Leben im Donbas Gräben durch die Herzen

Awdijiwka ist Frontstadt in der Ostukraine. Durch die Vororte ziehen sich Schützengräben. Für Vera und ihren Sohn Dima ist es Heimat - die vor ihren Augen verschwindet.

Till Mayer

Aus Awdijiwka im Donbas berichtet


Vera blättert in der Vergangenheit. Die beginnt in ihrem Fotoalbum noch vor der Oktoberrevolution. Ein Mann in Kosakenuniform blickt ernst in die Kamera. Mit langem Dolch, Patronengurt und Fellmütze. Neben ihm steht seine Braut. Auch sie kann sich an ihrem Hochzeitstag kein Lächeln abringen. "Das sind mein Großvater und meine Großmutter. Sie waren keine Kosaken. Aber es war damals sehr modern in der Gegend, sich wie ein Kosake fotografieren zu lassen", sagt Vera stolz.

Sie selbst sitzt mit einer Pelzmütze im Cafe Ukraine mitten in Awdijiwka. Vor der 49-Jährigen dampft Tee, draußen ist alles in Weiß getaucht. Von der Hauswand eines grauen Wohnblocks lächelt die Muttergottes. Zwei Soldaten stapfen vorbei und schieben sich durch die Tür des angrenzenden Supermarkts. Eine Mutter zieht ihren Sprössling im Schlitten, alte Menschen versuchen, auf dem vereisten Schnee nicht ins Schlingern zu geraten. Es sind keine lauten Stimmen zu hören, kein Hupen, kein Verkehrslärm. In diesem Moment ist Awdijiwka eine seltsam stille Stadt. Dabei liegt sie an der Front. Hier die ukrainische Armee, dort von Russland unterstützte Separatisten. Seit 2014 herrscht Krieg im Donbas.

Vera beginnt die Zeitreise durch Jahrzehnte privater Sowjetgeschichte mit ihren Großeltern. Dann blicken Fronturlauber des Zweiten Weltkriegs aus dem Album, auch sie mit ernstem Gesicht. Auf den nächsten Seiten sind Verwandte und Freunde zu sehen. Vera taucht im Bild als ein strohblondes Mädchen mit keckem Blick auf. Auf anderen Aufnahmen grinsen Jungs mit roten Pionier-Halstüchern. Mädchen tragen mächtige Stoffblumen in den Zöpfen. Die schönen Seiten des Alltagslebens in der Sowjetunion hat Vera mitgebracht, in Schwarz-Weiß und auf ausgeblichenen Farbfotos.

Der Umbruch bringt für viele harte und entwürdigende Armut

Vera wächst in Horliwka im Donbas auf, etwas mehr als 50 Kilometer von Awdijiwka entfernt. Der Bruder baut sich im Nachbarland eine Existenz auf, ein anderer Bruder auf der Krim. Die Neunzigerjahre bedeuten für sie alle einen Überlebenskampf. Der einst übermächtige Staat ist jetzt schwach, Gesetze gelten wenig. Ein Verwandter wird in Horliwka von der Mafia umgebracht, als er ein kleines Geschäft eröffnet. Die Mörder sind bis heute nicht gefunden.

Vera richtet sich mit ihrem Mann 1998 ein Leben in Awdijiwka ein. Die ganze Familie ist in der Ukraine und Russland verteilt. Es ist nichts Ungewöhnliches, Verwandte in den jeweiligen Nachbarländern zu haben. In Awdijiwka ist es die Norm.

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Donbas: Leben in einer gezeichneten Stadt

"Die Donezker Region ist halt doch die Heimat. Deswegen bleibe ich hier", seufzt sie. Eine Heimat, die man wirklich lieben muss, um heute dort zu leben. Die Wohnblocks empfangen den Besucher mit dem Charme der Sowjetzeit. Eine Kokerei bläst Dampfwolken in den Himmel und bei ungünstigem Wind stinkende Abgase durch die Straßen.

