Dramatische Dürre in Ostafrika "Eine Hungersnot der Kinder"

Mütter sehen ihre Kinder sterben, andere müssen ihre Babys auf der Flucht zurücklassen: Die Hungersnot in Ostafrika trifft die Schwächsten. 500.000 Kinder sind laut Unicef akut vom Hungertod bedroht. Mit einem Aktionsplan will die internationale Gemeinschaft nun ihre Hilfe aufstocken.

AP

Rom - Internationale Hilfsorganisationen haben sich mit einem dringenden Appell an die Weltgemeinschaft gewandt, um den Millionen Hungernden am Horn von Afrika zu helfen. Die Not der Kinder in Somalia "ist das Schlimmste, was ich je gesehen habe", sagte etwa die Chefin des Welternährungsprogramms, Josette Sheeran. In den Flüchtlingslagern habe sie Frauen getroffen, deren Kinder in ihren Armen gestorben seien. Andere hätten ihre Babys auf der Flucht zurückgelassen und die entsetzliche Entscheidung treffen müssen, nur die stärksten Kinder zu retten.

Unicef-Direktor Anthony Lake sprach von einer "Hungersnot der Kinder". In Somalia, Äthiopien, Kenia und Dschibuti seien bereits über 2,3 Millionen Kinder akut mangelernährt. Über 500.000 von ihnen seien so ausgezehrt, dass nur eine sofortige Behandlung ihr Leben retten könne.

Die Uno-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) hatte für Montag zu einem Krisentreffen in Rom eingeladen, Vertreter aus 190 Staaten, von Hilfsorganisationen und regionalen Entwicklungsbanken kamen. Am Rande der Sitzung riefen die Vereinten Nationen angesichts der verheerenden Lage in Ostafrika zu massiven Hilfen auf. Die katastrophale Dürre verlange dringende internationale Hilfe, sagte Jacques Diouf, Chef der FAO. Es gehe darum, Menschenleben zu retten.

Nach Angaben von Uno-Vertretern in Rom spendete die Weltgemeinschaft seit einem ersten Hilfsappell im November 2010 rund eine Milliarde Dollar. Bis zum Jahresende werde aber noch eine weitere Milliarde gebraucht.

Erste finanzielle Zusagen gab es bereits am Montag:

Die Situation ist dramatisch: Nach der schwersten Dürre der vergangenen 60 Jahre sind nach Schätzungen der Uno in Somalia, Kenia, Äthiopien, Dschibuti, Sudan und Uganda rund zwölf Millionen Menschen von Nahrungsmittelknappheit betroffen. Zehntausende starben bereits.

Bei der internationalen Konferenz in Rom wurde nun ein zweigleisiger Aktionsplan beschlossen.

  • Dabei geht es zum einen um Soforthilfe, etwa um die Verteilung von Nahrungsmitteln und Trinkwasser in den betroffenen Gebieten. Kleinkinder, Schwangere und stillende Mütter, die als besonders verletzlich gelten, sollen zudem vorbeugend kalorienreiche Zusatznahrung bekommen.
  • Andererseits brauche es vor Ort langfristige Maßnahmen: Bauern und Fischern müsse Hilfe zur Selbsthilfe gegeben werden. Laut FAO muss die internationale Gemeinschaft den Landwirtschaftsektor unterstützen und Investitionen in dessen Entwicklung intensivieren. Besonders unterstützt werden sollten hier etwa Hirten sowie Landwirte mit Viehzucht. Die nationalen Regierungen der betroffenen Staaten sollen eng eingebunden werden.

Doch gerade im von Anarchie und Gewalt geprägten Somalia haben internationale Organisationen große Schwierigkeiten, den Menschen zu helfen. Dort hat die Uno zwei Regionen zu Hungergebieten erklärt. Am Wochenende musste sie jedoch mitteilen, es gebe keine Möglichkeit, mehr als zwei Millionen vom Hungertod bedrohten Somaliern zu helfen. Der Zugang zu den Menschen werde verwehrt.

Die radikalislamische Schabab-Miliz unterbindet dort die Hilfe an die Notleidenden. Sie hatte im vergangenen Jahr Lebensmittelhilfen verboten und wirft den Hilfsorganisationen nun vor, nur aus politischen Gründen von einer Hungersnot zu sprechen.

Wie brutal die Milizionäre vorgehen, zeigt der Mord an mehreren Menschen am Wochenende. Nach Angaben der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) köpften die Extremisten mehrere Viehhirten öffentlich. Anschließend hätten Mitglieder der Miliz die Leichen auf Geländewagen durch die Stadt Afgooye gefahren, um die Bevölkerung einzuschüchtern. Grund: Die Hirten hätten sich geweigert, den Rebellen ihre wenigen trotz Hungersnot überlebenden Tiere auszuhändigen.

"Der Krieg und die Hungersnot in Somalia werden durch Menschenrechtsverletzungen aller Konfliktparteien immer weiter angeheizt", betonte der GfbV-Afrikareferent Ulrich Delius. Schabab-Milizionäre gingen mit großer Brutalität gegen Zivilisten vor, die nicht ihren Anordnungen folgten. Zudem behinderten sie willkürlich internationale Hilfe. Die Not hat bereits Tausende Somalier aus ihrer Heimat getrieben.

kgp/AFP/dpa/dapd



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