigkeit. Solche Liberalen haben den Abgehängten, die Trump & Co. wählen, nichts mehr zu sagen.

Unerschütterlich schwärmen wir von der liberalen Demokratie und der bedeutenden Rolle der Medien, als sei das Versagen von Demokratie und Medien nicht längst offensichtlich.

Spott ist eine schwache Waffe gegen die Wirklichkeit

In der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" hat Stefan Niggemeier uns alle aufgefordert, uns gegen die Wirklichkeit zu wehren. Wir dürften uns, schreibt der Journalist, an diesen Präsidenten nicht gewöhnen und unsere Vorstellungen von Normalität von ihm nicht verändern lassen. Was für ein trauriger Rat! Es waren "unsere" Vorstellungen von Normalität, aus denen Trumps Erfolg erwachsen ist. Wir sind schuld.

Spott ist eine schwache Waffe gegen die Wirklichkeit. Trump hat gesagt, er werde "Straßen, Brücken, Tunnel, Flughäfen, Schulen und Krankenhäuser" erneuern und Millionen von Arbeitsplätzen schaffen: "Ich werde der größte Jobproduzent sein, den Gott jemals schuf." Und die Liberalen haben gelacht: Gottes Hand im Arbeitsmarkt? Das Lachen sollte ihnen ebenso im Hals stecken bleiben wie ihre Empörung. Der Dow Jones hat die historische Marke von 20.000 Punkten überschritten.

Das Trump-Fieber ist ausgebrochen. Auf der ganzen Welt sorgte sich die liberale Gesellschaft um die Folgen der amerikanischen Wahl. Und der Kapitalismus der Märkte zeigt, was ihm diese Sorgen bedeuten: nichts.

Trump will ein Konjunkturprogramm auflegen, das jedem Keynesianisten das Herz vor Freude hüpfen lassen kann. Die Firmen, auch die Deutschen, haben begonnen, mit Trump zu planen. Da kann die Kanzlerin die deutsche Industrie noch so inständig bitten, "nicht aus kurzfristigen Opportunitätsgründen zu schnell von dem abzuweichen, das wir als grundlegend richtige und erfolgreiche Prinzipien erkannt haben. Wer nicht für seine Ideale, für seine Grundwerte eintritt, wer um des kleinen Vorteils willen kurzfristig die Grundlage aufgibt, der wird nicht dauerhaft erfolgreich sein."

Ab welcher Frist man von Erfolg spricht - im Staat, im Unternehmen - das kann schließlich jeder für sich selbst entscheiden. Für Trump genügen erst einmal vier Jahre. Dann ist Wiederwahl. Bis dahin könnte sich erweisen, dass zur autoritären Politik eine autoritäre Wirtschaftspolitik gut passt, wie sie Trump offenbar vorschwebt. Das hat dann, wie die "FAZ" bemerkt, mit westlicher Marktwirtschaft nicht mehr viel zu tun - sondern eher mit der gelenkten Wirtschaft Chinas.

So sieht es aus, das Ende des liberalen Zeitalters.

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