Ihr Mann ist seit Jahren tot, als der Konflikt begann, starb er an Krebs. Doch damals, in den späten Neunzigerjahren und am Anfang des neuen Jahrtausends, waren Vera und er ein Team. Ein Team im Kleinbus. Er saß am Steuer, sie verkaufte und kontrollierte die Tickets für ein Busunternehmen. So pendelten sie mehrmals täglich zwischen Donezk und Awdijiwka. "Da draußen, gleich an der Hauptstraße, war die Haltestelle. Unglaublich, wenn ich das heute erzähle. Jeden Tag sind wir die zehn Kilometer problemlos und schnell zigmal hin- und hergefahren. Das letzte Mal, als ich zum Verwandtenbesuch nach Donezk gereist bin, war ich hin und zurück fast 30 Stunden unterwegs. All die Checkpoints und Kontrollen, das dauert", klagt sie. "Kontaktlinie" heißt die Frontlinie offiziell. Sie zieht sich durch Herzen, zerreißt Familien.

Vera blickt nachdenklich in ihr Teeglas, als sie vom Leben an der Front erzählt. Ihre Geburtsstadt Horliwka ist zum Großteil unter der Kontrolle der Separatisten. Keine drei Kilometer Luftlinie von ihrem kleinen Häuschen am Stadtrand von Awdijiwka entfernt, beginnt die Promka: das ehemalige Industriegebiet der Stadt. Heute ist es ein Trümmerfeld. Dort haben sich die ukrainischen Soldaten eingegraben, nachdem sie die Viertel von den Separatisten 2014 zurückerobert hatten. Jetzt schlängeln sich Schützengräben zwischen den Ruinen.

Vor allem nachts ist es mit der Stille in Awdijiwka vorbei. Dann hören Vera und ihr zwölfjähriger Sohn Dima von dort das Knattern der Maschinengewehre, die dumpfen Einschläge. "Wir haben uns an den Kriegslärm gewöhnt", sagt sie. Auch daran, dass man immer wieder nachts im Keller Schutz suchen muss. Immer wieder eine Granate, die mitten in Wohngebieten einschlägt. Im letzten Wohnblock Richtung Donezk hat Panzerbeschuss riesige Löcher in das Mauerwerk gerissen. Einige Bewohner des Blocks sind trotzdem geblieben. Von den 35.000 vor dem Konflikt sind geschätzt nur noch etwa die Hälfte in Awdijiwka. Der Rest ist geflohen, zu Verwandten und in sicherere Teile der Ukraine.

"Alles geht auseinander und zerbricht"

"Niemand hätte gedacht, dass so etwas passieren könnte. Dass wir wieder Krieg haben, dabei auf uns selber schießen. Das ist verrückt. Das Leben war zuvor schon hart genug. Jetzt ist alles noch schlimmer geworden", sagt die 49-Jährige. Sie bekommt keine 50 Euro Witwenrente, Massagestunden bringen einen kleinen Zuverdienst. Unterstützung gibt es auch vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (IKRK). Das IKRK hilft, damit Sohn Dima seine Boxstunden nehmen kann. Der Junge schlägt sich bei Wettbewerben tapfer. "Vielleicht wird er ja ein Profiboxer", sagt die Mutter. Auf jeden Fall merkt sie, wie gut dem Jungen seine Erfolge in dieser trostlosen Zeit tun: "Es schmerzt mich, Hilfe annehmen zu müssen. Aber durch den Krieg gibt es kaum noch Arbeitsstellen."

Leben im Kriegsgebiet Donbass

Ihr Leben bietet wenig Zeit zum Träumen. "Nicht nur, dass der Krieg die Arbeitsplätze zerstört. Er ist auch in den Köpfen. Ein Teil der Verwandtschaft ist für die Separatisten, der andere fühlt sich voll und ganz als Ukrainer. Der Streit geht am Telefon weiter, bei Besuchen und in E-Mails. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in irgendeiner Familie in der Stadt anders ist. Meine Verwandtschaft in Donezk sehe ich so gut wie gar nicht mehr. Alles geht auseinander und zerbricht", erzählt sie traurig. Auch, wenn sie an ihren Mann denkt. "Wie sehr würde ihn das schmerzen, all diesen Wahnsinn zu sehen", so Vera leise.

Stolz zeigt sie noch ihren Dima als Turniergewinner, packt das Fotoalbum ein und marschiert nach Hause. Der Schnee knirscht unter den Füßen, vom Rand der Stadt kann sie in der Ferne Donezk sehen. Ein trauriger Anblick für Vera. Oft denkt sie an ihren Mann und ihre gemeinsamen Fahrten im Linienbus. Eine Erinnerung aus einer Zeit, die so unerreichbar fern scheint wie die des Großvaters im Kosakenkostüm. Dabei ist sie keine vier Jahre her.

