Dover Air Force Base US-Militär entsorgte Körperteile von Kriegstoten auf Mülldeponie

Das US-Militär ist in Erklärungsnot: Einem Bericht der "Washington Post" zufolge sollen auf der Dover Air Force Base Körperteile von amerikanischen Kriegstoten verbrannt und danach auf eine Mülldeponie geschafft worden sein. Angehörige gefallener Soldaten sind empört.

Dover Air Force Base: Soldaten tragen einen Sarg
AP

Dover Air Force Base: Soldaten tragen einen Sarg


Washington - Auf der Dover Air Force Base im US-Bundesstaat Delaware wurden laut einem Bericht der "Washington Post" jahrelang die Körperteile von getöteten US-Soldaten verbrannt und anschließend auf einer Mülldeponie in Virginia entsorgt. In den Jahren von 2003 bis 2008 sei dies gängige Praxis gewesen, heißt es in dem Zeitungsbericht unter Berufung auf Vertreter des Militärs. Allerdings seien lediglich Körperteile verbrannt worden, die keiner Leiche zugeordnet werden konnten oder die nach der Bestattung des betroffenen Soldaten erst verspätet im Kriegsgebiet - etwa im Irak oder in Afghanistan - aufgefunden wurden.

Die Dover Air Force Base ist der Ort, an dem die Leichen und die sterblichen Überreste von US-Soldaten untersucht werden, die bei Kriegseinsätzen im Ausland ums Leben kamen. In manchen Fällen sind die Toten wegen entstellender Verletzungen kaum oder gar nicht zu identifizieren.

Der "Washington Post" zufolge wurden die Angehörigen von dem Luftwaffenstützpunkt nicht über die Entsorgung auf der Mülldeponie informiert. Gari-Lynn Smith, Frau eines getöteten Soldaten, sagte, sie sei davon ausgegangen, dass der Leichnam ihres Mannes mit "Würde, Liebe und Respekt" behandelt werde. Sie sei über das Vorgehen der Air Force "empört und entsetzt" - Smiths Mann war 2006 im Irak durch eine Bombe getötet worden. Erst im vergangenen April erfuhr sie, dass Teile der Leiche verbrannt und in Virginia entsorgt worden sind. "Ein Alptraum", so Smith.

Zwar hat die Leichenhalle der Air Force Base inzwischen ihre Praxis geändert, statt der Entsorgung auf der Mülldeponie gibt es seit 2008 Seebestattungen, aber der Luftwaffenstützpunkt gerät damit immer stärker in die Kritik. Zuletzt hatte die "Washington Post" berichtet, dass auf dem Stützpunkt Leichenteile verschwunden sind.

Die Vorfälle wurden durch einen Ermittlungsbericht der U.S. Air Force bekannt, der auf die Beschwerde dreier Mitarbeiter zurückgeht. Sie hatten sich über Fehlverhalten von Vorgesetzten in 14 Fällen beklagt und damit Ermittlungen der US-Luftwaffe ausgelöst.

In einem Fall soll einer Leiche der Arm abgesägt worden sein, weil der Tote sonst nicht mehr in die Uniform gepasst hätte - die Angehörigen hatten gebeten, den Toten in seiner Uniform zu beerdigen. Sie erfuhren aber nichts davon, dass die Mitarbeiter der Leichenhalle dem Toten dafür den Arm absägten.

Der "Washington Post" zufolge wollten sich die Verantwortlichen des Luftwaffenstützpunktes nicht dazu äußern, ob sie die Entsorgung von Leichenteilen auf der Mülldeponie für würdig und angemessen erachteten. Generalleutnant Darrell G. Jones sagte demnach, dass das Militär inzwischen eine bessere Methode entwickelt habe. Jones konnte auch keine Angaben machen, in wie vielen Fällen Körperteile auf der Müllanlage entsorgt wurden.

Der "Washington Post" zufolge gab es inzwischen Disziplinarstrafen für drei leitende Mitarbeiter der Leichenhalle, es sei aber niemand entlassen worden. Rechtsanwälte und Veteranenorganisationen hatten sich für schärfere Konsequenzen ausgesprochen. Die gefallenen Soldaten müssten mit Würde und Respekt zu ihren Angehörigen gebracht werden, aber die Verantwortlichen der Dover Air Force Base hätten versagt, erklärte Richard L. DeNoyer, Chef der Veteranenorganisation VFW (Veterans of Foreign Wars).

Ein Sprecher des US-Verteidigungsministeriums verurteilte am Dienstag die Vorgänge in dem Luftwaffenstützpunkt und schloss weitere rechtliche Konsequenzen nicht aus.

hen

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insgesamt 52 Beiträge
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Seite 1
Thomas Kossatz 10.11.2011
1. Titel
Mir fehlt jede Vorstellung, wie man mit diesen herrenlosen Teilen hätte umgehen sollen. Sie entspricht nach meiner Kenntnis dem, was auch Krankenhäuser mit amputierten Körperteilen machen. Klingt zwar grausam, ist aber irgendwie auch nachvollziehbar. Ein Ehrenmal für den "unbekannten linken Fuß" wird wohl niemand fordern.
beegentoo 10.11.2011
2. In den USA sieht man das vermutlich anders.
Zitat von Thomas KossatzMir fehlt jede Vorstellung, wie man mit diesen herrenlosen Teilen hätte umgehen sollen. Sie entspricht nach meiner Kenntnis dem, was auch Krankenhäuser mit amputierten Körperteilen machen. Klingt zwar grausam, ist aber irgendwie auch nachvollziehbar. Ein Ehrenmal für den "unbekannten linken Fuß" wird wohl niemand fordern.
Die Amerikaner sehen das vermutlich etwas anders. Immerhin riskierte der Soldat sein Leben für die Freiheit und Demokratie in den U.S.A., ja sogar der ganzen weiten Welt. Dass bei dieser Thematik in diesem Land jegliche Objektivität gerne mal abhanden kommt, sollte nicht verwundern. Schmutzige Details bekommt man eben nur ungern vor die Nase gesetzt.
Mimimat 10.11.2011
3. Titel verweigert
Zitat von Thomas KossatzMir fehlt jede Vorstellung, wie man mit diesen herrenlosen Teilen hätte umgehen sollen. Sie entspricht nach meiner Kenntnis dem, was auch Krankenhäuser mit amputierten Körperteilen machen. Klingt zwar grausam, ist aber irgendwie auch nachvollziehbar. Ein Ehrenmal für den "unbekannten linken Fuß" wird wohl niemand fordern.
Zustimmung. Selbst wenn das Bein eines bereits bestatteten gefunden wurde, wird es schwierig. Wie soll man da vorgehen? "Sie müßten das Grab noch mal öffnen, das fehlt nämlich noch was."? Jede Wette, auch dann gäbe es harsche Kritik von Angehörigen, egal, wie pietätvoll man es erklären will.
Teile1977 10.11.2011
4. Respekt
Zitat von Thomas KossatzMir fehlt jede Vorstellung, wie man mit diesen herrenlosen Teilen hätte umgehen sollen. Sie entspricht nach meiner Kenntnis dem, was auch Krankenhäuser mit amputierten Körperteilen machen. Klingt zwar grausam, ist aber irgendwie auch nachvollziehbar. Ein Ehrenmal für den "unbekannten linken Fuß" wird wohl niemand fordern.
Diese Soldaten sind für ihr Land gestorben. Wäre es da zuviel verlangt in der Ecke eines Friedhofes eine kleine Grube auszuheben um die Menschlichen Teile zumindest Würdevoll zu begraben? Stellen sie sich vor ihr Sohn käme bei einer Bombenexplosion um. Möchten sie dann das seine Einzelteile auf einer Müllhalde landen?
danduin, 10.11.2011
5. Mehr Würde kostet nicht viel
Zitat von Thomas KossatzMir fehlt jede Vorstellung, wie man mit diesen herrenlosen Teilen hätte umgehen sollen. Sie entspricht nach meiner Kenntnis dem, was auch Krankenhäuser mit amputierten Körperteilen machen. Klingt zwar grausam, ist aber irgendwie auch nachvollziehbar. Ein Ehrenmal für den "unbekannten linken Fuß" wird wohl niemand fordern.
Es geht hier nicht um Amputationen, sondern um die Überreste einer Person, die für sein Vaterland gestorben ist. Ich wollte auch nicht, dass wenn ich schon für dieses Land sterbe, dass man einigermaßen respektvoll mit meinen letzten Überresten umgeht. Von mir aus eine Feuerbestattung und die Asche auf den Friedhof oder ins Meer. Ist ja wohl nicht zu viel verlangt. Von mir aus können Krankenhäuser mit ambutierten Gliedmaßen so umgehen, wie sie beschrieben, sofern es sich nicht um die letzten Überreste einer Person handelt.
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