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Seite 1
eunegin 30.03.2018
1. Fazit: Krieg ist IMMER Mist
Deutsche, Russen, Ukrainer, Polen und alle rundherum kennen den Krieg und was er für unsere Familien bedeutet. Deshalb sollten wir alles tun, um so etwas zu vermeiden. Und etwas menschliches Verständnis für diejenigen aufbringen, die mit ihren Familien davor fliehen.
hugahuga 30.03.2018
2.
Dank für diesen Bericht. Lönnte mir aber auch gut vorstellen, dass jetzt ein Bericht über die Kurden in und um Afrin notwendig wäre. Dieses ist hochaktuell, da der türkische Diktator dabei ist, noch mehr syrisches Gebiet zu besetzen. Zu fragen ist auch, inwieweit ihm dabei deutsche Waffen helfen. Oder darf das nicht thematisiert werden, weil Merkel sonst in Bedrängnis gebracht werden könnte?
gluonball 30.03.2018
3.
Zitat von hugahugaDank für diesen Bericht. Lönnte mir aber auch gut vorstellen, dass jetzt ein Bericht über die Kurden in und um Afrin notwendig wäre. Dieses ist hochaktuell, da der türkische Diktator dabei ist, noch mehr syrisches Gebiet zu besetzen. Zu fragen ist auch, inwieweit ihm dabei deutsche Waffen helfen. Oder darf das nicht thematisiert werden, weil Merkel sonst in Bedrängnis gebracht werden könnte?
Ach hören sie doch mit den deutschen Waffen auf. Das wird doch immer nur benutzt um "uns" selbst die Schlud zu geben. So fühlt man sich besser weil man selbst was tun könnte. Die Realität ist: 1. Die Türkei war in der Nato. Wenn wir die Panzer nicht verkauft hätten, dann hätte es die USA getan. Dass die Türkei in die Nato kam war den USA unbezahlbar, dafür haben sie damals alles, wirklich alles getan. 2. Auch wenn wir heute keine Panzer mehr verkaufen würden, würde Russland/China oder vllt auch die USA(immer noch) bereit stehen. Russland verkauft der Türkei ja auch Luftabwehr, würde also wohl kaum bei Panzern eine Linie ziehen. Die harte Wahrheit ist eben: Das ist die Verantwortung der Türkei. Klar kann man Sanktionen usw. bemühen aber die haben noch nie was genutzt. "Wir" sind also einfach nicht beteiligt und das ist eben hart zu begreifen.
vorsicht 30.03.2018
4.
Eine traurige Geschichte und sicher könnte man diese genauso jenseits der Kontaktlinie aufschreiben. Oder sogar noch krasser, denn dahin gelangen nur Hilfsgüter aus Russland. Rentenzahlungen wurden von der Kiewer Regierung gestoppt. Beschuss gibt es täglich. Wenn man bedenkt, dass berechtigte Forderungen der Demonstranten auf dem Maidan missbraucht wurden von gekauften Nazis und Söldnern, unterstützt von den USA /EU, dieses Leid der Menschen gewissenlos in kauf nehmend., wird einem klar, was ein Menschenleben den „Demokratiebringern“ wert ist. Das Jahr 2014 war eine Zäsur.
ulrich-lr. 30.03.2018
5. Menschenschicksale
Danke für den floskellosen Bericht darüber, wie Menschen vor Ort solche Konflikte ausbaden müssen. Ein ganz wichtiger Aspekt wird angesprochen: Wie sehr solche Konflikte polarisieren. Immerhin liest man hier, dass es eben tatsächlich dort ganz gewöhnliche Menschen gibt, die für die Separatisten Partei ergreifen. Dieser Umstand wird nach meinem Eindruck zu oft ausgeblendet oder verdrängt. Ich bezweifle, dass Aussöhnung unter einem gemeinsamen Dach realistisch ist, so lange kein vernünftiges Angebot an diejenigen gemacht wird, die sich eben nicht als Ukrainer sehen. Und ich bezweifle aufgrund der bisherigen Erfahrung, dass Kiew dazu überhaupt ansatzweise bereit ist.
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